Mit Cardinal ins Neue Jahr

Morgen ist Silvester, und ich fühle mich wie mitten im Jahr - also von wegen Silvesterstimmung. Die letzten Male schob ich über den Jahreswechsel Nachtwache. Es ist eine Weile her, dass ich Silvester feierte, bzw. bewusst miterlebte. Stattdessen wechselte ich Windeln, ging auf die Klingel, während draußen die Böller krachten, und Raketen den Nachthimmel über der Rheinebene erleuchteten. In einer Pause stießen meine Kollegin und ich dann auch mit einem Glas Sekt an. Es ist eine schöne Sache, sich und anderen Menschen, der ganzen Welt alles Gute für das Neue Jahr zu wünschen. Wir kennen die Wünsche, auf die es wirklich ankommt: Gesundheit, Frieden und Sicherheit für die Zukunft. Die Jahre plätschern dahin, die Wünsche bleiben. Die Lotterie des Lebens verteilt ihre Gewinne wie auch die Desaster. Ich versuche mich in Gleichmut zu üben: Wenn es nur nicht viel schlimmer wird, brauche ich es auch nicht unbedingt besser. Ich hege nämlich insgeheim den Verdacht, dass wer dem Glück zu viel abverlangt, im Gegenzuge dem Unglück das Tor öffnet. Mitunter wurmt mich das bescheidene Dahinplätschern des Lebens schon, und ich überlege mir gravierende Veränderungen; doch bleiben meine Vorstellungen auf halber Strecke hängen - spätestens wenn sich die hohe Dame Vernunft zurückmeldet: "Felix, lasse die Flausen, die führen zu nichts als zu Ärger. Dir geht es doch gut. Fordere das Glück nicht heraus ..." Ich lernte mit dem Älterwerden, die Vernunft nicht weg zu schieben, wenn ich mal wieder Blödsinn im Kopf habe. "Na gut, du hast mal wieder recht", sage ich mir, also der Vernunft, "warum in die Ferne schweifen, wenn das Glück ist so nah. Ich müsste mich nur aufraffen, die vielen kleinen Dinge anzugehen, die mir schon lange vorschweben."Genau, Felix, du könntest eine Menge Sinnvolles für dich tun, nicht wahr?"
Morgen ist Silvester. Die Menschen überschütten sich mit guten Wünschen. Ich wünsche ihnen, dass ein paar davon in Erfüllung gehen. Ich fühle mich seltsam heute. Entschuldigt. Silvesterlaune kommt immer noch nicht recht auf. Ich habe eine ganze Woche frei. Wo ist meine Freude? Muss ich mich auf den Kopf stellen, damit sich die verkrampften Eingeweide lösen?

Morgen ist Silvester. Verdammt noch mal! Ich fahre nach Basel. Mich erwarten eine liebevolle Frau, türkisches Essen und ein mitternächtlicher Spaziergang an den Rhein. Und Cardinal Bier! Das Schweizer Bier ist nicht übel, vor allem das Cardinal. Wenn es nur nicht so teuer wäre. Und dann das Schwizzerdütsch - das verstehe ich nach drei Jahren noch nicht. Jeden Tag wollte ich es nicht hören.
Wenn ich erstmal unterwegs bin, wird sich meine Laune bestimmt bessern. Reisen finde ich immer spannend ...

Also Leute, lange Rede, kurzer Sinn: Alles Gute fürs Neue Jahr! (Und trinkt nicht so viel.)




testsiegerin - 06. Jan. 09, 12:13

Ist die Freude schon da?
Manchmal braucht sie ein wenig.

Zuviel getrunken hab ich sicher nicht, wegen der Wurzelbehandlung am Vormittag. Aber auch sonst mag ich Feiern auf Befehl und Datum nicht so sehr. (Es sei denn, es handelt sich um meinen Geburtstag).
Und trotzdem kann man sich nicht freimachen davon, also ich.Da steht man unter dem Feuerwerk und denkt: Scheiß auf die Guten Vorsätze und Wünsche. Aber man denkt eben dran. Man hofft, dass es besser, oder wenigstens nicht schlechter wird, man wird ein bissl sentimental und rührselig und küsst Mann und Kinder (nicht, dass man das sonst nicht täte, aber anders halt). Der langen Rede kurzer Sinn.

Dir auch alles Gute. Ich hab das Gefühl, die Jahre haben dich weicher gemacht ;-)

bonanzaMARGOT - 06. Jan. 09, 13:26

Kann schon sein, dass die Jahre einen langsam weichspülen. Vielleicht ist meine Fassade weicher geworden. Die inneren K(r)ämpfe blieben im Großen und Ganzen.

Sie (die Silvesterfreude) ist schon wieder fort. Ich würde sagen, ich verbrachte einen netten Silvesterabend. Ohne viel Tamtam und feuchtfröhlicher Gesellschaft.
Seit Jahren sah ich mal wieder das Feuerwerk an, das aber gar nicht so viel hermachte. Es war trotzdem schön, auf der Rheinbrücke ein Stündchen in den Nachthimmel und über die Stadt zu schauen - bei hässlich-nasskaltem Wetter - mit trockenem Sekt ...
Auch das Essen war gut.

Vorsätze habe ich ja immer so ziemlich dieselben. Und Wünsche - besonders die eher utopischen.
Mal schaun.
Wie ich es schrieb: Solange es nicht schlechter geht ...

Danke.
Und du? Immer noch keine Verleger, die dir die Füße küssen?
testsiegerin - 06. Jan. 09, 13:38

Nein. Nur welche, die schreiben: "Ihr Manuskript passt leider nicht in unser Programm..."
bonanzaMARGOT - 06. Jan. 09, 13:47

Scheiße. Wenn ich mir überlege, wie viel gebundenen Mist es zu lesen gibt. Was glaubst du, was man machen muss, um in deren Welt einen Fuß in die Tür zu kriegen?
Einen Roman wie "Feuchtgebiete" schreiben?
Vitamin B in hohen Dosen?
Wie verkauft man seine Schreibe? Braucht man eine Krämerseele?
testsiegerin - 06. Jan. 09, 14:31

wenn ich es wüsste, wäre ich längst reich. vielleicht aber nicht glücklicher als jetzt.
um ehrlich zu sein: ich will gar nicht reich sein. ich will nur keine angst haben, wenn post kommt. und mir einem kurzschluss denken: jetzt haben sie den strom abgedreht.
oder beim einkaufen den prosciutto nicht wieder ins regal zurücklegen.
beim wellness-urlaub mit meiner tochter (den ich mit den geld, das ich bei den letzten lesungen verdient hab, finanziere) einfach so eine massage dazubuchen. oder so.
dazu muss man ja nicht wirklich reich sein, oder?

und grad auf dem kinderbuchsektor gibt es derart viel gequirlte scheiße, das ist unglaublich. aber es nutzt mir nix, wenn leute mein kinderbuch lieben, andere es aber nicht kaufen, weil der verlag null werbung dafür macht, keine zeitung einen artikel drüber schreibt etc.
obwohl ... für eine homestory wäre es bei uns eh nicht sauber genug.

so. und jetzt heiz ich den christbaum ein.
bonanzaMARGOT - 06. Jan. 09, 14:53

so so, du bist eine schlampeline? eine homestory würde ich allerdings auch hassen. geht denn eine vermarktung nicht mehr ohne das gucken unter die bettdecke? ich habe doch meine texte zu verkaufen und nicht die spinnhuddeln in den ecken meiner bescheidenen wohnung ...
verkaufen wir verpackungen oder inhalte? nun, es scheint ein wesentliches credo der heutigen zeit zu sein, dass man, um populär zu werden, am besten spektakuläres macht.
"christbaum einheizen" - finde ich gar nicht übel. man müsste das ganze nur irgendwie geil aufziehen ...

nein nein, ich gönne dir deine massagen, den wellness urlaub mit tochter und auch den prosciutto (was ist das?), wie ich mir mein bier gönne und eine fernbeziehung.
oder dieses laptop, auf das ich mit meinen fingern einhaue.

da schreibt man schon gefällig, und wird immer noch nicht beachtet. was wollen diese aasgeier denn? mainstream-kacke oder den abgefuckten dichter, der mit den worten tanzt?
ich weiß es ja: sie wollen lediglich ihr geld nicht in den sand setzen. und am liebsten haben sie die beknackten bücher irgendwelcher prominenter ... einfacher dürfte es also sein, erst prominent und dann buchautor zu werden als umgekehrt - als buchautor prominent.

hey, ich jammer gar nicht!!
tschuldige barbara, ich hatte eben das gefühl, dass so ein idiot von leser gerade dazu ansetzen wollte, mir selbstmitleid vorzuwerfen ...
urrgh! den habe ich gleich mal präventiv abgewürgt!
testsiegerin - 06. Jan. 09, 22:32

scheiße. eh jammerst du nicht. ich ja auch nicht. obwohl ich allen grund hätte zu jammern, weil mein schöner kommentar abgestürzt ist, in dem ich über inhalt und verpackung und darüber, dass wir mit unseren worten auch nur inhalte verpacken, und dass unsere wortverpackungen nur leere versprechungen sind, die nur aus verpackung und keinen inhalten bestehen und dass das leben auch nur eine verpackung ist, uns meistens aber nicht in watte packt und lauter so scheiß hab ich geschrieben und jetzt ist alles weg. und noch einmal krieg ich das nicht hin.

einen teil des christbaumes hab ich eingeheizt, der hat mir trotz finanz- und gaskrise einen warmen nachmittag beschert.
in mein lieblingsmöbelstück hab ast für ast geschoben (der schaut in etwa so aus: http://www.tierra-aura.com/Home/)
und er hat wunderbar geknistert und gebrannt.
bonanzaMARGOT - 06. Jan. 09, 22:57

wow! was ein sinnlich, heißer ofen!
ach ne, ich kann mich schon beim fleischessen nicht zurück halten, da lasse ich wenigstens die bäume stehen ... für mein ökologisches bewusstsein.

schade um deinen verpackungsdings. klingt gut, was davon übrig blieb. ich habe ja die theorie, dass alles aus taschen besteht. alles sind ineinander liegende taschen - also wegen mir verpackungen. (da liegt es nahe, dass man sich z.b. in die tasche lügt ...)
mit inhalt kann man eigentlich nur die qualität meinen - dass man nicht nur so rumlabert: laberlaberlaber ...
sondern dass da sowas wie geistige essenz dabei ist. also doch etwas wie inhalt? aber eben nichts greifbares ...
oder halt ... vielleicht doch was greifbares?
ich trage eine tasche mit mir rum, in der ich nochmals wenigstens zwei taschen habe. ich mache das der ordnung halber - außerdem bin ich ein taschennarr. ich muss im prinzip gar nichts reinstecken. komisch ist das.
taschen und höhlen finde ich absolut faszinierend.
...
die verpackungen, die ich meine, sind wertlos. die sagen doch nur eins: sei so blöd und kauf mich ...

toller ofen - dein ofen. was sind wir anderes als öfen? und ein ofen ist auch nur eine tasche ...

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