Der Tod scherzt nicht


Manchmal muss ich zweimal hinschauen, wenn ich ans Bett einer Bewohnerin oder eines Bewohners trete. Sie liegen regungslos da in fahlem Licht. Ich trete näher und schaue erst auf den Brustkorb. Uff - er hebt und senkt sich noch! Oder ich fasse sie vorsichtig an … Einige schlafen wirklich wie tot, mit halboffenen Augen und beinahe geräuschlos.
Ich war auf dem morgendlichen Windel-Rundgang und stand bereits neben ihrem Bett, um mich über sie zu beugen; als mir auffiel, dass sie ungewöhnlich ruhig dalag. Meist stöhnte die alte Frau stoßweise beim Schlafen. „Mist!“ dachte ich schlagartig. Ich berührte sie und gewann völlige Gewissheit. Die Körpertemperatur hatte sich bereits merklich abgesenkt. „Mist, Mist, Mist!“ dachte ich nochmal. Ich deckte sie auf, um sie gerade zu legen, und hoffte insgeheim, sie würde plötzlich wieder anfangen zu schnaufen. Aber es entwich nur etwas Luft ihrem Mund. Ich bettete sie ein letztes Mal. Sie sah friedlich aus, die Augen geschlossen. Der Tod musste sie im Schlaf überrascht haben.
Bevor der Frühdienst erschien, ging ich noch zweimal in ihr Zimmer, wie um mich zu vergewissern. Natürlich wusste ich, dass sie tot war. Es war für mich unerwartet gekommen. Und vollkommen unspektakulär.
„Ein Bewohner weniger“, sagte ich bei der Übergabe und betrachtete die erstaunten Mienen meiner Kollegen. Sie kamen nicht drauf. Ich sagte es ihnen.
Ein Blatt war vom Baum gefallen – nicht mehr und nicht weniger.
Am nächsten Morgen fragte mich der Pflegedienstleiter: „Hast du dich schon um einen neuen Bewohner für Zimmer XX gekümmert?“
Ich schaute ihn verdutzt an.
„Kennst du nicht den Standard, dass derjenige, der den Toten auffindet, für die Neubelegung des Zimmers zuständig ist?“ Er lachte und klopfte mir auf die Schulter.
„Ach so, nein.“, sagte ich und lachte auch, "Ha ha!" Ich war zu müde für eine schlagfertige Entgegnung.

Lange-Weile - 26. Okt. 13, 22:45

bis an`s Ende der Welt

Hallo Bo.,

traurig aber wahr und wenn sie sich so einfach in den Tod geschlafen hat, dann ist es ja auch gut für alle, die sie sonst hätten leiden sehen müssen.

Ich schnappe ja hier und da auch ein paar neue Erkenntnisse zum sterben eines Menschen auf. Und eine Erkenntnis davon kann ich fast aus eigener Erfahrung zustimmen. Damals wurden wir von den behandelnden Ärzten meiner Mutter gefragt, ob wir einer weiteren Medikation zustimmen wollen. Sie lag in Koma und alle wussten, das sie das Krankenhaus lebend nicht mehr verlassen wird. Die Medikation hätte ihr Herz noch für ein paar Tage oder Stunden schlagen lassen. Während wir uns mit den Ärzten berieten, kam eine Schwester dazu und sagte, das unsere Mutter während unser Abwesenheit verstorben wäre.

Nun zu der Erkenntnis, zu der man bei zahlreichen Untersuchen kam, war, dass es dem Menschen leichter fällt, wenn er die Welt schon verlassen soll - also wenn die Stunde gekommen ist - diese allein und ungestört los zulassen. Mit der Welt können auch die nahen Angehörigen gemeint sein, die ja oft halb geschockt neben dem sterbenden Angehörigen stehen.

Für diesen Alleingang entschied sich auch mein Vater und auch meine Schwester ging als sie ganz allein war, aus dieser Welt.

Über den Witz deines Pflegedienstleiter hätte ich vielleicht auch nicht lachen können, aber vielleicht war dies nur ein makaberer Humor in einer Welt des Sterbens. Das Pflegeheim ist zwar kein Hospiz, begleitet jedoch auch die Menschen bis an ihr Lebensende

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 27. Okt. 13, 09:25

wir altenpfleger(innen) haben dann und wann einen ziemlich derben humor. ich ärgere mich deswegen nicht über den pflegedienstleiter. der humor hilft, die ein oder andere härte in unserem berufsalltag leichter zu tragen.
natürlich muss man aufpassen, dass es nicht zu menschenverächtlich wird - und sowieso kann man solcherlei witze nicht überall und jederzeit anbringen.
mir fehlte die schlagfertigkeit ... er wollte mich ja auf die schippe nehmen.

die frau, die in jener nacht verstarb, litt nach meinem empfinden in den letzten montaten genug; aber ihr zustand war relativ stabil, so dass wir nicht mit ihrem ableben rechneten.

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