Wille und Rolf


Viel Xaver kam hier im Südwesten nicht an. Ein strenges Lüftchen weht, das ich gestern auf der abschüssigen Straße ins Tal zu spüren bekam. Dafür ließ sich der Heimweg mit dem Wind im Rücken leichter meistern. Ich war seit längerem wiedermal mit dem Fahrrad unterwegs. Es war an der Zeit. Ich musste endlich die Flaschen zum Flaschencontainer schaffen. Danach einkaufen. In die zwei Satteltaschen passt eine ganze Menge.
Im Kaffeehaus wärmte ich mich auf. Ein älteres Ehepaar saß neben mir an der Bar. Mitte Sechzig schätze ich sie. Sie kommen immer Donnerstags am frühen Abend. Ich finde sie goldig. Ihre Augen funkeln so schön. Vor allem die der Frau. Wille und Rolf. Gestern stellten wir uns einander mit Namen vor. Ich liebe Unterhaltungen mit netten, weltoffenen Menschen. Rolf ist etwas knorrig und will immer das letzte Wort haben, aber seine Frau Wille kann gut damit umgehen. Wir beobachteten eine Geburtstagsgesellschaft und rätselten über das Alter des Jubilars sowie über die verwandtschaftlichen Verhältnisse der Gratulanten. Ziemlich schnell hatten wir raus, wer Schwiegersohn, wer Tochter, und wer die Geschwister waren. Bestimmt wurde ein runder Geburtstag gefeiert. Der Sechzigste, schätzten wir. Alles war sehr feierlich arrangiert. Sie hatten sogar einen Teil der Bar reserviert, um die eintreffenden Gäste mit Sekt zu empfangen. Der Barkeeper sagte, dass später Gans aufgetischt würde.
Nachdem Wille, Rolf und ich uns gegenseitig vorgestellt hatten, wollten wir auch den Namen des Barkeepers wissen und erfuhren, dass er Kei heißt und einen japanischen Vater hat. Kei stellte uns Erdnüsse auf die Theke. Es war ein fröhliches und unterhaltsames Zusammensitzen. Wille trank Strawberry Margarita aus frischen Erdbeeren und Rolf Pils. Wenn es nichts mehr zu sagen gab, las ich in Miguel Unamunos Essays. Rolf wurde neugierig auf meine Lektüre. Ich umriss kurz den Inhalt und verlor ein paar Worte über Unamuno, - was mir bei ihm gefällt. Ich glaube, sie waren beeindruckt. Hätte ich dagegen Bukowski dabei gehabt, hätten sie sicher gegrinst. Nächsten Donnerstag werde ich etwas von Bukowski mitnehmen, um ihre Reaktion zu testen.
Ich erfuhr, dass Wille und Rolf seit 548 Monaten zusammen sind. Sie konnten es so genau sagen, weil sie jeden Monat ihr Zusammensein feierten. Sie hatten sich in ihrer Studentenzeit kennengelernt.
„Ihr feiert bald Goldene Hochzeit“, sagte ich.
„Nein, wir sind seit 548 Monaten zusammen“, berichtigte mich Rolf.
„Ach so. Dann feiert ihr Goldenes Zusammensein.“
„Goldenes Zusammmensein gefällt mir“, lachte Wille.
Und Rolf meinte: „Bis dahin geht noch etwas Zeit hin.“
Ich rechnete schnell im Kopf: „Keine Fünf Jahre mehr.“
„Ob wir das noch erleben?“ fragte Wille.
„Sicher werden wir es erleben!“ antwortete Rolf beinahe vorwurfsvoll, als wäre es ein Unding, daran zu zweifeln.
Ich beglückwünschte die Beiden zu ihrer langjährigen Partnerschaft.
„Es ist einfach so gekommen“, sagte Wille.
Wir kamen überein, dass sich die Länge einer Liebesbeziehung nicht planen lässt. Gern hätte ich mit Wille und Rolf weiter geplaudert, aber Rolf schaute auf die Uhr und blies zum Rückzug. Wille wäre wahrscheinlich noch geblieben. Sie hatte mehr noch als ihr Mann Geschmack an unserer Konversation gefunden.
Nachdem sie gegangen waren, bestellte ich bei Kei noch ein Bier. „Nette Leute“, sagte er. „Ja“, stimmte ich zu, „trifft man nicht so oft.“ Ich redete mit Kei noch ein Weilchen darüber, an was man nette und aufgeschlossene Menschen erkennt. Er meinte, dass er sich auch schon getäuscht hätte. Nicht wenige behandelten ihn von oben herab. Anscheinend sind Rolf und Wille eher eine Ausnahmeerscheinung. Ich trank mein Bier und beobachtete die Gäste. Es kam eine Gruppe Männer an die Bar, die mich von meinem Platz verdrängten. Aber ich war nicht sauer. Ich hatte an diesem Abend zu viel Gutes erlebt.

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