Grenzen


Sie fragte, seit wann ich wieder da sei. Ihre Stimme klang ängstlich überreizt. „Wie soll ich dich erreichen, wenn es mir schlecht geht?“ Ich verwies auf meine Handynummer. „Aber Papa wird es gar nicht schaffen, die Nummer zu wählen.“ Ich überlegte. „Wenn es dir schlecht geht, kann ich doch auch nicht helfen“, sagte ich, „wenn ich unterwegs bin. Dann müsst ihr den Notarzt rufen, 112."
„Du bist überhaupt schlecht zu erreichen. Du nimmst gar nicht ab, auch wenn du zuhause bist ...“ Sie sagte dies nicht anklagend, eher gequält. Ich widersprach.
Sie erzählte, dass es ihr nervlich nicht gut ginge, dass sie in einer Nacht tatsächlich den Arzt rufen musste, weil sie Herzattacken hatte und Angst bis hin zur Panik. Ich dachte: Wie früher. Und sagte: „Das ist die Belastung mit Papa.“ „Ja“, meinte sie. Ich lenkte das Gespräch auf meine Reisen nach Kärnten. Sie bedankte sich für die Postkarten und fragte nach. Eine Frau habe ich dort kennengelernt, berichtete ich; ja, es sei eine ganze Strecke zu fahren mit der Bahn, aber die Liebe; ich werde schon Fünfzig dieses Jahr, ich wolle endlich auch einen Hafen …; und ja, es sei sehr schön in Kärnten. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, dass ich mich so lange nicht bei meinen Eltern meldete. „Entschuldige“, sagte ich und fügte heiter hinzu: „Ich hatte wohl anderes im Kopf ...“ Die Stimme meiner Mutter klang leichter, als wir uns verabschiedeten. Die ersten Bewohner, die ich am Abend ins Bett lege, klingelten bereits. Nachdem ich, bevor ich zum Nachtdienst aufbrach, die schriftliche Aufforderung meiner Mutter im Briefkasten vorfand, mich doch bitte zu melden, hatte ich keine Ruhe mehr und rief sie nach der Dienstübergabe vom Altenheim aus an. Wie soll das nur weitergehen mit meinen Eltern, dachte ich, als ich aufgelegt hatte. Es konnte schnell gehen, dass sie ohne Hilfe nicht mehr in ihrem Haus leben konnten. Was erwartete meine Mutter von mir? Sie war überfordert mit der Situation, - mit meinem demenzkranken Vater. Ihre altes Nervenleiden brach wieder hervor. Und diesmal würde mein Vater ihr nicht mehr beistehen können. Und ich? Ich spürte den Druck, das schlechte Gewissen; ich erinnerte mich, wie ich als Kind jahrelang unter der Krankheit meiner Mutter litt. Die ganzen seelischen Wunden drohten wieder aufzubrechen: der Jammer, das Unverständnis, die Ohnmacht des Kindes … Ich versteckte mich damals unter der Bettdecke, ich lief an den Wochenenden weg; ich verdrängte, was zuhause geschah, mit Süßigkeiten und Spielzeug.
Am Liebsten würde ich mich wieder verkriechen.
Die Bewohner klingelten. Ein hochbetagtes Ehepaar musste zu Bett gebracht werden. Sie saß im Sessel und jammerte: „Könnte ich doch sterben! Womit habe ich das verdient? Das ganze Leben war ich für andere da. Womit habe ich das verdient?“ Ich reichte ihr die Schmerztablette zur Nacht und half ihr beim Ausziehen. Was sollte ich sagen? Ich habe kein Mittel gegen Depressionen und Einsamkeit. Das Gejammere war nicht zum Aushalten. Es zerrte an mir wie eine Hyäne. Es war nicht zu ignorieren. Ich versuchte mich mit der Arbeit abzulenken - Routine. Zuhause saß meine Mutter und starrte auf das Telefon. Sie hatte Angst. Ihr Herz klopfte. Wenigstens scheint es dem Sohn gut zu gehen, dachte sie ...

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