Bis zur letzten Kopie


Die Zeit ist eine Maschine – eine riesige Kopiermaschine. Nur sind die Kopien nicht perfekt. Sie werden nach und nach brüchig, undeutlich und vergilben. Ich wache auf als mein eigener Klon. Wieder einen Tag älter. Der Weg durch die „Zeitmaschine“ verschleißt mich. Ja, ich meine, dass ich ich bin, obwohl ich es de facto nicht bin. Ich bin das Abbild eines Ichs, was vor vielen Jahren entstand. Ich erinnere mich nicht. Wie nahm es seinen Anfang? Gab es überhaupt ein Original?
Ich schaue mich um. Die „Zeitmaschine“ schluckt einfach alles. Sie funktioniert nicht nur als Kopierautomat sondern auch als eine Art Zerkleinerungs- oder Unordnungsmühle. Alles wird langsam in Kreisläufen zermahlen. Die Welt zerfiele zum Chaos, wenn es nicht wieder ordnende Kräfte gäbe. Das Leben ist eine solche Kraft. Ich darf leben. Ich brenne. Im Gleichgewicht der Elemente: Feuer, Wasser, Erde, Luft. Aber unweigerlich nagt die Zeit an mir. Die Zeit verschlingt alles. Wenn man hinter das Geheimnis ihrer Maschinerie käme …, - würden die Nebelschleier um unser Dasein plötzlich aufreißen? Und was würden wir dahinter erblicken? Gott? Oder noch eine mächtigere Maschine?

Ein Tag vergeht. Die Alten erlebe ich in der Nacht. Sie sind dem Tod näher, und sie wissen es. Das Leben zerfällt. Es ist nicht immer schön zu sehen. In der Nacht kommt mir das Altenheim vor wie ein Geisterschiff. Und ich bin der Wächter. Die alten Seelen sind oft unruhig. Ich behüte ihren Schlaf. Leben und Tod berühren sich, betasten sich … Der Wind bläst eine Flamme nach der anderen aus.

Mico75 - 08. Jan. 12, 19:17

sehr nachdenklich stimmender beitrag.
besonders "stark" finde ich das bild des wächters auf dem geisterschiff. dieses bild ist so aussagestark und kräftig, daß man es fast greifbar vor augen hat.
hat mich sehr berührt.

bonanzaMARGOT - 09. Jan. 12, 15:40

danke mico

wenn ich nachts allein im altenheim "wache schiebe", drängt sich dieses bild auf.
lovehunter - 08. Jan. 12, 19:19

...und eines Tages werden wir auf diesem Geisterschiff ins ewige Dunkel schippern.
Toller Beitrag!

bonanzaMARGOT - 09. Jan. 12, 15:41

das werden wir lovehunter ...
danke.
Lange-Weile - 08. Jan. 12, 20:41

Erneuerung

Hallo B0.,

im Zusammenhang mit deinem Beitrag fällt mir ein Zitat von Unbekannt ein :"Jeder Mensch wird als Original geboren, doch die meisten sterben als Kopie" Damit ist sicher nicht der biologische Ablauf des Lebens gemeint. sondern es zielt eher auf das Leben in der Nachahmung.

Die menschliche Zelle hingegen kopiert sich ständig neu, man sagt sogar, alle 7 Jahren haben sich alles Zellen den Menschen wieder erneuert. Jedoch bilden die Kopien nicht das perfekte Abbild der Vorgängerzelle, sondern soll tatsächlichen schon leicht verzerrt sein und diese bildet wieder die neue Vorlage für die nachfolgende Kopie.

Das zur abstrakten Betrachtung der Veränderungen, nicht nur der Zellen, sondern auch des Menschen. Diesen Prozess kann man negativ aber auch positiv betrachten. Würden wir als Mensch uns stetig in der Originalversion erneuern, gäb das da überhaupt ein Leben? Beginnt mit der Zellteilung nicht auch gleich die Zellerneuerung?

Auf der anderen Seite. Wie würden wir unser Leben wahrnehmen, wenn wir z.B. immer jung blieben? Nicht nur im Körper, sondern auch im Kopf?

Heut - ich sah grad einen Bericht über die Mayas - kam mir ein sonderbare Idee. Der Kalender der Mayas endet am 20.12.2012 und über die Zeit danach wird in diesem Jahr wohl noch viel spekuliert werden. In dem Zusammenhang dachte ich mir so - was ein Glück, dass ich schon mein Schärflein zum Leben auf der Erde beigetragen habe, d.h. fast alles hinter mich gebracht habe. Dieser Gedanke entsprang einer plötzlichen Idee, dass ich nur deshalb auf die Welt kam, damit ich meinen Beitrag zur Weiterentwicklung des Menschen leisten müsste. Absurd, aber mir war plötzlich so, als hätte mich jemand auf dieser Erde grade mit dieser Absicht ausgesetzt. Die Zeitmaschine, von der du schreibst, ist der Motor für alles, was sich auf der Erde bewegt ;.) und damit auch unser Leben.

Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag

LaWe


steppenhund - 09. Jan. 12, 01:11

@LaWe

Dieser Gedanke entsprang einer plötzlichen Idee, dass ich nur deshalb auf die Welt kam, damit ich meinen Beitrag zur Weiterentwicklung des Menschen leisten müsste. Absurd, aber mir war plötzlich so, als hätte mich jemand auf dieser Erde grade mit dieser Absicht ausgesetzt.
-
Ich sehe da nichts Absurdes darin. Ich glaube, genau so ist es -für jeden.
bonanzaMARGOT - 09. Jan. 12, 15:59

hi lawe

"zeit ist kunst" ist auch ein sehr nachdenkenswerter ausspruch. denn die zeit verändert nicht nur, - sie scheint dabei auch sehr kreativ zu sein. darum ist es schwer für uns vorstellbar, dass die welt nur von ein paar kräften und naturgesetzen zusammengehalten wird.
die welt selbst ist ja die zeitmaschine. wir sind somit ein funktionierendes teil der maschinerie und gleichzeitig das produkt, welches durch sie entsteht und vergeht.
das neue stelle ich mir vor, wie wenn ich immer weiter zähle, und jede primzahl, auf die ich stoße, ist dabei etwas unverwechselbar neues, was für sich ein neues universum bzw. eine neue dimension aufspannt. wo befinden wir uns jetzt auf diesem zahlenstrahl?
inzwischen gibt es unfassbar viele kombinationen ... des seins und der formen.
wow!
die welt ist darum derart spannend und faszinierend, weil wir ihre wahnsinnige größe und komplexität nicht mit unserem verstand fassen können. darum bin ich immer auf der suche nach bildern, die meinem gefühl für den kosmos und das dasein nahe kommen. ich denke, dass auf diese weise die religionen entstanden. und die kunst. sowie die wissenschaften und die philosophie - eigentlich alles, was die menschliche kultur besonders macht.

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