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Die Zeichen des nahenden Todes waren unübersehbar: Schnappatmung, und die Gliedmaßen der alten Frau waren bereits marmoriert. Ich wechselte die Windel und lagerte sie um. Eine Stunde vor meinem Feierabend kam ich dazu, als sie das Leben aushauchte. Ich legte ihre Hände auf dem Bauch zusammen und strich ihr über die Haare. Ihre Augen waren geschlossen. Mit einem feuchten Waschlappen wischte ich ihren Mund ab. Etwas schaumiger Speichel rann ihr aus dem Mundwinkel.
Nun hatte ich in meiner letzten Nacht noch meinen letzten Sterbefall. Für die Frau empfand ich es als Erlösung. Seit einem Schlaganfall vor zwei Wochen war sie bettlägerig und lehnte das Trinken und Essen ab. Die Tochter (und Betreuerin) wollte sie nicht ins Krankenhaus verlegen lassen. Es wäre nicht im Sinne ihrer Mutter, sagte sie, sie solle in ihrer gewohnten Umgebung sterben …
Ich rief Tochter und Bereitschaftsarzt an.
Eine halbe Stunde später liefen meine Kollegen vom Frühdienst ein. Ich übergab meinen Spindschlüssel. Es blieb nicht viel zu sagen - ein Händedruck, ein Schulterklopfen, eine klamme Umarmung, ein verlegenes Lächeln ...
Eine Grußkarte und ein paar Süßigkeiten für Bewohner und Arbeitskollegen drapierte ich auf dem Tisch der Pausenecke. Beinahe kam es mir vor, als würde ich mich davonstehlen.
Die Morgenluft war frisch. Ich trat hinaus ins Zwielicht.

steppenhund - 28. Sep. 14, 19:41

Alles Gute für ein neues Leben!

bonanzaMARGOT - 28. Sep. 14, 19:50

ein neues leben wird es wohl nicht gleich werden. aber es ist eine richtungsänderung.

vielen dank, steppenhund!
iGing - 28. Sep. 14, 23:48

Mir fällt gar nichts mehr ein, was ich nicht schon geschrieben hätte ... außer vielleicht: Mut tut gut!

(Was ist aus deinem Zeugnis geworden?)

bonanzaMARGOT - 29. Sep. 14, 10:02

das leben erfordert in jedem fall mut.
danke iging.

ich gab das umgeschriebene zeugnis am freitag abend ab. mein chef wird es erst heute in die finger kriegen und lesen.
abwarten und teetrinken.

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