Samstag, 20. Mai 2017

Wind of Change


Erstens anders, zweitens als gedacht. Ich denke, dies gilt für alle Veränderungen und jeden Wechsel im Leben. Ganz egal ob Beziehungs- oder Wohnungswechsel, ob ein anderer Arbeitsplatz, eine Reise, Veränderungen durch Krankheit oder Unfall, durch den Tod liebgewonnener Menschen, durch Veränderungen in Glauben und Lebenseinstellung…
Niemals kann man sich vorher genau ausmalen, wie es unter den anderen Lebensumständen sein wird. Verständlich darum Unsicherheit und Ängste im Vorfeld. Es ist gut, dass wir nicht leichtfertig ins Ungewisse aufbrechen. Auf der anderen Seite ist es auch nicht gut, am Alten und Gewohnten unwiderruflich festzukleben. Es gibt Phasen im Leben, wo der Wind der Veränderung kräftiger bläst als in anderen. Manchmal wissen wir gar nicht, wie uns geschieht. Nicht alles ist vorhersehbar und planbar. Die Seele setzt die Segel…

Auf dem Weg zum Büro komme ich an einer Schule vorbei, kurz vor Unterrichtsbeginn. Die Halbwüchsigen, junge Frauen und Männer stehen in Grüppchen zusammen, plaudern und rauchen. Ich radle weiter die Steinmetzstraße entlang, vorbei an der Eckkneipe, wo ich in der Mittagspause mein Bier trinke, mache einen Schlenker nach rechts zur Potsdamer Straße, auf der sich bereits Millionen Tonnen Blech entlang wälzen. Ich fahre eine Strecke auf dem breiten Gehsteig, und der Duft von frischen Backwaren steigt mir (neben den Abgasen) in die Nase. Das Monster Großstadt ist aufgewacht. Der junge Tag weicht ängstlich zurück. Zielstrebig hasten wir Menschen zur Schule, zur Arbeitsstätte… kreuz und quer.
In einer Nische neben dem Haupteingang parke ich das Fahrrad. Eine Menge Kippen liegen auf dem Boden, den Zigarettenpausen der Angestellten geschuldet. Der alte wuchtige Gebäudekomplex beherbergt auf fünf Etagen mehrere Firmen, von deren Aufgaben und Funktionen ich keinen blassen Schimmer habe. Man begegnet sich anonym im Fahrstuhl und fährt zu den Etagen, wo jeder zu seiner „Was-auch-immer-Arbeit“ aussteigt.

Artig begrüße ich meine Kolleginnen in ihren Bürozellen. Die meisten beginnen schon etwas früher. Eigentlich hatte ich mir das auch vorgenommen, um am Nachmittag nicht so lange sitzen zu müssen, aber ich genieße zu gern den langen Morgen zuhause… alleine mit mir selbst.
Am Arbeitsplatz das übliche Prozedere des Ankommens: Computer hochfahren, tausendmal anmelden, das Arbeitszeug zurechtlegen, Kaffee zubereiten, die ersten Plaudereien… Schließlich hole ich mein Dokumentenpaket aus dem Panzerschrank im Büro der Oberdokumentarin. Aller Anfang ist schwer. Ich starre auf den Stapel der Dokumente, nehme mir zögerlich das erste vor. Eine Pathologie. Dickdarmkrebs. Allerdings ist nicht klar, ob Primärtumor oder Metastase. Ich ziehe meine erfahrene Kollegin zu Rate, die gegenüber am Schreibtisch über ihren Fällen brütet. Sie springt mir sogleich zur Seite. Eine nette Person. Ich habe Glück gehabt, dass ich nicht mit einem Stinkstiefel oder einer Laberkanne das Büro teile. Insgesamt ist die Bürogemeinschaft ein recht lebendiger Haufen.

So vergeht Stunde um Stunde beim Brüten über Tumorfällen und deren Eingabe ins Dokumentationssystem. Was mache ich hier? frage ich mich zwischendurch und blicke sehnsüchtig aus dem Fenster in den Himmel.

ein literarisches Tagebuch

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