Schnoller

Nun wisst Ihr nicht, was ein "Schnoller" ist. Ich beginne das Neue Jahr mit einem neuen Wort. Vielleicht nenne ich fortan alle verrückten Träume "Schnoller" - Träume, die im Halbschlaf am Strand des Wachwerdens noch ein Weilchen nachwirken: Der Geruch des Schlafes hat sich noch nicht völlig verzogen - mumiengleich liegt man in seinen Gedanken, die Augen bereits geöffnet, in die heraufdämmernde Realität blickend - benutzte eine Traumfigur das Wort "Schnoller"? - in dieser Phase scheint mir noch klar zu sein, was das Wort bedeutet; aber bereits wenige Minuten später hat es sich samt Traum in den dunklen Abgrund des Irrsinns verabschiedet.
Einige Traumszenen aus der Neujahrsnacht will ich aufschreiben, bevor sie ganz im "Schnoller-Orkus" untergehen:
... Die Greisin mit den Streichholzarmen und -beinen wurde immer weniger, löste sich förmlich auf. Bereits wie mumifiziert lag sie im Pflegebett und sagte: "Ich habe noch Luft." Ihre Augen drohten den lebendigen Schimmer zu verlieren; trotzdem traf mich ihr Blick eindringlich, als sie zu mir sprach: "Du brauchst keine Angst haben ..."
Ihre Gestalt löste sich weiter auf, während sie ihre Worte gütig lächelnd wiederholte. Mund und Augen verschwanden zuletzt. Ich beobachtete, wie ihr Astralkörper langsam in die Tiefe des Raums davon schwebte. Neben ihr entdeckte ich zu meinem Erstaunen einen Begleiter, der wohl mit ihr den Weg ins Jenseits antrat.
"Wer ist das?" rief ich ihr hinterher.
"Herr Do..bo..rowski", antwortete sie, indem sie sich kurz zu mir umdrehte. Ich verstand den Namen nur undeutlich; und sie fügte hinzu, als ob sie meine Gedanken erraten hatte:
"Ja, auch aus dem Altenheim."
Mir lief es kalt den Rücken hinunter, bedeutete es doch, dass währenddessen noch ein Bewohner verstorben war - von uns völlig unbemerkt. Möglicherweise haben die Beiden sich verabredet, dachte ich amüsiert. Jedenfalls sollte ich vor dem Auftauchen des Frühdienstes herausfinden, um wen es sich dabei handelte ...
Zusehends entglitt mir der Traum ins echte "Schnoller-Traumversum", so dass sich das folgende Geschehen nicht mehr sinnvoll rekonstruieren lässt. Das Bild der abgemagerten Greisin, die sich vor meinen Augen völlig auflöste, blieb mir jedoch als bemerkenswert im Gedächtnis hängen.
Übrigens lebt die alte Frau noch. Sie sei noch "sehr lebendig" schrieb mir eine Kollegin, die über Silvester Dienst hatte, per SMS. Schön. Das "Schnollerversum" ist unergründlich. Doch manchmal bleiben geheimnisvolle Bilder und Eindrücke.


(04.01.2009)

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

christian brückner...
christian brückner liest sehr viel... ihn hörte...
bonanzaMARGOT - 20. Nov, 05:05
Danke für den Hörspieltipp,...
Danke für den Hörspieltipp, der eignet sich...
rosenherz - 19. Nov, 11:00
Das Jahr Lazertis
– es tauchte auf wie aus dem Nichts. Wie lange...
bonanzaMARGOT - 18. Nov. 18, 16:29
Höhe der Zeit
Gepriesen sei das Internet! Ich ließ mir meine...
bonanzaMARGOT - 17. Nov. 18, 13:45
oder du hast eine doppelgängerin? oder...
oder du hast eine doppelgängerin? oder das war...
bonanzaMARGOT - 16. Nov, 04:28
Hööö,...
Hööö, was ist denn hier los? Zweimal...
rosenherz - 15. Nov, 21:32

Archiv

Januar 2009
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
15
16
17
18
19
20
22
24
25
26
27
28
29
30
31
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator



Status

Online seit 4085 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Nov, 06:27