Glaubst du an Gott?

Zur Zeit streitet die Fachwelt wieder eifrig über die Existenz Gottes. Auch ich mache mir im stillen Kämmerchen meine Gedanken. Oft frage ich mich: "Glaubst du an Gott?" Und ich wiederhole die Frage gebetsmühlenartig wie eine Formel. Sie kommt mir an allen möglichen Orten in den Sinn: Wenn ich durch die Stadt laufe, in einer Kneipe sitze, im Bett liege, während der Arbeit ..., auf dem Klo.
"Glaubst du an Gott?" Die Frage hat etwas magisches - wie Rauch in der Luft, den man nicht fassen kann, der sich schnell verflüchtigt. Ich kann die Frage mit "Ja" wie auch mit "Nein" beantworten, ohne dass sich für mich ein Widerspruch ergibt. Wenn ich all die extremen Gottesanhänger, gleich welcher Religion, sehe, würde ich klipp und klar mit "Nein" antworten: Nein, Gott gibt es nicht. Es kann keinen Gott geben, der zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheidet, zwischen Himmel und Hölle; wegen dem sich Menschen bekriegen und hassen. Aber andererseits, sehe ich die Materialisten, die vehementen Gottesleugner, die Kapitalisten und Rationalisten, ich müsste zwingend auf der Existenz Gottes bestehen - es kann nicht sein, dass die Welt so kalt ist, wie sie diese Menschen beschreiben; es kann doch nicht sein, dass die Welt kein Herz hat, dass es nicht einen Geist der Liebe gibt, der uns Trost und Geborgenheit zuspricht.
So laufe ich durch die Welt und frage mich immer und immer wieder: "Glaubst du an Gott?"
Ähnlich wie bei der Quantenphysik stoße ich auf eine Art "Welle-Teilchen-Dualität". Gott wäre die Welle, schaue ich aber genau hin, sehe ich das Teilchen - wie ein Wissenschaftler - und Gott ist aus meinem Blick verschwunden. Nun wären die Fachleute gefragt, ich höre ihnen gern zu, wenn sie interdisziplinär über die Existenz Gottes streiten. Unleugbar ist, dass es uns gibt, die Menschen. Ich sehe eine Welt, die voller Wunder ist. Selbst die Wissenschaften besitzen nur wenige Erkenntnisse über dieses wahnsinnige Kunstwerk. Und die Theologen? Die Propheten? Auch sie sehen nur einen Teil der Welt - rufen sie gar zu Krieg und Hass auf, dann sind sie vor Wirrnis blind, blind für die Liebe (und Gott).

Genug philosophiert für heute. Ich wende mein Gesicht der Welt zu und sage mir die Frage wie ein Mantra: "Glaubst du an Gott ..."
irie_ways - 12. Nov. 07, 11:54

Braucht man denn unbedingt einen Gott und eine Religion um an Liebe, Trost und Geborgenheit glauben zu können? Ich denke, das würde auch ohne alle Art von Göttern funktionieren... dann wär das ganze auch gleich etwas "internatioinaler" gestaltet und die ganzen Radikalen würden ihre Basis verlieren.

bonanzaMARGOT - 12. Nov. 07, 12:16

Nein

braucht man nicht - meiner Meinung nach. Aber diese Frage muß jeder Mensch für sich stellen. Wichtig ist, dass man den Menschen die Freiheit läßt, ob sie glauben oder nicht.
bonanzaMARGOT - 12. Nov. 07, 12:34

Es ist unmöglich

das ganze "Gottprogramm" aus den Kulturen (und Köpfen) zu löschen. Mir wäre es am liebsten, wir könnten wieder von ganz vorne anfangen ohne diese fuckin` "Software".
Eine solche weltumspannende Revolution kann es aber nie geben, da wir Kulturwesen sind und als solche von Generation zu Generation in einer Sozietät eingebunden sind wie in einer "Matrix". (Siehe auch die Mem-Theorie: http://www.bertramkoehler.de/memetik.htm.)
Ich bin der Ansicht, dass es zu viele Fehler im "Gottprogramm" gibt. Auf der anderen Seite ist es besser eine (scheinheilige) relative Ordnung zu bewahren, als das totale Chaos herauf zu beschwören.

F.
virago - 12. Nov. 07, 20:48

Gott

steht für den Sinn, den wir in der Welt suchen. Weil ein Leben ohne Sinn unerträglich wäre.
Daher "glaubt" auch ein Atheist an irgendwas, ob er es nun weiß oder nicht.
Glauben Tiere an einen Gott? Oder brauchen sie das nicht, weil sie den Sinn ihres Daseins nie in Frage stellen?

Gläubige haben eine Antwort gefunden. Für viele ist es vermutlich eine Scheinantwort, aber wenn sie damit glücklich sind - und so lange sie niemanden damit belästigen, dass er dasselbe glauben muss wie sie - warum nicht?

bonanzaMARGOT - 13. Nov. 07, 10:38

Ich würde niemandem

seinen Gottglauben nehmen wollen, Virago. Für mich gilt: "Leben und leben lassen". Wir leben in Mitteleuropa glücklicherweise in einer säkularen Gesellschaft. Was wäre aber, wenn wir zb. in einem sehr islamischen Land leben würden, zb. Iran? Dort sieht es mit der Toleranz nicht so goldig aus. Und es gab Zeiten, die noch nicht zu lange her sind, da waren die Christen die eifrigsten Missionierer. Ich verabscheue und verurteile diesen missionarischen Eifer.
Ich weiß nicht, ob ich Atheist bin. Jedenfalls bin ich ein großer Zweifler. Ich lasse mir höchst ungern von anderen sagen oder vorschreiben, was ich zu glauben und zu denken habe.

Wenn die Religionen den Menschen bei ihrer Sinnsuche eine Heimat geben, ist das wunderbar. Ich freue mich über jeden Menschen, der das Leben achtet, der seine Mitmenschen liebt und Frieden mit sich und der Welt geschlossen hat. Leider sehe ich auf der ganzen Welt zu viele Gläubige (und sogenannte Ungläubige), von denen Unfrieden, Gewalt und Intoleranz ausgehen. Und das kann doch "Gott" niemals wollen, oder?

Gruß
F.
Kambeck - 27. Mai. 08, 12:11

Glaubst Du an Gott?

Bisher konnte weder die Existenz Gottes wiederlegt noch belegt werden. Alle Argumente für oder gegen eine solche Existenz sind nur indirekt abgeleitete Schlussfolgerungen. Diese spekulieren lediglich über Wahrscheinlichkeiten und sind daher nicht zwingend.
Jeder Mensch muss für sich seine eigenen Vorstellungen und lebbaren Wahrscheinlichkeiten suchen. Er findet seine Antworten dafür eher in seinem Inneren als über Messgeräte und Computer. Dabei sollte er sich jedoch sehr zurückhalten, irgend welche beschreibenden Bilder für sich daraus abzuleiten. diese als Realität verstehen und gegenüber anderen Menschen als bessere Erkenntnis zu vertreten.

Für mich ist eine gewollte Schöpfung und ein leitender Gott ohne Widerspruch zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen denkbar.
Die nachfolgende Beschreibung ist nur ein Beispiel und eine Möglichkeit. Das Konzept hegt keinerlei Anspruch auf eine ihm entsprechende Wirklichkeit. Es ist jedoch, nach meiner Einschätzung, nicht zu widerlegen und damit genauso richtig oder falsch wie alle übrigen Thesen zur Basis unserer Existenz. Mir hilft es jedoch eine Unterscheidung zu den einfachen Vorstellungen von einem Gott, der das einzelne Schicksal eines Menschen steuert, zu finden.




Entwurf eines möglichen Schöpfungsbildes:

Eine schöpferischer Kraft, ein planend wollender Geist - von uns vereinfachend Gott genannt – hat diese Welt mit allen Substanzen und Naturgesetzen erschafft. Diese ist so angelegt, dass sich zwingend Leben in einer unbeschreiblichen Vielfalt entwickeln muss (Evolution). Darin eingeschlossen ist die Entwicklung von Wesen mit Intelligenz und einer Sehnsucht nach Verbindung mit dem schöpferischen Geist. Diese Wesen (bei uns auf der Erde ist dies der Mensch) unterliegen uneingeschränkt der Evolution, d. h. bei Versagen, wie Krieg oder Gewalt, müssen wir Menschen ohne Hilfe Gottes die Folgen daraus erleiden. Die Frage: Wie kann Gott dies zulassen? stellt sich daher nicht.
Die Evolution findet nicht nur biologisch statt, sonder ist auch Basis für die Entwicklung geistiger Konzepte. Der Mensch befindet sich somit in einem ständigen, von Gott gewollten, Lernprozess, der ihn im Laufen seiner steigend positiven Entwicklung immer näher an den Geist Gottes heranführt. Am Ende dieser Entwicklung kann dieser Mensch eins sein mit Gott, d. h. Gott erfahren und verstehen. Bedingt durch die evolutionäre Vielfalt und die dann erreichte Qualität erfährt der Geist Gottes somit eine gesuchte und gewollte Bereicherung. Dies ist Sinn und Ziel der Schöpfung.
In dieser Konzeption ist Gott daher nicht zwingen allmächtig und unbegrenzt wissend, sonder wächst qualitativ durch die Ergebnisse seiner Schöpfung.

Die Wirkung Gottes auf unser Leben beschränkt sich nicht auf einen einmaligen Schöpfungsakt, sondern ist in Form eines alles durchdringenden positiven geistigen Feldes ständig und überall präsent. Dieses Feld kann der Mensch für sich positiv und schicksalhaft nutzen, indem er sich innerlich und seelisch diesem Feld öffnet. Die Form dieser Öffnung spielt dabei keinerlei Rolle (Gebet, Meditation, Traum etc.). Die sich daraus ergebende positive Wirkung entspricht nicht der Erfüllung von Wüschen (typisches menschliches Wunschverhalten), sonder muss man sich eher wie eine Stärkung positiver Kräfte durch eine Resonanz mit diesem Gottesfeld vorstellen.
Mit der menschlichen Vorstellung eines liebenden Gottes ist diese Wirkung, zwar vereinfacht, aber dennoch passend beschrieben.
Wenn man die Religionen dieser Erde von den, natürlich menschbezogenen, Bildern und den sie stützenden Geschichten befreit und auf die philosophische qualitative Basis zurückführt, stehen diese alle nicht im Widerspruch zum o. g. Schöpfungskonzept. Vielmehr sind sie intuitive Ahnungen, die soweit mit Beiwerk ausgeschmückt wurden, dass sie für die Menschen in der jeweiligen Kultur und Zeit begreifbar und handhabbar waren. Dies wird auch heute noch so gehandhabt.
Die religiösen Inhalte und Verhaltensregelungen stützen natürlich auch die jeweiligen religiösen Kasten und versorgen sie mit Macht und Ansehen.
Wir können daher die Weiterentwicklung unserer Vorstellungen von der Schöpfung nicht den Religionsführern überlassen. Vielmehr müssen wir auf die integrale Vereinigung von Geistes – und Naturwissenschaften und die Entwicklung der geistigen Eliten der Völker hoffen.

bonanzaMARGOT - 28. Mai. 08, 12:43

Hallo Kambeck,

danke für dein Gottesstatement.
Mir sind alle Gottesvorstellungen lieb, die mit der Vernunft korrelieren und sich in tolerantem Denken üben.
Ich stehe nicht unter dem Druck, mir die Frage nach Gott in meinem Leben zu beantworten. Die Frage selbst ist mir hinreichend, um das Mysterium des Seins voll Verwunderung gedanklich zu überfliegen. Wozu sich festlegen? Wozu sich einem religiösen Dogmatismus unterordnen? Was wäre das Leben ohne das Geheimnis der Schöpfung? Weder Wissenschaften noch Religionen werden das Geheimnis lüften. Die Wissenschaften liefern uns Erkenntnisse über unsere Umwelt und unsere Wahrnehmungen, die Religionen bieten sich als ein Zuhause für unsere suchende Seele an; wobei die Wissenschaften sowie die Religionen zu oft von den Menschen mißbraucht werden: die Wissenschaften führen zur Hybris mittels Technik und allerlei Gerät, und die Religionen neigen zur Knechtung durch Dogmatismus und Intoleranz.
Soweit meine Meinung.
Eine Welt ohne Wissenschaften und deren technischen Verheißungen ist nicht mehr denkbar, ebenso eine Welt ohne Religionen - falls sich nicht die Menschheit selbst auslöscht. Die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Es bleibt also nur die Hoffnung, die du in deinem Schlußsatz ansprichst ... in diesem Sinne: carpe diem!

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