Prag (5)


Einblicke



Abends, wenn ich im Dunkeln zurück zum Hotel kam, qualmten mir die Socken. Nichts wie rauf in mein kleines Zimmer, Schuhe aus und Füße hochgelegt. Das war meist so zwischen 19 und 20 Uhr. Nachdem ich mich etwas ausgeruht hatte, ging ich runter ins Hotelrestaurant, Bierchen trinken und eine Kleinigkeit essen. Das Hotel war wirklich preiswert, aber vom Essen war ich enttäuscht. Die Portionen waren unterirdisch. An meinem letzten Abend wollte ich mir vor meiner Abreise ein 200g Rindersteak gönnen. Mal zuschlagen, dachte ich. Dann kam ein Steak, etwas doppelt so groß wie mein Daumennagel. Und die Kroketten waren Gummibällchen. Ich glaube, die wären vom Boden wieder hoch auf den Teller gedopst.
Das verärgerte mich - ehrlich - und ich sah von weiteren Bestellungen an diesem Abend ab, verzog mich recht früh wieder in mein Zimmer und las "Der Fänger im Roggen" zuende.

Ich war auf meinen Wanderungen vollkommen in die Großstadt eingetaucht, floß mit den Menschenströmen und manchmal auch gegen sie. Wo die Geschäfte, die Einkaufszone und die Konsumtempel sind, da sieht heute wohl jede europäische Großstadt zum Verwechseln ähnlich aus. Bevor ich zurück zum Hotel schlappte, als es bereits dämmerte, ging ich im Palladium noch ein Bier trinken. Das war ein Einkaufszentrum auf etlichen Etagen und Zwischenetagen. Ich glaube, was von dem Volumen sah ich zuletzt in Paris. (Das Rhein-Neckar-Zentrum bei mir hier um die Ecke kann es damit nicht aufnehmen.) Für gewöhnlich gehe ich in solche Einkaufsbunker, wo sich die Geschäfte stapeln, nicht oft und gerne, drum kann ich darüber vergleichend schlecht urteilen, aber so ein Riesending hatte ich schon lange nicht gesehen! Da fühlt man sich erstmal erschlagen, wenn man reinkommt.
Ich fuhr also die Rolltreppen hoch bis zur obersten Etage, denn da waren die ganzen Restaurants, Kneipen, und setzte mich an eine Bar, von wo ich einfach auf die vielen tausend Menschen schaute, oder die Bedienungen beobachtete, wie sie lustlos bei der Sache waren. Wirklich, manche Bedienungen laufen mit einem Flunsch herum, als ob man für ein Lächeln extra bezahlen müßte. Das ist in Prag nicht anders als hierzulande. Wo der Konsum vorherrscht, sinken Freundlichkeit und Service. Woran mag das liegen? Ich bin mir jedenfalls nicht für ein Lächeln gegenüber meinen Mitmenschen zu schade. Aber in einer solchen Atmosphäre passt man sich dann doch irgendwie an, glaube ich.
Nach dem Bier ging ich pinkeln - logisch. Es gab eine große Toilette auf der Etage, die ich ganz lustig fand, weil über den Urinalen Bilder von jungen Frauen in die Wand eingebracht waren, die kritisch und witzelnd auf unsere Teile beim Pinkeln herabblickten. Ich stand am liebsten an dem Urinal, worüber eine der jungen Damen einen Zollstock in der Hand hielt und darauf lachend die Länge meines Geschlechtsteils andeutete. Als ich da mal wieder stand und zufällig neben mich auf einen Pinkel-Kameraden schielte, glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen: der holte sich einen runter und schaute dabei lüstern auf die Bilder vor sich. Erst dachte ich, als ich die rhythmische Handbewegung bei ihm wahrnahm, er würde nur etwas langwierig abschütteln, aber als ich dann in sein Gesicht schaute ... Widerlich, sage ich Euch. Doch bestimmt nicht typisch für Prag, oder?
Ahoi!





in meinem kleinen Zimmer





Palladium





die freundlichen Damen über den Urinalen





die eine Kirche, in die ich kurz reinschaute

Lange-Weile - 20. Okt. 11, 11:57

Austausch

Hallo Bo.

das waren aber wirklich schöne Tage, die du in Prag verbracht hast. Sicher ist so ein Aufenthalt in einer fremden Stadt mit einem Partner besser, weil man sich über alle Eindrücke austauschen kann. Zumindest würde es mir so gehen.

Aber auf der anderen Seite habe ich auch schon erfahren, dass die Eindrücke stärker auf mich wirkten, wenn ich sie ganz ohne Ablenkung auf mich wirken lies.

Leider kam ich noch nicht dazu. meine Eindrück aus meinem Urlaub zum besten zu geben. Meine Schwester wollte mir noch Bilder per Post schicken - die auf ihre Kamera sind. Sie hat es nicht so mit dem Computer, aber mit der Post wohl auch nicht ;-).

Aber meine Eindrücke hab sich in meinem Kopf festgesetzt. Nach 15 Jahren kein Auslandsurlaub mehr, hab ich alles intensiv aufgesogen, was auch mich gewirkt hat.

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 20. Okt. 11, 12:12

hi lawe, ja, wie schon in den beiträgen mal erwähnt, fühlte ich mich manchmal einsam. mir half das lesen. und außerdem das viele durch die gegend wandern - da war ich immer abgelenkt.
die stadt war zwischendurch schon erdrückend - vorallem an einem trüben tag. ich meine damit nicht die stadt an sich, sondern was sie mit einem macht, wie man sich bei alledem fühlt. mit einer partnerin oder einer anderen reisebegleitung wäre sicher manches unterhaltsamer gewesen - vorausgesetzt, man kriegt sich nicht zu sehr auf so einer reise in die wolle, denn auch das kann passieren ...
ich bin es eigentlich gewohnt, alleine auf "tour" zu sein. aber die reise nach prag, wo ich mich außerdem nicht richtig verständigen konnte, die straßen- und hinweisschilder nicht lesen konnte, war schon eine kleine herausforderung; ich weiß jetzt in etwa, wie weit ich gehen will: viel länger als eine woche wollte ich allein nicht in der fremde sein. wie gesagt: das ist eben vorallem ein sprachliches problem. und ich bin nicht der draufgänger, der die leute munter anquatscht ...
trotzdem immer wieder. vorher kannte ich prag ja überhaupt nicht. jetzt habe ich ein viel klareres bild von dieser stadt, in die ich seit vielen jahren reisen wollte.

bin gespannt auf deine mallorca-eindrücke!

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