Muttertag


Muttertag, ich weiß, ich sollte meine Mutter anrufen. Vielleicht mache ich`s auch noch. Ich sollte sie so oder so anrufen. Aber ich drücke mich vor diesen Gesprächen, weil ich vor ihren Klagen Angst habe. In meiner Brust ist ein Knoten. Ich denke an die Aussagen meiner Kolleginnen, dass sie ihre Eltern niemals in ein Altenheim abschieben würden. Oft höre ich solche Aussagen, die in Richtung hingebungsvoller Pflichterfüllung und lebenslanger Dankbarkeit den Eltern gegenüber zielen. Kommt das wirklich aus dem Herzen, oder ist es der Druck der Gesellschaft und näheren sozialen Umgebung? „Ehre deine Eltern“ steht schon in der Bibel als Gebot. Ich sage ganz ehrlich, dass es mir lieber wäre, ich könnte das Thema Eltern einfach ausblenden. Warum müssen sie alt und krank werden? Wie soll ich ihnen helfen? Habe ich wirklich eine Schuld ihnen gegenüber zu begleichen? Die Antworten auf diese Fragen muss wohl jeder mit sich selbst ausmachen. Jedenfalls ist es eine ziemlich beschissene Bredouille. Ich habe Angst vor einer größeren Nähe zu meinen Eltern. Ich habe Angst davor, dass alte, lange vergangene Geschehnisse und Gefühle wieder hochkochen. Ich habe Angst vor den Klagen meiner Mutter und ihrer Leidensgeschichte. Mein Vater, obwohl kränker, erträgt es dagegen scheinbar stoisch und unaufgeregt. Ich habe Angst vor ihren Erwartungen an mich, die nie klar ausgesprochen wurden, aber die irgendwie im Raum stehen.
Als ob ich nicht genug eigene Probleme habe. Aber okay, das sind meine Probleme, mit denen ich meiner Umgebung nicht auf den Geist gehen will. Jedenfalls nicht in dem Sinne, als könne mir da jemand weiterhelfen. Seit 25 Jahren lebe ich alleine und kämpfte mich mehr oder weniger gut durchs Leben. Ich hatte nie große Ansprüche und Ziele. Ich lebte nach dem Grundsatz „Carpe Diem“ (genieße den Tag). Die Zukunft interessiert mich bestenfalls in der kurz- bis mittelfristigen Vorherschau. Wenn es mir schlecht geht, ziehe ich mich zurück. Da ich aber sowieso ziemlich zurückgezogen lebe, merkt das kein Schwein. Und nun sind meine Eltern alt und werden bald Hilfe brauchen, und ich bin der einzig verfügbare Angehörige.
Heute ist Muttertag. Ich sollte sie anrufen.


Ich hatte meine Eltern an der Strippe. Sie klangen einigermaßen gutgelaunt. Das Gespräch mit der Mutter drehte sich wie meist hauptsächlich um ihre Erkrankungen. Sie hatte die letzten Jahre Knieprobleme. Das Knie erholte sich wider Erwarten ... etwas. Gut. Ich sprach die Problematik meines Vaters mit seiner Demenz an. Aber ich merkte, dass sie das Thema nicht vertiefen wollte. Und ich wollte ihr den Tag nicht verderben. Sie fragte mich, wann ich wieder nach Kärnten (zu meiner Freundin) fahre. Nächste Woche, antwortete ich. Sie erfragte nichts näheres. Das Gespräch blieb oberflächlich, plattitüdenhaft.
Immerhin rief ich an. Gedanken kann ich keine lesen. Natürlich bin ich froh, dass es akut keine größeren Schwierigkeiten gibt. Wir verabschiedeten uns freundlich. Das Unausgesprochene blieb unausgesprochen. Womöglich sind sie doch ein wenig stinkig, dass ich mich so selten melde und vorbeischaue.
Es kommt, wie`s kommt. Wir hoffen, dass das Schicksal es gut mit uns meint.

ein literarisches Tagebuch

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