Brasko und die Entführung des Bundespräsidenten


VIII


Immerhin war sie gekommen - der einzige Besuch, den er im Krankenhaus hatte. Es war Wochenende, und Freni übernachtete im Dorf, um am nächsten Tag in Ruhe die lange Heimfahrt anzutreten. Brasko durfte inzwischen aufstehen. Sie gingen ein paar Schritte vor die Tür.
„Schöne Gegend hier!“ Freni schaute verträumt auf die bewaldeten Berghänge.
„Ja, der Schwarzwald – nicht übel“, brummte Brasko und schaute Freni auf den Arsch. Sie hatte sich gut gehalten. Schließlich war sie auch nicht mehr die Jüngste.
„An was für einer Story warst Du denn dran, Meisterdetektiv?“ Sie konnte es sich einfach nicht verkneifen, ab und zu schnippisch zu werden.
„Wenn ich das wüsste … Die Erinnerung daran ist total verschütt. Ich hatte kürzlich einen verrückten Traum von der Entführung des Bundespräsidenten ...“, Brasko lachte, „was für ein Blödsinn!“
„Aber vielleicht war da wirklich was mit dem Bundespräsidenten?“
„Der wurde doch nicht etwa tatsächlich entführt?“ Brasko grinste immer noch in Gedanken an seinen Traum.
„Nein.“
„Also, was soll`s. Mehr als merkwürdig ist nur, dass ich einen Skiunfall gehabt haben soll, wo ich gar nicht Ski fahre.“
„Wie geht`s denn der Schulter?“
„Fast wie neu. Was man heute chirurgisch nicht alles machen kann. Nur die Erinnerung kann mir niemand wiedergeben.“
„Nein – äh – ja, meine ich. Oberarzt W. sieht übrigens ein bisschen wie der Bundespräsident aus.“
„Ach? Das ganze Leben ist voll von merkwürdigen Ähnlichkeiten, und wir kommen nicht hinter die Bedeutung. Ich denke dann oft, da will mir jemand ein Zeichen geben, aber ich kapier`s nicht. Ich hab`s vor Augen, aber ich sehe es nicht ...
Ist der Bundespräsident noch der Bundespräsident?“
„Ja, er saß die Affäre aus. Und dann verunglückte ein Kreuzfahrtschiff; und er rutschte peu à peu aus den Schlagzeilen.“
„Egal“, Brasko zuckte mit den Schultern, „Autsch! Verdammt!“
„Tut doch noch weh.“
„Nur bei unwillkürlichen Bewegungen. Schön, dass du da bist, Freni.“
„Ehrlich? Das hörte sich vorhin ganz anders an.“
„Ehrlich! Hat Dein Hotel eine Bar?“
„Aber du darfst doch bestimmt nicht das Gelände verlassen!“
„Komm! Ein kleiner Spaziergang wird mir gut tun.“
„Ja ja, und außerdem bist du scharf auf ein Bier.“
„Wie gut Du mich kennst, Bücherwurm.“
„Na gut, Meisterdetektiv.“ Freni hakte sich bei ihm ein, und sie gingen ins Dorf. Die Luft war mild für die Jahreszeit.
Ihr Hotel entpuppte sich als Gaststätte mit ein paar Fremdenzimmern darüber und hieß „Schinderhannes“. Es war unübersehbar, dass sie aus der nahen Klinik kamen - Brasko im "Dittsche-Outfit": über dem Schlafanzug trug er einen gestreiften Bademantel.
„Aaaaaahh, tut das gut!“ seufzte Brasko nach dem ersten Schluck. Er trank ein großes Helles. Freni begnügte sich mit einem Kaffee. Sie hatten sich etwas abseits an einen kleinen Tisch gesetzt.
„Und was hast Du jetzt vor?“
„So schnell wie möglich nach Hause.“ Brasko nahm noch einen kräftigen Zug und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund. „Das Leben geht weiter.“
„Du wirst Dich nie ändern, was?“
„Wer weiß. Bundespräsident werde ich sicher nicht. Ob ich dieses Detektiv-Ding noch lange durchziehe ...“ Brasko stockte, er hielt sich krampfhaft am Bierglas fest. Das Thema war ihm unangenehm. „Gut, dass wir schon Mitte Februar haben“, sagte er ablenkend, „ich warte auf den Frühling. Insofern war es nicht schlecht, dass ich ein paar Wochen verpennte.“ Er lächelte, aber Freni entging sein trauriger Blick nicht.

lost.in.thought - 18. Jan. 12, 19:44

Freni wollte hinter diese Fassade sehen - hinter den traurigen Blick. Ergründen, was es war, das seine Augen so fern und leer scheinen ließ. Sie beobachtete ihn. Sollte sie fragen ? Sollte sie warten ? Sie entschied sich für einen weiteren Kaffee und bestellte Brasko im gleichen Zug noch ein Bier. Es konnte nicht schaden. So eine kleine Dosis Vitamin B nach einem langen Schlaf würde ihm ein bisschen Kraft schenken. Und vielleicht würde es den Detektiv ein bisschen gesprächiger machen. Als er wortlos Schluck für Schluck trank, entschied Freni sich, ihn auf ihr Zimmer zu bitten. Der "Schinderhannes" hatte zwar nicht viel an Komfort zu bieten, aber ein Bett war ein Bett. Und sie war eine Frau. Vielleicht konnte ja ein bisschen warme, süß nach Weiblichkeit duftende Haut ihn zum Reden bringen. Ein Versuch war es wert...

bonanzaMARGOT - 19. Jan. 12, 10:46

Brasko ließ sich vom Wirt noch ein paar Flaschen Bier mitgeben. Zu Freni sagte er: "Die sind für den Förster und die Mumie."
Als Brasko bei ihr auf dem Bett saß, überkam ihn bleierne Müdigkeit. Der Spaziergang hatte ihn nach den 6 Wochen Bettlägerigkeit ziemlich angestrengt, und das Bier nach der langen Abstinenz tat auch seine Wirkung.
Er roch Frenis Haar und spürte ihren weichen Körper an seiner Seite, bevor er in einen tiefen Erschöpfungsschlaf fiel ...
lost.in.thought - 19. Jan. 12, 11:03

Freni betrachtete sein schlafendes Gesicht. Es sah ruhig und entspannt aus. Vielleicht hatte er nur ein Nest gebraucht, in das er sich zurückziehen und völlig abschalten konnte. Ihr war bewusst, dass der Schmerz den er in sich trug, sich nicht bloß auf seine Schulter beschränkte. Wahrscheinlich war er sich dessen selbst gar nicht gewahr. Die traurigen Augen Brasko´s hatten ihr einen tiefen Einblick in sein Selbst geboten und sie war froh, dass sie es war, die ihm dieses Nest geschaffen hatte. Und es war richtig gewesen, ihn nicht nach seinen Gedanken zu fragen. Wenn er reden wollte, würde er das von sich aus tun. Freni legte sich neben Brasko. Berührte seinen Arm ganz leicht und gab ihm dadurch einen sanften Trost in seinem tiefen Schlaf. Müde schloss sie die Augen und entschied, Brasko am nächsten Morgen zu bitten, mit ihr eine Reise ans Meer zu machen. Die Insel Giglio sollte wunderbar sein. Das Wetter auf Insel der Ziegen war um diese Jahreszeit mild. 15 Grad und Sonnenschein. Die salzige Meeresluft, verträumte, winzige Dörfer und die leichte, toskanische Küche würden ihnen beiden gut tun. Und wer weiss, vielleicht konnte Brasko nach ein paar Tagen der Erholung sich aufraffen, seinen detektivischen Instinkt wecken und seine Nase in die Details des Schiffsunglücks stecken. Freni war zufrieden. Der Meisterdetektiv murmelte im Schlaf und ihre Gedanken wurden ruhig und gleichmäßig wie sein Atem...

bonanzaMARGOT - 19. Jan. 12, 11:21

Brasko wachte abrupt auf. Gab es ein Erdbeben? Er blinzelte schlaftrunken ins Tageslicht. Alle Glieder taten ihm weh. Da wurde er Freni gewahr, die an ihm rüttelte - an seiner gesunden Schulter.
"Aufwachen, Langschläfer!"
"Wie, was, wo", Brasko ächzte.
"Wir müssen los!"
"Ja. Ich weiß." Er räkelte sich. "Haben wir ....?"
"Nein. Du warst gleich weg."
Brasko war froh, dass er nicht schon wieder eine Erinnerungslücke hatte. Auf der anderen Seite hätte er schon gerne mehr von dem Abend gehabt.
Freni war bereits reisefertig.
"Du kannst dich ja im Krankenhaus frisch machen."
"Klar. Noch Zeit für`nen Kaffee?"
"Klar. Tut mir leid, dass ich Dich dränge. Aber ich schlief schlecht und kurz. Mir ging so viel durch den Kopf ..."
"Ich fühle mich wie von den Toten erwacht", sagte Brasko. Er nahm die Tüte mit dem Bier, und sie gingen hinunter in die Gaststube.
lost.in.thought - 19. Jan. 12, 13:03

Der dampfende Kaffee tat gut. Freni wirkte auf Brasko nervös und unruhig. Was hatte sie gesagt ? "WIR müssen los?" Was hatte sie damit gemeint ? Und warum sollte er sich frisch machen ? Die Visite von Dr. W. war ihm so was von egal, da konnte er auch unrasiert, zerknittert und mürrisch sein, wen würde es schon interessieren. "Freni ?" Brasko räusperte sich. "Was hast du nun vor? Zurück in die Heimat?" Freni senkte den Blick für einen kurzen Moment um ihm dann offen und klar in die Augen zu sehen. "Nein, Herr Detektiv. Wir machen eine Reise. " " Eine - was ?" "Eine Reise, jawohl. Wir nehmen eine Auszeit. Einfach so. Ich habe nächtens telefoniert. Wir nehmen den Zug und die Fähre, das Hotel ist reserviert. Zwei Zimmer mit Verbindungstüre, ich dachte, es wäre angenehm." Brasko war verwirrt. Was führte diese Frau im Schilde? "Freni, nein. So geht das nicht. " Sie blitzte ihn an. Ein verschmitztes Lächeln huschte über ihr noch vom Schlaf zerknautschtes Gesicht. "Doch, so geht das. Punkt. Die Klinik ist informiert, du wirst auf eigenen Wunsch vorzeitig entlassen. Es gibt keinen Grund, weiter zwischen einer Mumie und einem debilen Förster vor sich hin zu dämmern. Aber es gibt einen guten Grund, eine Reise zu unternehmen. " Brasko fühlte ihre Entschlossenheit und ohne weiter zu hinterfragen was auf ihn zukommen sollte, trank er den Kaffee aus, schnürte sich seinen Morgenmantel fester zu und stand auf, um zu gehen. Eine Reise mit Freni also. Hatte er doch eine Gedächtnislücke ? Rasch schüttelte er die Gedanken ab und verließ mit Freni am Arm den "Schinderhannes"...

bonanzaMARGOT - 19. Jan. 12, 13:51

Einerseits beeindruckte ihn die Entschlossenheit Frenis. Andererseits fühlte er sich unangenehm bedrängt. Er wollte noch etwas Erholung. Er wollte nach Hause und zu sich kommen. Dass Freni immer derart eigensinnig sein musste!
Ja, die vorzeitige Entlassung aus dem Krankenhaus kam ihm doch sehr entgegen. Die Mumie würde ein neues Gesicht bekommen und der Förster einen neuen Unterarm, aber er musste nicht unbedingt das Resultat mitbekommen.

"Schade, dass Du uns schon verläßt", lachte der Förster, "wie viel Bier muss ich der Mumie wohl einflößen, damit sie gesprächiger wird, haha!"
Brasko ging rüber zur Mumie und verabschiedete sich. Er versuchte durch die Schlitze im Mullverband die Augen zu erkennen. Aber es war nichts zu sehen. Trotzdem glaubte er zu spüren, dass die Mumie weinte. Brasko hielt ihre Hand.
"Ist ja schon gut. Höre nicht auf seine doofen Sprüche. Und ... äh ... ich wünsche Dir alles Gute!"

Als er bei Freni im Auto saß, öffnete er sich eine Flasche Bier. Er hatte dem Förster nicht alles überlassen.
"Schön, dass ich mit Dir nach Hause fahren kann."
"Ist es nicht etwas zu früh, Bier zu trinken", entgegnete Freni leicht angespannt.
"Freni, bitte! Lass uns nicht damit anfangen!"
"Na schön. Es ist Dein Leben."
"Genau."
Brasko nahm einen kräftigen Schluck aus der Pulle, und sie bogen in einer langgezogenen Rechtskurve ab auf die Autobahn ...
Freni (Gast) - 19. Jan. 12, 13:23

Wenn ihr glaubt, dass ich hier nicht mitlese, dann habt ihr ZWEI Schreiberlinge euch getäuscht. So! *g

bonanzaMARGOT - 19. Jan. 12, 13:58

ist es denn so schlimm, freni, was wir schreiben?
lost.in.thought - 19. Jan. 12, 14:12

Sorry, Freni. Es war nicht in meinem Sinn Dir ins Werk zu pfuschen...vielleicht solltest du die Geschichte ab nun begleiten... viel Spass dabei
bonanzaMARGOT - 19. Jan. 12, 14:14

nein, wir wollten dich sicher nicht brüskieren.

was die geschichte angeht: die ist eigentlich zu ende. aber vielleicht entsteht eine neue ...

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