Als Gebüsche noch Gebüsche waren

Freitag, 30. Mai 2014

Auslöser


Körper werden durch die Luft geschleudert. Ein Feuerball breitet sich über dem Deck des Schiffes aus. Ich sehe eine Doku über den Falklandkrieg. Tränen steigen mir in die Augen. 1982 – ich machte mein Abi und fing im Spätjahr eine Ausbildung zum Technischen Zeichner in einem Ingenieurbüro an. Ich war frisch verliebt und unternahm im Sommer eine spannende Interrail-Reise.
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“, sagten meine Bosse. Beide waren Arschlöcher. Ihre Welt bestand aus Arbeit und Großkotz. Die Flasche Ballantines auf dem Schreibtisch und eine teure Zigarre im Mund. Im Hausflur die Golfschläger und am Straßenrand ein Porsche Targa. Mein einziges Potential war meine Jugend. Ich interessierte mich für meinen Job herzlich wenig. Aber ich machte ihn, weil ich etwas machen musste und keine andere Idee hatte. Zum Bund wollte ich auf keine Fälle, und durch die Ausbildung wurde ich erst mal zurückgestellt.
1982 – ich hatte eine schöne Freundin und fühlte mich erwachsen, weil ich nun zur arbeitenden Bevölkerung gehörte. Vor 32 Jahren. Unfassbar. Ich kann es nicht glauben, dass ich immer noch auf der Welt bin. Ich musste in keinen Krieg. Die Doku ist berührend und gut. Viele junge argentinische und englische Soldaten ließen ihr Leben. Die Mutter eines gefallenen Soldaten kommt zu Wort. Sie war stolz auf ihren Sohn gewesen, als sie ihn damals in den Krieg ziehen sah. Ein Leichensack kam zurück. Nicht wenige Veteranen nahmen sich in den Jahren danach das Leben. Posttraumatische Belastungsstörung. Man ließ sie allein damit. Viele verfielen dem Alkohol.
In der Kneipe trank ich stolz mein Feierabendbier und spielte Billard. Ich war gar nicht mal so schlecht. Am nächsten Morgen dann mit dickem Kopf ins Büro, wo ich mich hinter dem hochgestellten Zeichenbrett versteckte, und hoffte, dass die Bosse zu einer Baubesprechung fuhren. Waren sie weg, wurde die Atmosphäre unter den Mitarbeitern viel entspannter. Da ließ es sich aushalten. Meine Freundin holte mich manchmal von der Arbeit ab. Mein Gott, war sie jung und hübsch! Vier Jahre waren wir ein Paar. Ihr Vater hatte eine Metzgerei und verdiente ganz gut. Er kaufte eine Villa, und meine Freundin durfte manchmal den Mercedes nehmen …
Ich las damals Cesare Pavese und Hemingway und schrieb meine ersten Kurzgeschichten. Ich war unbefangen. Ich war gespannt auf das, was noch kommen würde. Dabei wusste ich nicht, was ich eigentlich wollte. Das Leben sollte ein einziges Abenteuer sein. Auch die jungen Soldaten, die in den Falklandkrieg zogen, fassten es als Abenteuer auf. Die eiserne Lady Thatcher hatte den Befehl erteilt, und die Bevölkerung jubelte. Die Falklandinseln mussten zurückerobert werden. Der Nationalstolz gebot es. Inseln am anderen Ende der Welt – Überreste des British Empire.
Ich stand hinter meinem Zeichenbrett mit einem Kater und änderte irgendwelche Pläne um, die mich nicht die Bohne interessierten. Von der Schule her war ich es gewohnt, Sachen halbherzig zu machen, nur um über die Runden zu kommen, weil es sein musste, weil es keine Alternative gab. Jedenfalls keine bessere. Ich machte das, was fast alle meiner Kumpels taten, ganz egal, ob sie beim Bund waren, eine Ausbildung machten oder studierten. Nach dem Schulabschluss kam man vom Regen in die Traufe. Der einzige Unterschied war, dass man nun als erwachsen galt. Die Welt stand uns offen. Natürlich ein Trugbild.
32 Jahre später sitze ich an meinem Schreibtisch und versinke in die Vergangenheit. Die Doku gab den Auslöser. Die jungen Soldaten, die damals in den Krieg zogen, waren Altersgenossen.
(Bin ich noch die Rotznase von früher? Was änderte sich? An welchem Punkt meines Lebens stehe ich heute? Was wird werden? Habe ich heute klarere Ziele?)

Freitag, 6. September 2013

Ein Schlafsack voll Erinnerungen


Heute mache ich mich endlich daran, einen neuen Schlafsack zu kaufen. Der alte hatte sich während meiner letzten Fahrradreise begonnen aufzulösen. Ich bettete ihn danach sanft in der Mülltonne. Er erwies mir gute Dienste. Seit 1981 – Wahnsinn! Ich kaufte ihn vor meinem ersten Südfrankreich-Trip. Ritchie, ein Klassenkamerad und Kumpel, war bereits 18 und hatte einen gelben R4. Erst fuhren wir nach Paris, weil er mir unbedingt die Rue Saint Denis zeigen wollte. Nach der Besichtigung der Nutten schliefen wir in einer Telefonzelle und warteten darauf, dass die Metro wieder öffnete, um zurück zu unserem Auto zu kommen. Ich erinnere mich nur noch schemenhaft. Zuerst kauften wir uns in Paris Baskenmützen. Als wir Richtung Süden weiterfuhren, setzten wir sie auf und sangen französisches Liedgut, das uns unser Französischlehrer beigebracht hatte:
„Trois jeunes tambours s'en revenaient de guerre
Trois jeunes tambours s'en revenaient de guerre
Et ri et ran, ran pa ta plan.
S'en revenaient de guerre!“

Und anderes mehr, das mir nicht mehr in den Sinn kommt.
An der Rhone schlugen wir unser Zelt auf. Wir hatten es nicht eilig. Zwei junge deutsche Frauen, nicht wesentlich älter als wir, zelteten neben uns. Eine dünne und eine feiste – adäquat zu mir und Ritchie. Wir verbrachten den Abend zusammen unter freiem Himmel bei Stephan Sulke Musik. Die Dünne war Sulke-Fan. Wir tranken ordentlich Rotwein. Noch heute erinnere ich mich an den merkwürdigen Geschmack beim Knutschen mit der Dünnen. Ritchie verschwand mit der Feisten in der Dunkelheit.
Als wir am nächsten Morgen aufwachten, waren die beiden jungen Frauen bereits abgereist.
Mit schwerem Kopf aber gutgelaunt machten auch wir uns wieder auf den Weg.
Noch aufgeregt erzählten wir uns während der Fahrt unsere Erlebnisse. Mehr als Knutschen und Fummeln war aber nicht.
Wir fuhren ausschließlich Route Nationale, weil wir die Autobahn-Maut sparen wollten. Unsere Schüler-Geldbörsen waren nicht gerade dick. Nun konnten wir es kaum noch erwarten, ans Meer zu kommen. Vorbei an Orange, Avignon, Arles, erreichten wir schließlich bei Saintes-Maries-de-la-Mer die Küste. Hinter jeder Häuserreihe vermuteten wir das Meer. Schließlich waren wir da. Ohne sich umzuziehen rannte Ritchie über den Strand zum Wasser. Ich folgte ihm. Wir lachten wie behämmert und spritzten uns gegenseitig nass. Es war ein heißer Tag. Die Sonne stand bereits tief ...

Heute werde ich mir einen neuen Schlafsack kaufen, der hoffentlich ebenso lange halten wird wie der alte. Wie viele Erinnerungen in einem solchen Ding stecken, überlege ich mir. Was passierte nicht alles seit damals.

Dienstag, 16. Juli 2013

Es hat sich nicht wirklich was geändert


Ermessenssache


Was schädlich ist ab welchem Wert
ist viel Ermessenssache,
jeder wird von andersher belehrt.

In unserem Gespräch brachte ich
den Punkt auf Gift und SMOG,
worauf "der Gelassene" hämisch
sein Gesicht verzog:

"Dass ich nicht lache,
verkehrt, verkehrt,
das ist Ermessenssache;
auch für die breite Masse,
der Alltag bringt die Sorgen,
hauptsache, es stimmt die Kasse."

Erregt rief ich: "Reine Gier!"
Doch "der Gelassene" grinste nur:

"Dass ich nicht lache,
verkehrt, verkehrt,
das ist Ermessenssache;
gerade das Ringen um die Knete
bringt Stimmung auf die Welt
wie auf `ner Fete!"

Angesichts dieser Gelassenheit
schluckte ich ein- zweimal,
in seinen Worten lag so viel
Vermessenheit,
das war fast schon genial.



(1987)

Sonntag, 7. April 2013

Mama (2)


Du hast mich geboren. Wofür ich nichts kann. Jedenfalls weniger als du. Ich weiß nicht, wie es geschah – ich nehme an auf die übliche Weise. Vater redete schon gar nicht über so was.
Ich erinnere mich nicht, wie ich in der Plazenta heranwuchs. Offensichtlich fand ich es ganz gut dort, sonst hätte ich bei der Geburt nicht neun Pfund auf die Waage gebracht. Ab diesem Zeitpunkt war ich wirklich auf der Welt. Der ganz großen. Manchmal überlege ich, ob es darüber hinaus eine Geburt in eine noch umfassendere Welt gibt. Und so weiter und so fort. Als wäre das Leben hier auch wieder nur ein Zwischenstadium. Mama, du wirst es jetzt wissen. Sicher bedeutet es ein anderes Wissen, als wir es hier begreifen können. Sonst wüssten wir es längst, oder?
Vielleicht besuchst du mich mal in meinen Träumen und erzählst mir davon. Ich werde schon nicht umkippen. Du weißt, dass ich gern alles hinterfragte, dass ich zu viel trinke, und dass damit alles nur schwerer wurde. Nicht nur für mich, sondern auch für die Menschen, die mir nahe standen, mich liebten. Drum werde ich wahrscheinlich als Egoist angesehen. Nicht von allen – aber doch von einigen. Und wieder rede ich zu viel über mich. Fuck!
Deine Krankheitsgeschichte verhinderte, dass wir uns jemals richtig aussprachen. Fast seit ich denken kann, warst du nervlich angeschlagen. Und darum entfernte ich mich als Heranwachsender von dir – weil ich deine Not weder verstehen noch länger ertragen konnte. Bis heute weiß ich nicht, warum du nervenkrank wurdest. Ob Vater eine Rolle dabei spielte. Oder ob du mit der ganzen Familiengeschichte nicht klar kamst. Oder war es einfach genetisch bedingt. Ich bekam durchaus mit, wie du für deine Selbstverwirklichung kämpftest. Aber irgendwann gabst du auf. Dabei hättest du es schaffen können. Glaube ich. Glaube ich echt. Und du wusstest, dass ich es wusste. Und du machtest dir Vorwürfe, dass du mit mir nicht darüber reden konntest. Du machtest dir überhaupt zu viele Vorwürfe. Ich traute mich auch nicht mehr, dich darauf anzusprechen …
Mein Abschiednehmen von dir dauerte ein Leben lang. Es gab sogar Zeiten, da wünschte ich mir, es würde schneller gehen. Verzeihe mir. Ich war ein Kind. Noch heute begreife ich nicht wirklich, wie alles kam. Aber ich bin nun seit langem ein erwachsener Mann und muss mich mit meinen eigenen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Wir waren nie wirklich böse zueinander. Ich fühlte mich nur manchmal als Kind wie auf einer Insel. Furchtbar allein, weil du so krank warst. Ich weiß, du konntest nichts dafür. Und Vater – mit ihm war nie über Gefühle zu reden. Er war auf seine Weise da. Ich erinnere mich gern an die vielen Stunden, die wir, Mama, bei nachmittäglichen Spaziergängen im Wald oder während der Essenszubereitung für Papa am Abend in der Küche miteinander verbrachten und über Gott und die Welt philosophierten. Papa winkte bei solchen Themen immer ab.
Mit keinen Worten kann ich beschreiben, was uns verband. Gebe mir ein Zeichen. Ich würde dich so gern noch mal drücken.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Heidelberg Peter


„Pech im Spiel – Glück in der Liebe“? Dämlicher Spruch. Und wie ich googelte, auch falsch übersetzt. Eigentlich geht es herkömmlich um die Bedeutung, dass ein Mensch, der sein Glück im Spiel sucht, den häuslichen Frieden gefährdet, bzw. Haus und Hof verspielt.
Ich spiele schon lange nicht mehr. Obwohl, wenn die Umkehrung dieser Redensart zuträfe, ich Glück im Spiel haben sollte. (Aber was heißt schon Glück in der Liebe?)
Man kann auch die Liebe als Spiel ansehen, in welches man mit einem gewissen Risiko einsteigt. Der Gewinn ist quasi jeder Tag, an dem die Sache gutgeht. Meist geht das Ganze in die Hose, wenn man sich an die guten Seiten gewöhnte – oder gerade weil man sich daran gewöhnte. Hernach der übliche Katzenjammer, wo man sich selbst nicht leiden mag. Schließlich hatte man auf die Liebe gesetzt und investierte gewisse Anstrengungen, Zeit, Leidenschaft ...
Nein, ein guter Spieler bin ich wahrlich nicht. Beim Würfeln auf der Kneipentheke gewann ich selten. Obwohl es welche gab, die noch schlechter abschnitten. Und dann gab es einige wenige Glücksbolzen, die regelmäßig gewannen. Die hatten nicht nur Glück im Spiel sondern auch in der Liebe. Jedenfalls waren sie bei der Damenwelt begehrt.
Einer davon war Heidelberg Peter. Wir nannten ihn so, weil er aus der Richtung kam. Wir lieferten uns regelrechte Würfel- und Billardschlachten. Auch Streitgespräche. Heidelberg Peter war damals schon so alt wie ich heute und hatte reichlich konservative Ansichten. Sein Hau bei der Damenwelt fuchste mich, muss ich gestehen. Ich konnte mir nicht erklären, was die an dem alten Sack fanden. Oh ja, er konnte reden! Auch erlebte ich ihn nie richtig betrunken. Er vertrug eine ganze Menge und schaffte immer rechtzeitig den Absprung. Außerdem trat er meist gepflegt auf wenn auch in spießigen Klamotten, also z.B. mit Hemd plus Pullunder.
Nachdem das Billard Cafe geschlossen hatte, sah ich ihn nie wieder. Wie lange ist das her? Heidelberg Peter müsste heute bereits um die Siebzig sein. Wir zeigten mehr als Respekt voreinander. Mit der Zeit mochten wir uns gar. Wäre er mir sonst nach so vielen Jahren wieder in den Sinn gekommen? Er war eine der beeindruckendsten Figuren während meiner damaligen Sturm und Drang Zeit. Viele Gesichter verliert man aus dem Gedächtnis, aber ihn sehe ich noch gut vor mir. Er hatte einen Bart, wie ihn die Musketiere in den Filmen tragen. Dunkelbraun seine glatten Haare mit Seitenscheitel. Er war ein Spieler und hatte Erfolg. Ein Krösus, an dem ich mich oft abarbeitete.
Tja, Schnee von gestern.
Apropos Schnee: Ein weißer Märchenwald ist heute meine Fensterkulisse. Er wird nicht lange liegen bleiben. Wie immer. Kann die Liebe wie Schnee tauen?
Jedenfalls müsste meiner Meinung nach die Redensart richtigerweise heißen: „Glück im Spiel – Glück in der Liebe“.





An einer Bar in Heidelberg

Samstag, 12. Januar 2013

Der erste Schnee


Der erste Schnee in diesem Jahr. Ein weißes Aufblitzen. Ein weißes Lächeln der Natur vor meinen Fenstern. Meine Zukunft erscheint in alternierendem Licht: Schwarz – Weiß.
Als Kind hüpfte ich den Bürgersteig hoch und runter, bis die Mutter mich ermahnte. Auch das Springen durch Pfützen war ein Highlight. Die Vergangenheit erscheint in Schwarzweiß. Ich muss meiner Zukunft wieder Farbe geben. Das bisschen Lebenslust in mir konservieren und in einen Boden pflanzen, wo sie zu einem richtigen Pflänzchen wachsen kann.

Der Himmel wie ein schmutziges Laken. An einer Stelle über den Baumwipfeln scheint die Sonne durch. Vereinzelt fallen schwer Schneeflocken von den Zweigen. Es taut. Die Straße schaut hoch zu mir. Der dunkelgraue Asphalt, die Lebensader urbanen Lebens. Die Straße sagt: „Alles geht weiter.“

Donnerstag, 10. Januar 2013

Notizen






... aus vergangenen Tagen.
Vieles liegt einfach so rum. Ich nehme ein altes Notizbuch in die Hand und schlage es willkürlich an einer Stelle auf.


Dienstag, 18. Dezember 2012

Gedanken aus dem Sessel - 2012


Ich wohnte noch bei meinen Eltern
Manchmal stand mein bester Kumpel mit einer Plastiktüte voller
Bierflaschen vor der Tür
Meine Mutter machte ihm auf
Ich hatte Sorge, dass es zu offensichtlich war

Bevor wir in die Stadt gingen, tranken
Wir immer noch ein paar Bierchen
Zum Vorglühen
Wir hörten dazu Rockmusik
Police und
Später auch U2
Wir diskutierten darüber
Wen wir in der Stadt treffen würden
In der Bier Börse oder
Im Billard Café

Manchmal startete ich auch alleine durch
Ich erinnere mich an einen Abend
Ich hörte U2 und hatte den Fernseher
Stumm gestellt
Ein Bergsteigerfilm lief
Die Musik passte astrein
Nach einer Flasche Wein
Trieb es mich regelrecht hinaus
In den Abend
Zu den Anderen

Meine Eltern schauten im Wohnzimmer
Fern
Ich verabschiedete mich immer kurz
Bevor ich loszog

Das war Anfang der Achtziger
Ich wusste noch nicht wirklich etwas
Vom Erwachsensein
Wie sich die Jahre addieren
Und man nur von einem Gefängnis in ein
Anderes wechselt
Bis zuletzt
Aber vielleicht ahnte ich es

Und darum mag ich heute U2 nicht mehr
Jedenfalls nicht die aktuellen
Und ich mag die Menschen nicht
Die vergaßen, wer sie waren
Als es noch Hoffnung gab

Inzwischen ist es egal
Das Herz wurde grau
Das Blut wurde grau
Mein alter Kumpel besucht mich schon lange nicht mehr
Die Eltern sterben
Ich klammere mich an Worte
Fahl
Mein Wintergesicht

Sonntag, 7. Oktober 2012

Der Wahnsinn in deinen Augen


Es gibt eine Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Sie ist die eigentliche Welt.
Statt Milchstraßen sehe ich Augen im Universum. Einen ganzen Augensee. Die Pupillen sind Löcher zu anderen Dimensionen. Oder jede Galaxie ist ein Bahnhof. Nur kein Schwein kann die Fahrpläne entziffern. Ich stehe gern auf Bahnsteigen und wundere mich über all die Menschen, die ein- und aussteigen. Warum muss ich jetzt an Marmelade denken? Ich esse schon lange keine Marmelade mehr. Vielleicht weil sie so klebrig und süß ist. Hass ist auch süß. Liebe dagegen bitter.
Ja, genau: man sagt auch: Rache ist süß. Oktober. Es ist mal wieder Oktober. Die Zeitrechnung der Menschen, jedenfalls der in unserer Gegend, schreibt das Jahr 2012. Vor zwölf Jahren wollte ich in Australien sein und Kängurus züchten. Australien war in Jugendjahren mein Lieblingsauswanderungsland. Beuteltiere faszinieren doch irgendwie, oder nicht? Wir hatten damals in den Siebzigern Angst vor einem Atomkrieg, und darum träumten mein Jugendfreund Peter und ich, dass wir, bevor es dazu käme, so weit weg wie möglich sein sollten. Wir spielten Schach auf seinem Bett und hörten Black Sabbath. Meistens gewann Peter. Er machte eine Banklehre und ist inzwischen Filialleiter. Wir verloren uns aus den Augen. Ich stelle ihn mir als Familienvater vor. Klar, würde ich ihn wiedererkennen. Eines Tages werde ich ihn wiedertreffen wie all die anderen. Genau – in der Welt ohne Vergangenheit und Zukunft. Nach dem Atomkrieg. Wie auch immer. Keine Spur verweht. Das Universum ist ein Mega-Gedächtnis. Und wir sind nichts als Kondenstropfen an seiner Peripherie. Peter und ich spielten im Sommer gern Minigolf und aßen Cola-Eis. Auch im Minigolf war er meist besser als ich. Ich weiß nicht, was uns verband. Wahrscheinlich war es Black Sabbath. Außerdem gewöhnt man sich an Freunde. Man braucht sie. Warum Liebe bitter ist? …
Weil sie so furchtbar schön ist. Alles was schön ist, wird bitter. Wenn ich z.B. in den Sternenhimmel schaue, muss ich manchmal weinen. Vor allem, wenn ich dabei an die Liebe denke. Als wäre die Welt wie ein Wattebausch durchdränkt von Liebe. Das ist freilich nur Einbildung. Das Universum lässt allerlei Platz für Einbildungen. Geld ist ein Beispiel dafür, wie sich Einbildung materialisiert.
Peter erkannte den Nutzen, den man daraus ableiten kann, und machte darum eine Banklehre. Für mich dagegen blieb Geld immer nur Mittel zum Zweck. Sozusagen ein notwendiges Übel. Davon gibt es eine ganze Menge: Autos, Politiker, Kondome, Finanzämter, Schweinefleisch aus Massentierhaltung etc.
Wenn ich einem Menschen in die Augen schaue, wohin schaue ich da eigentlich? Bei manchen Menschen, wie z.B. meine Chefin im Altenheim, traue ich mich gar nicht genau hinzusehen. Es ist äußerst unangenehm. Ich kann es schwer beschreiben – es ist ein großer Unmut. Auch Abscheu. Ich habe dann Angst, zu viel zu sehen. Als würde ich in diese Person eindringen …
Könnte ich es ertragen, in meine eigenen Augen zu schauen? Ich meine, nicht so oberflächlich wie beim Rasieren vorm Spiegel.
Wahnsinn.

Mittwoch, 5. September 2012

Sonne, Mond und Sterne und ein deutsches Butterbrot


Sonne, Mond und Sterne und ein deutsches Butterbrot. Das Butterbrot dichtete ich dazu. Ich mag skurrile Wortkontraste. Aber warum deutsch? Jetzt wird`s psychologisch. Ich muss mal googeln, ob das original Butterbrot deutscher Herkunft ist, - arisch deutscher Herkunft. Einen Neonazi mit `ner Butterstulle kann ich mir irgendwie gut vorstellen. Weiß auch nicht. Ein frisches Brot mit Butter drauf war für uns Kinder das Größte. Zucker streuten wir uns manchmal drauf. Das war noch vor dem Nutella-Zeitalter. Ein rassisch reines Butterbrot ist halt was feines. Woran sich wohl Kinder der heutigen Generation mal erinnern werden? Ich meine solche Erinnerungen, die sich absolut einprägen: ein Geschmack, ein Geruch, ein Butterbrot. Ohne Scheiß jetzt. Auf die Nazisache kam ich nur, weil gerade eine Doku auf ZDF info über Hitler lief. Ich träumte sogar von dem Diktator, weil ich den Fernseher heute Morgen nicht abschaltete, als ich zu Bett ging. Den ganzen Tag liefen Dokus über die Nazizeit. Diese Träume wollte ich eigentlich gar nicht erwähnen. Sei`s drum. Es waren ziemlich bescheuerte Träume. Punkt.
Eine andere Sache werde ich auch nie vergessen. Wir waren in der Oberstufe, und mein Kumpel und ich hatten Astronomie als Grundkurs gewählt. Es kam nicht so drauf an, weil die Punkte für den Kurs nicht entscheidend für das Abi waren. Wir alberten damals viel während des Unterrichts herum. In den Freistunden tranken wir zusammen Sixpacks oder Wein. Dementsprechend waren wir dann drauf. Wir lachten uns oft kaputt – also nicht, weil wir den Unterricht stören wollten, sondern weil wir es uns einfach nicht mehr verkneifen konnten. Schließlich wurde es aber doch ein bisschen ernst, wenn wir eine Klausur schrieben. Ich hatte echt Null Ahnung, und die Bestrafung folgte auf dem Fuße. Der Astronomie-Lehrer sagte grinsend „Null Punkte“, als er die Arbeiten zurück gab. Ich fragte meinen Kumpel nach seinem Ergebnis. „1 Punkt“, meinte der stolz. Er hatte das Aufgabenblatt mit Sonne, Mond und Sternen verziert, und das honorierte der Pauker immerhin mit einem Punkt. Ich war damals neidisch, weil mir das nicht eingefallen war.
Jessas, das waren Zeiten. Dabei interessierte mich Astronomie schon, aber der Lehrer brachte das Fach derart furz-trocken, dass alle tollen Phantasien über das unendliche Universum zu Staub zerbröselten. Das ist eben Schule. Wahrscheinlich noch heute. Irgendwie. Warum sollte es heute wesentlich anders sein?

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