Der Fisch stinkt vom Kopf

Es ist ein Witz, dass in einer Welt zunehmender Verrohung der Sitten und Moral die geleckten Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft diese Werte von jenen einfordern, die am unteren Ende der sozialen Leiter herumkrebsen. Freilich darf man jeden Menschen beim Schlafittchen packen und ihn zu mehr Moral, Demut und sozialen Gewissen mahnen; aber ich empfinde es als höchst unanständig, wenn sich gerade schmerbäuchige Politiker und andere Privilegierte aus dem Fernseher mit moralischem Zeigefinger in die Wohnzimmer derer lehnen, die durch eine jahrzehntelange Rationalisierungspolitik aussortiert und abgedrängt wurden. Es ist geradezu infam, was sich die Menschen aus der gehobenen Gesellschaftsschicht tagtäglich leisten ... und dann noch ihre Weisheiten im TV ablassen.
Ich plädiere nicht für noch mehr Wohlstand in unserer Gesellschaft, sondern für mehr Menschenachtung, die nach meinem Dafürhalten umso mehr abnimmt, desto mehr Reiche, Superreiche und Lackaffen es gibt. Hätten diese Leute ein soziales Gewissen, gäbe es keine Wohnungsnot, denn es gibt mehr als genug Wohnraum.
Hätten diese Leute ein soziales Gewissen, müsste schon lange kein Mensch mehr auf der Erde hungern.
Würden sie doch wenigstens die Klappe halten ... und sich und ihren Reichtum nicht noch rechtfertigen - dabei die Menschen verhöhnen, die sie ausbeuten!!
Für mich ist das harter Tobak. Ich bin Altenpfleger. Ich betreue und pflege die Menschen, die so gut wie keinen Fürsprecher mehr haben und muss mit ansehen, wie sogar diese hilflosen Menschen fürs Geschäft missbraucht werden. Die Heuchelei schlägt mir wie ein schwülwarmer Wind ins Gesicht: "Du kannst dir ja eine andere Arbeit suchen, wenn es dir nicht passt; der alte Mensch steht im Mittelpunkt ...", sagt man mir, ohne mit der Wimper zu zucken; und ich denke: "Klar, der steht im Mittelpunkt eurer wirtschaftlichen Interessen."
Dummerweise gibt es weder genügend Personal noch ausreichend Geld - also drangsaliert man die einfachen Mitarbeiter, legt ihnen Daumenschrauben an, damit sie endlich ihre Arbeit ordentlich verrichten, was im Grunde so viel heißt, dass sie nicht herummotzen und also gefälligst über die Missstände Schweigen bewahren sollen. Pflegeberichte und Pflegeplanungen werden gewissenlos getürkt.
Das Personal wiederum verliert die Motivation und läßt seinen Frust an jenen aus, die es eigentlich (liebevoll) zu betreuen und pflegen hat. Also, ich mach`s kurz: Es ist dann nur eine Frage der Zeit, dass Pflegemissstände aufgedeckt werden - ein Aufstöhnen geht durch die Gesellschaft ... und die sauberen Verantwortlichen aus Politik und Gesellschaft bescheren uns mal wieder einen tollen Diskussionsabend, nach welchem man so klug ist als wie zuvor.

Und so immerfort.
Böhm - 06. Sep. 08, 15:31

Hallochen,

Hier schreibt dir eine ehemalige Altenpflegehelferin, die ihren Job aus gesundheitlichen Gründen nichtmehr ausüben kann. Kann nur bestätigen, was du schreibst. "Du kannst dir ja eine andere Arbeit suchen, wenn es dir nicht passt," kenne ich. Standartspruch. Wer darunter leidet, das sind die Alten, richtig. Motivation geht im Steress unter, und die Verantwortlichen schütteln die Köpfe. Hat jemals einer dieser Verwantwortlichen selbst in der Altenpflege "zugepackt?"Na ja, und so weiter. Es ist ein Fass ohne Boden.

Grüße: Heidrun

bonanzaMARGOT - 07. Sep. 08, 10:06

Hi Heidrun,

vorallem ist es bedrückend, dass man nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist. Wenn es dann innerhalb des Personals mehr ein Gegeneinander als ein Miteinander gibt, wenn die Chefin das Personal gegeneinander für ihre vermeintlichen Interessen ausspielt, wenn die Heimleitung nur das Ansehen des Hauses im Blick hat, dann kommt der Tag, an dem man mit Übelkeit an die Arbeit geht.
Es ist schauderhaft, wie alle Motivation in dem "Luftgerede" der Verantwortlichen den Bach runtergeht. Da wird fernab jeder Realität von Pflegeleitbildern geredet. Am Besten schaltet man während seiner Arbeit seine (Berufs-)Ethik aus.
Ich habe diese Kluft zwischen Theorie und Praxis in der Pflege gründlich satt. Das ganze System ist verdorben.

Trotzdem - ich machte in den letzten 20 Jahren auch gute Erfahrungen mit Kollegen und Kolleginnen. Die Arbeit mit ihnen machte Spaß - es geht also auch anders, wenn das Umfeld stimmt und kein "Fischkopf " stinkt.

Ich bin abhängig von meiner Berufstätigkeit. Würde ich alle Hoffnung verlieren, wäre ich reif für die Insel - bzw. könnte ich mir die Kugel geben. Oder meine Gesundheit würde irgendwann auch streiken.

Danke für deine Antwort, Heidrun.
Graugans54 - 07. Sep. 08, 11:19

Lieber Altenpfleger,

ich habe selbst eine Schwiegermama im Altenheim um die Ecke (Diakonie), 91 Jahre, Pflegestufe 1, etwas antriebsarm und still, aber zufrieden (welch ein Glück!) und freundlich. Alleine leben klappt nicht mehr, es fehlt einfach die Übersicht. Obwohl wir die Mutti nicht zuhause haben, kümmern wir uns sehr, vor allem mein Mann. Er besucht seine Mutter praktisch jeden Tag. In den Alltag des Altenheims und der dort Beschäftigten haben wir dadurch etwas Einblick.
Die meisten Pflegerinnen (es gibt nur einen Pfleger) sind sehr, sehr nett, bemüht und zugewandt. Echte Schätze. Die Pflegedienstleitung etwas flatterhaft und mehr an ihrem schickem Outfit interessiert, trotzdem auch freundlich.
Spürbar ist die Personalknappheit. So ziemlich jeder tut zwar was er/sie kann, trotzdem müssen manche warten – auch wenn’s dringend ist - wenn halt zweieinhalb Leute 15 Bewohnern beim waschen und anziehen helfen sollen. Derzeit soll das Richten der Medikamente „out-gesourced“ werden. Eine große Apotheke am Ort will die Tabletten kostenlos in Tages- bzw. Wochenblistern anliefern. Natürlich wird sie dann auch alle Medikamente liefern (das Geschäft war vorher auf mehrere Apotheken verteilt.)
Wir befürchten, dass das Personal (soll nicht überheblich klingen) mit der Zeit nicht mehr weiß, was sie den Bewohnern da täglich verabreicht –da wird ja auch Kompetenz ausgelagert.
Also wir finden es nicht gut – unsere Meinung.
Verkauft wird diese Idee von der Leitung mit dem Argument, wenn die Tabletten nicht mehr gerichtet werden müssen, haben die Pfleger mehr Zeit für die Bewohner.
Das wäre ja schön – wir befürchten allerdings, dass bei der nächsten Überprüfung des Personalschlüssels die dann „freie“ Zeit neu verteilt wird, d.h. de facto zur weiteren Personaleinsparung führt. Sind wir zu pessimistisch?

bonanzaMARGOT - 07. Sep. 08, 12:21

Hallo Graugans,

eure Skepsis halte ich für richtig. Natürlich kann ich nicht viel dazu sagen, da ich die Einrichtung nicht kenne, in der deine Schwiegermama wohnt.
Zu der Medikamentenvergabe: Es ist (normalerweise) geboten, dass diejenigen die Medikamente verteilen, die sie auch richteten. Topfen dürfen sowieso erst eine halbe Stunde vor der Vergabe in die kleinen Medikamentennäpfchen geträufelt werden.
Ich halte es für unbedingt notwendig, dass wir (exam.) Altenpfleger die Kompetenz für solche Aufgaben nicht abgeben, da wir die Medikamentation schließlich bei den Arztvisiten besprechen und dokumentieren müssen. Und wie sieht es mit der Bedarfsmedikamentation aus? Da kann doch nicht in jedem Einzelfall jemand aus der Apotheke kommen?

Wie ich die Sache sehe, geht es da um Einsparungen. Wenn man die medikamentöse Versorgung sozusagen subunternehmerisch abgibt, kann man wahrscheinlich Fachpersonal einsparen.

In unserem Haus wurde vor ein paar Jahren der gesamte hauswirtschaftliche Bereich, inkl. Küche, ausgelagert. Einige Stellen wurden dadurch eingespart. Negativ dabei ist mir aufgefallen, dass die Qualität der hauswirtschaftlichen Versorgung nachließ, ebenso das Eingehen auf individuelle Wünsche und Beschwerden.
Verantwortungen werden abgegeben, und alles wird unübersichtlicher. Fehler mehren sich - das ist mein Eindruck.

Was sagte denn der Heimbeirat zu dieser Entscheidung, die Medikamente von der Apotheke richten zu lassen?
Als Angehöriger würde ich meine Bedenken offen äußern.
Was meint das Personal dazu?

Dass sich deine Schwiegermama in dem Heim wohlfühlt, und ihr einen guten Eindruck vom Personal habt, ist aber das Wichtigste.
Graugans54 - 08. Sep. 08, 16:15

Hallo BoMa

Danke für Deine Antwort. Wie uns erklärt wurde, ist das Blistern natürlich nur mit Tabletten möglich. Tropfen, Salben, Zäpfchen etc. müssen weiterhin auf Station separat vorgehalten werden, dito Bedarfsmedikation. Wir werden die Sache wohl nicht mitmachen. Es ist nämlich eine Einverständniserklärung nötig - schließlich handelt es sich um die Weitergabe personenbezogener Daten an die Apotheke. In einem anderen Altenheim, in dem eine Tante von uns wohnt, hat man schlechte Erfahrungen mit den Wochenblistern gemacht und ist wieder davon abgekommen. Ob das Personal überhaupt gefragt wurde, weiß ich nicht. Die Leute können sich ja schlecht gegen ihren "Dienstherren" wenden und ich möchte da auch niemanden in Verlegenheit bringen. Danke, dass Du auf mein Anlegen eingegangen bist - gehört ja eigentlich nicht in diesen Blog. Es grüßt - die Graugans
bonanzaMARGOT - 09. Sep. 08, 16:18

Liebe Graugans,

ich schreibe in diesem Blog über die Befindlichkeiten und Gedanken einer Nachtwache zur Altenpflege, den Themen drumrum und Allerlei.
Es gehört also schon in das Blog. Ich bin ja froh, wenn Menschen von ihren Erfahrungen und Gedanken zum großen Thema Pflege schreiben. Die Angehörigenperspektive finde ich sehr wichtig. Bewohner, die engagierte Angehörige haben, laufen weniger Gefahr, im Pflegebetrieb mit seinen teilweisen Unmenschlichkeiten zum Spielball zu werden.

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