Gruppenphoto ohne Nachtwache


Anstatt mich nach der letzten Nachtwache Schlafen zu legen, nahm ich den Bus zum Hauptbahnhof, trank ein Feierabendbierchen und wartete darauf, dass die Geschäfte öffneten. Nach zwei Stunden fühlte ich mich total alle. Es macht keinen Sinn, dachte ich bei mir. Eigentlich wusste ich es schon vorher: Die Müdigkeit zwingt mich über kurz oder lang in die Knie, wenn ich nach der Nachtwache durchmache.
Wenigstens ging ich noch zum Friseur und kurz Einkaufen. Gegen 12 Uhr war ich zuhause, futterte schnell etwas und kuschelte mich ins Bett.

Am Abend fand ein Mitarbeiterfest vorm Altenheim statt. Eine Kollegin hatte noch am Morgen gefragt, ob ich komme. Und ich antwortete: „Ich weiß nicht, ob ich`s packe.“ Das war relativ ehrlich. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, diesmal zu gehen – die letzten Jahre hatte ich Nachtdienst während der Mitarbeiterfeste. Betriebsfeiern sind mir schon lange suspekt, so dass ich meistens froh bin, wenn ich drumrum komme. Es ist irgendwie seltsam, den Kollegen, Kolleginnen, Chefs und Chefinnen pseudoprivat zu begegnen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht die Zunge verbrennt. Andererseits will ich mich nicht ständig ausklammern. (Als Nachtwache ist man schon genug ausgeklammert.)
Die Kollegin hakte nach: „ Wir können dich mitnehmen.“
„Hochkommen ist nicht das Problem“, sagte ich, „abends dann hinunter – weil kein Bus mehr fährt.“
Es ist nicht so, dass ich meine Kollegen und Kolleginnen (vom Tagdienst) nicht mag. Einige sind echt nett. Aber momentan ist da niemand darunter, den ich unbedingt näher – also auch privat – kennenlernen möchte.
„Klar, dann fährst du mit uns zurück“, sagte sie und fügte hinzu, dass sie ein Gruppenphoto machen wollten, „mache dich also schick!“ Sie lachte mich an, und ich verabschiedete mich in meinen Feierabend.
O je, dachte ich. Wenn es so was wie eine Phobie gegen das Sich-Fotografieren-Lassen gibt, dann habe ich die. Es gibt für mich kaum was Schlimmeres als fotografiert zu werden. Insgeheim hatte ich in diesem Moment entschieden, nicht zu dem Mitarbeiterfest zu gehen. Ich wusste ja, dass ich es nicht packen würde, wenn ich mich nach dem Nachtdienst nicht gleich hinlegte.

Ich pennte mit wenigen Unterbrechungen (einen halben Tag und eine Nacht) durch. Am späten Nachmittag wachte ich auf, weil das Telefon klingelte. Jetzt müsste ich schon langsam aufstehen, dachte ich, wenn ich doch hinginge. Allerdings würde ich, abgeschlagen, wie ich mich fühlte, nicht lange durchhalten – und keine Freude an dem Ganzen haben. Ich ließ mich zurück ins Bett plumpsen.
Jedes Mal aufs Neue bin ich erstaunt, wie lange ich nach einem Nachtwachen-Block schlafe. Ich habe Kreuzweh vom vielen Liegen – was aber auch an meiner Matratze liegt, die ich schon vor zwei Jahren austauschen wollte ...
Immerhin kam ich um das dämliche Photo herum.

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