Allein in der Nacht

Die Nächte sind gezählt, dass wir unsere nächtlichen Runden zu Zweit machen.
Vor mir liegen vier Nachtdienste, wo ich das letzte Mal die Gesellschaft meiner lieben Kolleginnen genießen darf. Danach habe ich Urlaub, und wenn ich zurückkehre, werden wir nächtlich Soloplayer im Altenheim sein. Jedenfalls ist es so geplant. Wie das Kaninchen vor der Schlange harren wir der Tatsachen, der da sind. Solange die Nächte ohne besondere Vorfälle laufen, mag es vorstellbar sein, die Arbeit alleine zu leisten. Aber wenn ich mir Notfall-Situationen vorstelle oder Sterbefälle oder einfach eine betriebsame Nacht, kommt mir das Grausen. Ich stelle mir die Frage, ob ich dann noch guten Gewissens die Bewohner in der Nacht pflegen und betreuen, ihnen die notwendige Sicherheit bieten kann.
Sie machen es an der Bewohnerzahl fest. Wenn es unter fünfzig sind, kann mit einer Nachtwache der Dienst abgedeckt werden. Ich finde es vollkommen irrational, dass es unter Umständen an einem Bewohner hängt, ob man alleine oder zu Zweit die Nachtarbeit leistet. Man reduziert doch auch den Tagdienst nicht um die Hälfte. Außerdem wandern sowieso eher die leichten und weniger aufwendigen Pflegefälle ab, während die schweren "Brocken" bleiben. Es ist also völlig absurd zu denken, dass wir mit knapp fünfzig Bewohnern weniger Arbeit haben werden als mit gut fünfzig.
Hinzu kommt die psychische Belastung, die man nachts haben wird. Auf zwei Schultern verteilt sich die Verantwortung doch leichter als auf einer. Dann gibt es Bewohner, die in ihrer penetranten Art furchtbar nervig sein können. Bisher konnten wir sagen: "Komm geh du mal zu Frau M.. Ich kann sie nicht mehr ertragen!" In Zukunft werden wir diese schwierigen Belastungen ganz alleine schultern müssen. Aber bekommen wir deswegen mehr Gehalt? Pustekuchen! Ich bin nur mal gespannt, ob sie uns dann immer noch eine dreiviertel Stunde Pause abziehen, wie bisher.
Es ist gerade so, als müssten wir ab 1. April einfach die doppelte Arbeit leisten. Aber es geht nicht darum, dass irgendein Fließband halt doppelt so schnell läuft, und sich dadurch ein höherer Ausschuss an toter Materie ergäbe; sondern wir pflegen und betreuen Menschen - wir gießen auch nicht Pflanzen oder füttern Tiere - es geht um Menschen, die ein Recht auf eine bestmögliche Versorgung, eine größtmögliche Sicherheit und eine würdevolle Behandlung haben. Die Bewohner, die wir pflegen, das könnten wir selbst sein!
Ich verstehe nicht, wie ein kirchlicher Träger einen solchen Einschnitt in die Versorgung der Alten und Hilfebedürftigen machen kann. Es ist schon jetzt schwer genug, im Sinne der Nächstenliebe die belastende Arbeit der Altenpflege zu leisten. Ich weiß, dass die Sache bereits abgemacht ist. Nächsten Montag werden sie uns in einer Besprechung vor vollendete Tatsachen stellen. Sie werden uns vor die Wahl stellen. Viele von uns sind von ihrem Arbeitsplatz abhängig. Ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag, den ich ungern aufs Spiel setzen würde. Die psychische Daumenschraube ist längst angelegt. Meine Bedenken werde ich vortragen, im Sinne meiner Kollegen und Kolleginnen und im Sinne der Alten. Wie oft wurde uns doch von denselben, die diesen markanten Einschnitt vornehmen, gepredigt, dass es allein um die Bedürfnisse der Alten geht?! Die Bedürfnisse des alten Menschen stehen unbedingt im Vordergrund ...
Einmal mehr werde ich in meiner Meinung bestätigt, dass wir nicht in Deutschland sondern in "Heuchelland" leben.
LadylikeKandis - 18. Mrz. 09, 21:06

alte leute werden eben nicht mehr gebraucht! ich könnte den ganzen tag lang kotzen, wenn ich nur daran denke, an was der mensch das leben abhängig macht.

komm wir verändern die kack welt...und rebillieren...oder so;-)

man fühlt sich wie eine marionette...auf diesem planeten.-..

leider.

Aurisa - 18. Mrz. 09, 21:11

Ich weiss nicht mehr, wer es war, der meinte, man dürfte in diesem Land alles sein... nur nicht alt oder krank werden...
Daran wie unsere Gesellschaft mit den Schwachen umgeht... daran sieht man am deutlichsten, wie es um sie bestellt ist...
Wehe uns, wenn man jemals so mit uns umgeht :(...
bonanzaMARGOT - 19. Mrz. 09, 15:29

wie stellst du dir das "rebillieren", vor, lady?
bonanzaMARGOT - 19. Mrz. 09, 15:35

hi aurisa, es ist tatsächlich so, dass mal wieder alles am geld liegt, was die schieflage ausmacht, deshalb hasse ich immer mehr die geistlose, kapitalistische konsumgesellschaft, welche einen immer größeren teil der menschen zu almosenempfängern und geringverdienern macht, und einige menschen wissen sichtlich nicht, wohin mit ihrer kohle.
LadylikeKandis - 19. Mrz. 09, 18:24

ich weiss auch noch nicht....ich lass mir mal was einfallen;-)
bonanzaMARGOT - 19. Mrz. 09, 19:04

mach das, lady!
momentan riecht die gesellschaft allzusehr nach eingeschlafenen käsfüßen.
LadylikeKandis - 19. Mrz. 09, 19:50

ich geh mal unter die heisse dusche;-))
testsiegerin - 19. Mrz. 09, 18:39

ja. das ist tatsächlich eine katastrophe.
und es scheint die öffentlichkeit nicht zu kümmern. die kümmert sowas erst dann, wenn leute sichtbar vernachlässigt werden, sterben und irgendwo ein spannender skandal aufgedeckt wird.

dass der eigentliche skandal die tatsache ist, dass eine person für fünzig alte, kranke, pflegebedürftige, schwierige menschen zuständig ist und wie es diesen pflegepersonen geht, das ist der öffentlichkeit wurscht.

scheiße, das alles.

bonanzaMARGOT - 19. Mrz. 09, 18:57

ja, barbara, das kann ziemlich wütend machen. mich ärgert dabei vorallem die stattfindende heuchelei. in den pflegeleitfäden der heime liest sich alles wunderbar: individuelle pflege, pflegekonzept nach dingsbums, beschäftigungsangebote etc.
es liest sich wie die prospekte, mit denen reiseanbieter urlauber in billige, auseinanderfallende hotels lotsen. nur können sich die alten kaum wehren, und die angehörigen sind oft überhaupt froh, ihre alten irgendwo abgeben zu können. von den gesetzlichen betreuern ganz zu schweigen - natürlich gibt`s immer solche und solche. wie auch beim pflegepersonal. das fazit sieht jedenfalls meist ärmlich aus, wenn es um die umsetzung der plakatierten mitmenschlichkeit geht. wir alle (die gesamte gesellschaft) versagen in meinen augen.
und es gilt, für meine begriffe, einmal mehr der spruch: der fisch stinkt vom kopf.

mein dilemma ist halt, dass ich als rädchen im getriebe existentiell abhängig von meinem arbeitsplatz bin. ich muss also aushalten, was sich die bürokraten aus kirche und politik für uns ausdenken. wenn ich das maul zu weit aufreiße, habe ich`s nicht nur bei meinem arbeitgeber verschissen sondern auch bei meinen kollegen und kolleginnen, die in eine auseinandersetzung automatisch mit hinein gerissen würden. es artet ja dann meistens in eine relativ unsachliche hin- und herwälzerei von schuldvorwürfen aus.

man müsste wirklich mal richtig auf die barrikaden steigen!
ein paar märtyrer stemmen dies allerdings nicht.
WANDERgalerie - 22. Mrz. 09, 12:22

linktipp

vielleicht für dich interessant:
https://www.xing.com/net/gerontologieforum/

beste grüße!

bonanzaMARGOT - 22. Mrz. 09, 14:05

vielen dank, wandergalerie, werde ich mir näher angucken.
rudolf33a - 08. Apr. 09, 21:04

Nachtdienst

Hall (Margot) Ich bin Rudolf und arbeite als Pflegehelfer in einem Seniorenheim in Graz in Österreich. In unserem Haus sind 130 Bewohner und eine Diplomierte mit 2 Pflegehelfern pro Nachtdienst. Ist auch nicht immer einfach.
Cuprex das war mein Mittel gegen die Krätze die ich mir vor vielen Jahren einst eingefangen hatte.
Liebe Grüße Rudolf.

bonanzaMARGOT - 08. Apr. 09, 21:20

hi kollege.
wir werden demnächst den nachtdienst alleine schieben müssen. wir reduzierten auf 50 bewohner, da das altenheim nächstes jahr geschlossenwird und wir in eine kleinere einrichtung umziehen.

von cuprex hörte ich noch nichts - muss ich mir mal googeln.
infectoscab ist, wie gesagt, momentan hier das einreibungsmittel der wahl und auch erst seit 2004 in deutschland zugelassen.

wenn diese äußeren anwendungen nichts wirklich bewirken, werde ich mir aus frankreich stromectol besorgen. dann sollte das ungeziefer auf mir endgültig die waffen strecken ... hoffentlich.

liebe grüße nach graz, auch zu deinen kollegen und kolleginnen.
rudolf33a - 08. Apr. 09, 21:35

...

50 Bewohner allein, das ist hart.
Ich mach zur Zeit nur Tagdienste. Ich habe von einigen Kollegen aus Deutschland gehört, daß bei euch die Arbeitsbedingungen härter sind als bei uns. Also für mich ist es hart genug, ich liege zur Zeit mit einer ordentlichen Verkühlung im Bett. Den Beruf mach ich aber sehr gerne, sonst ginge es glaube ich nicht.
Cuprex riecht wie Teer und hat eine braune Farbe, soweit ich mich erinnern kann, hatte ich die Parasten in 2 Wochen damit beseitigt.
L.G.Rudolf.

bonanzaMARGOT - 08. Apr. 09, 21:50

ich werde meinen hautarzt mal auf cuprex ansprechen.
von eigenwilligen selbsttherapien halte ich nicht unbedingt was. aber wer weiß, wo einen die verzweiflung hintreibt ...

wir hatten bisher 80 bis 90 bewohner, zu einem großen anteil pflegefälle - mittel bis schwer - also von mobilen dementen bis zur bettlägerigkeit und künstlicher ernährung.

ich weiß noch nicht, ob ich mir die nächte allein antuen will. es ist ja vorallem die psychische belastung in echten "krisennächten", die du dann relativ alleine schultern mußt.
auch sonst. die rundgänge sind auch bei 50 bewohnern, die zum teil 3x gelagert und gewindelt werden müssen, ziemlich hart.

über die unterschiedlichen arbeitsbedingungen in den nachbarländern kann ich nicht viel sagen. innerhalb deutschlands variiert die qualität der pflege von einrichtung zu einrichtung ziemlich ...

auch ich bin gern altenpfleger, obwohl ich da in meinem werdegang einige härten (zivildienst) durchmachen musste. es wird auch ein kampf bleiben ... nach 20 jahren in der pflege weiß ich, wovon ich rede.
die 75 % teilzeit bewahren mich hoffentlich u.a. vorm ausbrennen.
am liebsten würde ich auf 50% reduzieren - würde mir vollkommen reichen. wenn man mal den bewohner nur noch als arbeitslast ansieht, ist es nur eine frage der zeit, dass du ihn auch als solche (last) behandelst.
speedy (Gast) - 22. Dez. 11, 02:02

50 bewohner ???

hallo, ich wünschte ich hätte nur 50 , lach es sind 59 ,gruss speedy
bonanzaMARGOT - 22. Dez. 11, 07:00

soll ich jetzt erleichtert sein, speedy, weil du und wahrscheinlich noch andere nachtwachen mehr bewohner haben?
es soll ja kollegen geben, die regelrecht damit prahlen, wie viel bewohner sie im frühdienst möglichst schnell waschen können - so`ne arbeitsauffassung kann man auch auf den nachtdienst übertragen. ich teile diese einstellung allerdings in keinster weise!
rudolf33a - 08. Apr. 09, 22:08

-´!`-

So so.
Da geb ich dir recht, mit dem Gang zum Hautarzt.
75% würd ich auch gerne arbeiten, das kann ich aber aus finanziellen Gründen nicht. Und nur Nachtdienste zu machen um den Geldausfall aufzufangen, das will ich nicht.
So weit zunächst. Ich hoffe wir schreiben uns bald wieder. Bin im Moment etwas schreibfaul.
L.G.Rudolf.

bonanzaMARGOT - 08. Apr. 09, 22:18

rudolph, du bist willkommen hier.

die kohle. das ist wohl immer das entscheidende problem in berufen, die an der unteren lohngrenze rumkrebsen. da ich alleine lebe und kein auto habe, kann ich es mir als teilzeitkraft noch ganz angenehm machen.

bis dann mal.
alles gute im job und privat!

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