Donnerstag, 16. Dezember 2010

Unmerkbar


An einem Sonntag vor 48 Jahren - was war da noch mal? Ich wälze mich unruhig im Bett hin und her. Die trockene Heizungsluft macht mir Juckreiz im Nacken und auf den Schultern. Der Bundestag diskutiert erst über die „Mission Impossible“ der deutschen Soldaten in Aghanistan und später über den Mindestlohn. Inzwischen sitze ich am Schreibtisch und überlege mir, wie ich den Tag vor dem Nachtdienst heute Abend verbringe. Ich zünde eine Kerze an und trinke Kaffee. Ein richtiger Wintertag. Es liegt nicht allzu viel Schnee - vielleicht vier Zentimeter, schätze ich anhand des weißen Streifens auf der Balkonbrüstung.
Draußen steht das Fahrrad mit einem Plattfuß am Hinterrad. Die Serie der Pannen setzt sich fort. Aus mangelnder handwerklicher Befähigung werde ich genötigt sein, ein Fahrradgeschäft aufzusuchen. Wie auch immer ich es bewerkstelligen werde - es wird umständlich. Vier Altenheimnächte liegen vor mir. Ein Elend. Vielleicht wechsele ich besser das Programm. Ich fühle mich, als hätte ich Beton in den Eingeweiden.
Nett war das Gespräch mit dem türkischen Taxifahrer vor zwei Tagen. Er wollte mich gar nicht aussteigen lassen. Er machte mir Mut. Ganz so verzweifelt fühlte ich mich aber doch nicht. Fast die gesamte Fahrt über hatten wir geschwiegen, und dann auf den letzten zwei-drei Kilometern ergab ein Wort das andere. Ich schätzte ihn um die Fünfzig, und offensichtlich war er gerade ein Leidensgenosse, was die Liebe angeht.
„Das Leben ist ein Kampf“, sagte ich. Sagte ich das wirklich? Die Erinnerung ist undeutlich, als hätte man eine große Lücke reinradiert. Nur die Umrisse blieben übrig.
„Werde ich Sie wiedersehen?“ fragte er.
„Bestimmt auf einer der nächsten Fahrten ...“, lächelte ich. Auf dem Weg zur Haustür winkte ich ihm zu.
Ich nehme ganz gern ein Taxi aus der Stadt zurück. Solange es der Geldbeutel erlaubt. Eigentlich erlaubt er es nicht. Manche Taxifahrer sind gute Gesprächspartner. Es scheint, als ob sie an einer ähnlichen Form von Einsamkeit leiden.
Inzwischen schaltete ich von der Debatte um den Mindestlohn auf die Comedy-Serie „Two and a Half Men“ um. Eine alte Folge. Aber ich mag die Komik auch noch in den Wiederholungen: Es ist Pfefferminz fürs Gehirn. Nebenbei. Etwas Charlie Sheen steckt auch in mir. Aber vielleicht wünsche ich mir das nur. Sollte ich es mir wünschen? Wie alt ist dieser Schwerenöter eigentlich inzwischen?
(Google-google ...)
O! Erst Fünfundvierzig! Da könnte ich sein älterer Bruder sein.

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

...danke für das...
...danke für das lächeln am morgen, nach...
fata morgana - 21. Jun, 09:50
@ KarenS
vertrauen schenkte ich allerdings eine menge. aber...
bonanzaMARGOT - 20. Jun, 13:08
Zu den Rubriken (3)
28.10.2016 - 31.05.2018 2018 - Reisen Ausklang Am...
bonanzaMARGOT - 20. Jun. 18, 11:55
Frauen verstehen
Dass ich beruflich immer viel mit Frauen zu tun hatte,...
bonanzaMARGOT - 20. Jun. 18, 11:47
... wäre wohl besser...
... wäre wohl besser als jammern.
bonanzaMARGOT - 19. Jun, 05:31
Boma...
dich hat es auch deshalb so heftig getroffen, weil...
christa mavropoulou - 18. Jun, 10:44

Archiv

Dezember 2010
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 1 
 3 
 4 
 5 
 7 
 8 
 9 
11
12
14
15
17
18
20
21
23
25
26
28
 
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Über dem Paradies ist immer Nacht.
Über dem Paradies ist immer Nacht.
bonanzaMARGOT - 10. Mai. 18, 12:18
Der Kampf gegen andere vernichtet mich selbst.
Der Kampf gegen andere vernichtet mich selbst.
bonanzaMARGOT - 07. Apr. 18, 16:26
Auch Intelligenz kann weh tun.
Auch Intelligenz kann weh tun.
bonanzaMARGOT - 26. Mrz. 18, 17:09
Das Elend in der Welt ist die Macht.
Das Elend in der Welt ist die Macht.
bonanzaMARGOT - 26. Mrz. 18, 06:41

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator



Status

Online seit 3934 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 21. Jun, 09:50