Von merkwürdigen Tieren ...


Was es nicht alles gibt: Menschen, die sich für das Überleben nach Revolution, Krieg oder Naturkatastrophe einrichten - sie sind ausschließlich damit beschäftigt. Und andere nennen sich Reichsbürger und zweifeln die Legitimität der deutschen Regierung, Gerichtsbarkeit und Behörden an. Es sollen inzwischen Tausende sein.
Ich kann es nicht fassen und wälze mich am frühen Morgen unruhig in meinem Bett hin und her. Auf einem anderen Doku-Kanal zeigen sie merkwürdige Tiere, z.B. einen Anglerfisch der Tiefsee: das wesentlich kleinere Männchen hängt wie ein Parasit am Unterleib des Weibchens und ernährt sich von dessen Blut. Oder Feuerameisen, die auf Elektrogeräte abfahren. Ich schalte hin und her zwischen den merkwürdigen Menschen und den merkwürdigen Tieren. Ich mag noch nicht aufstehen, aber nochmal richtig einschlafen kann ich auch nicht. Dann döse ich doch noch mal weg und komme bei einer Kochsendung wieder zu mir. Endlich stehe ich auf - weil ich Kochsendungen nicht lange aushalte, zumal wenn Dämlichkeiten wie Larissa und Verona dabei mitmachen, und ich ihnen beim Gurkenschneiden zuschauen soll.
Mir ist flau. Am Abend muss ich in den Nachtdienst. Der Tag ist trübe. Die Kreuzspinne vor meinem Fenster schaukelt im Wind. Auch ein merkwürdiges Tierchen. Es kommt ganz ohne Staat, Arbeitgeber und Rente aus. Dabei sitzt es wie ich auch nur den ganzen Tag herum.
Vor meiner Zeit als Rentner habe ich mehr Angst als vor einem Krieg oder dem Weltuntergang. Mir fällt der eine Typ aus der Dokumentation ein, wie er eine Armbrust präsentierte und meinte, dass er die im Ernstfall gegen Plünderer einsetzen wolle. Seine Frau steht neben ihm, sie ist genauso durchgeknallt. Gemeinsam planen sie Seminare für das unabhängige Überleben im Ernstfall. Und sie werden tatsächlich Zulauf haben und damit Geld verdienen, mit dem sie ihren Bunker ausbauen und noch mehr Nahrungsmittel horten können, etc.. Vielleicht sollte ich bei ihnen auch ein Seminar besuchen in Hinsicht auf meine Rente … Eigentlich bin ich kein besonders ängstlicher Typ, aber die auf mich zukommende Altersarmut ist ein harter Brocken. Auf der anderen Seite, es sind noch gut 15 Jahre. Möglicherweise passieren vorher irgendwelche Revolutionen, Kriege oder Naturkatastrophen, die alles auf den Kopf stellen. Man muss nur an die ganzen Asteroiden denken, die da draußen herumschwirren. Über die Gefahren aus dem Weltall kommen auch jede Menge Dokumentationen zu den unmöglichsten Zeiten im TV. Z.B. könnten wir auch durch eine Supernova-Explosion ausgelöscht werden. All das verinnerliche ich im Halbschlaf. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass mich der Krebs irgendwann dahinrafft.
Es ist schön, wenn man den Tag mit solchen Überlegungen beginnt. Noch lebe ich, und mir geht es gut. Ich drehe den Kopf zur Kreuzspinne hin, die stoisch im Netz sitzt und wartet. Wenn ich`s recht bedenke, sitze ich ja hier vorm Computer auch in einer Art Netz und warte – fragt sich nur auf was.

iGing - 09. Aug. 14, 20:48

Wenn ich ein Mann wäre und keine familiären Verpflichtungen hätte, würde ich als Tagelöhner im Hamburger Hafen arbeiten. Das fiel mir bei diesem Text ein.

C. Araxe - 10. Aug. 14, 02:41

Der Hamburger Hafen ist schon lange kein Ort mehr für Tagelöhner – voll automatisierte Container-Terminals erledigen die Schwerstarbeit – zur Steuerung benötigt man lediglich ein paar ausgebildete Fachkräfte. Wäre es anders, wären blümerante Versprechungen wohl trotzdem obsolet. Auch wenn auf dem Papier die Zahlen gut aussehen sollten, schwindet das Gefühl von Sicherheit, wenn man sich nur darauf verlässt. Ja, wenn man kann, dann kann man etwas vorsorgen. Was man aber eigentlich machen sollte, ist das Hier und Jetzt nicht zu vergessen. Ein Blick vorwärts oder zurück ist sicher nicht verkehrt, aber jeder Moment, den man bewusst gegenwertig erlebt, ist ungleich kostbarer.
iGing - 10. Aug. 14, 15:04

Von Sicherheit wollte ich auch ganz und gar nicht sprechen. Eher vom Hier und Jetzt. Aber was den Hamburger Hafen angeht, da gebe ich zu, dass ich vielleicht etwas romantisierend zurückblicke. Dann halt nicht. (Ich bin ja auch kein Mann ohne familiäre Verpflichtungen.)
bonanzaMARGOT - 10. Aug. 14, 15:37

ein wenig tagelöhner- bzw. vagabund-romantik à la jack london würde mir sicher gefallen, aber erstens sind, wie araxe es schrieb, die zeiten vorbei, und zweitens bin ich dazu schon zu alt. auch muss man skeptisch gegenüber solch romantischer vorstellungen sein.
wie kommst du außgerechnet beim lesen meines beitrages auf diese gedanken, iging?

das hier und jetzt lag mir schon immer am meisten am herzen. doch beim menschen spielen auch die gedanken an die vergangenheit und die zukunft selbstverständlich für das gegenwärtige empfinden eine rolle. man sollte sich halt nicht total wie z.b. diese leute, welche privat bunker einrichten und nahrungsmittel für den weltuntergang horten, in zukunftsängste hineinsteigern. aber nun, für diese menschen wurde es sogar lebensinhalt, und sie sind damit (vielleicht) glücklich. wie ich es im titel schrieb: es gibt "merkwürdige tiere" ...
iGing (Gast) - 10. Aug. 14, 19:17

Ach, was auch immer es war, das diese Assoziation in mir ausgelöst hat ... konkret kann ich es gar nicht benennen. Es war eine Assoziation aus der Lektüre heraus, auf dem Hintergrund der Vorstellung, sich zwischen drohender Arbeitslosigkeit und dieser nervtötenden Repressalie "Arbeitsamt" hindurchlavieren zu müssen.
bonanzaMARGOT - 11. Aug. 14, 15:38

solch ein "freies leben" wäre schon klasse - wenn man arbeiten geht, wann man bock hat, und abends dann die lohntüte versaufen ...
stattdessen muss man sich mit den behörden rumschlagen und tausend formulare ausfüllen, solange, bis man sich wie ein idiot vorkommt.

na, mal sehen, was die zukunft bringt ...
iGing - 11. Aug. 14, 19:11

Formulare ausfüllen lassen - das ist die Foltermethode der Neuzeit!
bonanzaMARGOT - 12. Aug. 14, 14:43

ja - eine sehr subtile folter.
zu diesen foltermethoden gehören u.a. dienstbesprechungen, besprechungsprotokolle, qualitätssicherung, leitfäden ...

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