Nachdampfen


Kann man an manischer Einfallslosigkeit leiden? Ich erwache in einem heißen, schwülen Tag. Im TV der Große Preis von England. Meine weit entfernte Freundin zur Kur am Schwarzen Meer.
Am Morgen ließ ich bei meinen Kollegen Dampf ab. „Ein paar solcher Nächte, und ich bin reif für die Klapse“, sagte ich und machte meinem Ärger über die Situation als einzelne Nachtwache Luft. Die Nacht war ein Spießrutenlauf gewesen. Ich rannte von Schwesternruf zu Schwesternruf, von einem verrückten und dementen Bewohner zum nächsten. Nichts dramatisches, nur der ganz normale Altenheim-Wahnsinn. Ich musste mich tierisch zusammenreißen, um bei manchen Bewohnern die Ruhe zu bewahren. Kaum war ich auf dem einen Stockwerk, klingelte schon der nächste auf dem anderen. Zwischendurch fühlte ich mich wie in einem Albtraum gefangen. Meinen Kollegen im Frühdienst fielen die Kinnladen herunter, als ich schimpfte. „Entschuldigt, aber in der Nacht habe ich niemanden, bei dem ich mich auskotzen kann, drum kriegt ihr das jetzt ab.“ Ich merkte, dass ich ihnen die morgendliche Laune verdarb. Außerdem geht ihnen die Muffe, ich könnte jetzt zur Urlaubszeit ausfallen, denn dann müssten sie die scheiß Nachtdienste übernehmen.
Meine Haut ist dünn, nervlich gesehen. Trotz schönem, erlebnisreichem Urlaub. Die drei Monate, die ich noch im Nachtdienst durchhalten soll, erscheinen mir unendlich lang – ebenso die drei Monate, bis ich meine Freundin wiedersehen kann.
In meinem Kopf Stumpfsinn und Leere. Ich lenke mich mit Belanglosigkeiten wie der Fußball WM ab. Deutschland im Halbfinale gegen Brasilien. Ich werde am Dienstag frei haben und (vielleicht) blöde mit anderen Idioten vor einer Videoleinwand das Spiel verfolgen.
In Silverstone drehen die Formel 1 Boliden die letzten Runden. Ich lasse mich von dem öden Irrsinn ficken. Mir fällt nichts besseres ein.

Lange-Weile - 08. Jul. 14, 10:56

Jetzt komm´s

hallo Bo.
<p align=justify<dachte du bist du auf einer Station, also auf einer Ebene. Doch du schreibst von Stockwerke. Da muss man als Pfleger auch noch im Treppensteigen fit sein. Und das alles nachts, wenn andere schlafen.

Zu Glück fühlst du dich darin nicht mehr gefangen und siehst Licht am Ende des Tunnels, auch wenn das Licht noch weit weg scheint. Und je näher du dem Licht kommst, je mehr wird die Frustration, die daher kommt, sich schneller, öfter und heftiger Luft machen.

LG LaWe

bonanzaMARGOT - 08. Jul. 14, 12:53

hallo lawe,
es sind zwei stationen auf zwei stockwerken. dazu noch das eg, wo aber keine bewohnerzimmer sind.
im alten haus waren es sogar vier etagen mit bewohnern.
das treppensteigen ist das wenigste. frustrierend ist das gefühl, der arsch zu sein, wenn man von den bewohnern hin und her gescheucht wird. die dementen bewohner sind dabei besonders anstrengend. wenn man da zum zehnten mal in der nacht in ein zimmer kommt, wo das chaos herrscht und z.b. alles verpinkelt ist, kann einem schon der kragen platzen.
natürlich können die bewohner gar nichts dafür (mit wenigen bösartigen ausnahmen), es ist die geschäftsleitung, die diese personalsituation bestimmt, um geld zu sparen. damit verheizt sie das personal gnadenlos.

klar, jetzt wo ich das ende meiner nachtdienste vor augen habe, drückt der frust manchmal noch drängender aus mir heraus. jahrelang duckte ich mich wie alle zwangsweise. man brauchte seine energien für die arbeit - und wollte sich nicht noch zusätzlich schwierigkeiten mit der leitung einhandeln.

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