Jahrmarkt des Todes


Meine Mutter und ich reihten uns bei denen ein, die freiwillig in den Tod gehen wollten. Alles war gut vorbereitet. Wir sollten für einen guten Zweck sterben, indem wir unsere Organe zur Verfügung stellten und all unsere Habseligkeiten, welche sie auf einem Flohmarkt feil boten. Ich weiß nicht, warum ich mich dafür entschied – wahrscheinlich aus Solidarität zu meiner Mutter. Jedenfalls zelebrierten man groß unseren Abschied. Einige von uns zogen sich schon aus und ließen sich bereitwillig wegführen. Schließlich auch meine Mutter – während es mir immer mulmiger zumute wurde. Ich sollte in wenigen Minuten sterben. Ich würde unwiderruflich tot sein! Nein, ich trat aus der Reihe. Es war erlaubt, sich anders zu entscheiden. Trotzdem war ich, glaube ich, der einzige und fühlte mich feige. Ich schlenderte durch den Flohmarkt, der sich immer mehr mit Besuchern füllte, während man abseits die Menschen tötete und ausnahm. Es war grausam, aber niemand achtete darauf. Ich sah, wie ein Mann, dem sie bereits die Augen entfernt hatten, von der Bahre sprang. Die Schwestern fingen ihn schnell wieder ein.
Das Gedränge wurde immer dichter. Die Menschen rissen die Dinge der Toten an sich. Auch ich blieb an manchen Ständen stehen und betrachtete die schönen alten Sachen. Beinahe hätte ich etwas gekauft. Doch dann dachte ich an meine Mutter, und ich musste weinen. Die Tränen liefen mir nur so runter …
Und da wachte ich auf.

Lange-Weile - 11. Nov. 11, 09:40

Loslassen um zu gewinnen

Hallo Bo.,

wenn dieser Traum nicht eine eine gute Vorlage für einen Gruselroman ist, dann frage ich mich, was dann ?

Das Sterben im Traum hat ja nicht immer was mit dem eigenen körperlichen Tod zu tun. dabei kann es sich auch um das Loslassen einer bestimmten Eigenschaft handeln, die dem aktuellen Leben, das sich ja immer weiter entwickelt, vielleicht im Wege steht.

Immer wenn im meinem Leben einer Veränderung bevorstand, dann waren Träume über das Sterben und den Tod häufig meine nächtlichen Begleiter. Erst gruselten sie mich, später wusste ich, es ist wieder so weit. Ich muss etwas in meinem Leben verändern. Denn das Sterbem im Traum hatte für mich immer eine doppelte Bedeutung. Ich wusst, wenn ich etwas wichtiges in meinem Leben nicht ändere - was auch etwas mit loslassen zu tun hat - dann wird ein Teil von mir sterben.

Also entschied ich mich immer für den Teil, der in mir leben wollte und entlies Teile meines Lebens, die meinem neuen Leben im Weg standen.

Achja..ich möchte noch einen kleine Korrektur loswerden, die zu einem vergangenen Kommentar bezug nimmt.
Da ging es um Schutz durch deinen Intellekt, den ich in einem Kommentar erwähnte, von dir jedoch als Versteck interpretiert wurde. Aus meine Sicht ist ein schutz jedoch kein Versteck, sonst hätte ich mich für einen anderen Begriff entschieden.

LG LaWe

bonanzaMARGOT - 11. Nov. 11, 10:09

ein versteck ist auch eine art schutz ...
eine mauer ist ein schutz, und man kann sich hinter ihr verstecken.

was den traum angeht:
zur zeit bewegt sich bei meinen eltern etwas. wie ich in einem früheren beitrag schrieb, ist mein vater demenzkrank. nun hatte er am letzten wochenende starke verwirrtheitszustände ...
im krankenhaus stellten sie dann eine lungenentzündung fest.
seine verwirrtheit kam vom hohen fieber. nun wird seine demenz und die damit einhergehende problematik mittel- bis langfristig nicht besser werden. und ich schätze, dass meine mutter damit allein überfordert ist.
es ist keine leichte situation. die beiden hängen sehr aneinander. das ganze hat einen bedrohlichen charakter, wenn ich darüber nachdenke. als altenpfleger weiß ich genau, wie es sich wahrscheinlich entwickelt. meine eltern hoffen halt, dass eine pflegebedürftigkeit noch nicht so bald gegeben ist, und sie noch eine schöne zeit gemeinsam in ihrem häuschen haben ...
nun diese lungenentzündung meines vaters - wie ein schuß vor den bug. es bedeutet freilich, dass auch ich mich verstärkt mit dem ableben meiner eltern beschäftige ..., und natürlich auch mit den schwierigkeiten und dem leid, welche durch die pflegebedürftigkeit entstehen werden.
welche rolle werde ich dabei spielen? was kann ich machen? was will ich überhaupt machen? ist es feige, wenn ich mich da nicht zu sehr mit hineinziehen lassen will?
Falkin - 11. Nov. 11, 11:24

Ich habe mir durch Arbeit in der Schwerstpflege mein Studium finanziert. Hardcore. Bis 13:30 Frühdienst, danach Vorlesung. Aber egal. Darum geht.s nicht. Als meine Mutter dann ziemlich elend an ihrem Krebs verendete, war ich sehr froh um die Vor-Erfahrung und auch Routine (in der Handhabung diverser Verkabelungen etc). Das seelische Grauen konnte es mir natürlich nicht nehmen. Ein Pflegefall wurde sie glücklicherweise nicht.

....Pflegefälle in der Familie krempeln das Leben ALLER Familienmitglieder gravierend um. Und ich denke, man muss da schon arg aufpassen, nicht tatsächlich zu einer lebenden Leiche zu verkommen. Das geht massiv an die Kraft. Muss da ans Ausweiden denken... und finde Dein Traum spiegelt Deine Lebenssituation recht deutlich.

Ich wünsche Dir und Deiner Mutter jedenfalls ganz viel Kraft und Zuversicht für die Situation, aber auch die Zukunft - und für Deinen Vater schnelle Besserung, zumindest, was die Lungenentzündung anbelangt!

u
bonanzaMARGOT - 11. Nov. 11, 11:47

danke falkin.
jede familiäre konstellation hat ihre eigene problematik, wenn es dazu kommt, dass ein familienmitglied pflegebedürftig wird.
nun war ich schon immer eher der mensch, der versuchte sich aus dem familiären umfeld weitmöglichst abzunabeln. zwischendurch plagte mich da schon mal das schlechte gewissen, weil ich mich so selten bei meinen eltern meldete. auf der anderen seite hat es wahrscheinlich schon wesentliche gründe, dass ich die distanz aufrecht erhielt ... (aber diese gründe zu erörtern, würde jetzt zu weit führen).
jetzt werde ich durch die neue schwierige situation aber damit konfrontiert: wie kann ich helfen? was erwarten meine eltern von mir?
vor zwei jahren sagte ich meiner mutter, dass wir diese punkte unbedingt besprechen müssten ...
aber es ist natürlich nicht einfach, sich mit diesem thema im vorfeld auseinanderzusetzen, und so kommt es oft, wie es kommen muss: das leben übernimmt die regie, - bzw. holt einen ein.
steppenhund - 11. Nov. 11, 12:12

Mein ausgesprochenes Mitgefühl.

Ansonsten schließe ich mich LaWe an. Eine hervorragende Vorlage...

bonanzaMARGOT - 11. Nov. 11, 12:20

danke steppenhund. noch ist niemand gestorben.

das leben ist gruselig genug - unterschwellig meist - aber dann und wann kommt der horror an die oberfläche.

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