Zurück an die Front


Ich hätte umschalten sollen. Auf Phoenix sehe ich "Tacheles", und verfolge eine Diskussion mit dem Thema „Streitfall Altenpflege“. In wenigen Tagen kehre ich zurück in die Tretmühle Altenheim. Mir wird regelrecht übel bei diesem Gedanken.
Ich will thematisch jetzt gar nicht besonders ins Detail gehen. Zu lange arbeite ich in der Altenpflege und kriege hautnah die Missstände und Schwierigkeiten mit. Ich erlebte Vernachlässigungen bis hin zu gewalttätigen Übergriffen. Ich kam selbst schon an die Grenzen – und das nicht, weil ich sadistisch veranlagt wäre. Die allermeisten verbalen und tätlichen Übergriffe des Personals gegenüber dem pflegebedürftigen, alten Menschen passieren aufgrund von Überforderung und Druck durch Vorgesetzte (bzw. weil besonders rabiate Schwestern und Pfleger bei den Vorgesetzten beliebt sind, da sie schnell arbeiten, und weil sie auch jene Alten in die Badewanne oder unter die Dusche kriegen, die sich sträuben).
In Fernsehdiskussionen werden wir die Probleme in der Pflege nicht lösen. Diese Diskussionen gibt es seit vielen Jahren, und immer wieder hört man über dieselben Missstände, und dass es letztlich an der Finanzierbarkeit hängt. Schon als ich 1995, vor fast 20 Jahren, die Altenpflegeausbildung machte, wusste die Politik durch die gerontologische Forschung über die demografische Entwicklung und die sich dadurch ergebenden Probleme für die Altenpflege Bescheid.
Das einzige, was sich wirklich für uns Pflegepersonal in den letzten Jahren änderte, ist, dass wir unendlich viel Zeit am Computer mit der Dokumentation und der Pflegeplanung verbringen müssen, anstatt uns besser den alten Menschen zu widmen. Papier ist geduldig, wie man so schön sagt – elektronisches Papier besonders. Wer kann schon überprüfen, ob alles so stimmt, wie es vorschriftsgemäß in die Dokumentation eingetragen wurde?

Wie gesagt, mir wird schlecht bei dem Thema. Nach vier Wochen Urlaub hatte ich ganz gut abgeschaltet davon. Morgen werde ich mich bei der Chefin zurückmelden. „Melde mich zurück zur Front“ - nein, das werde ich freilich nicht sagen, aber so ähnlich fühlt es sich an.

Gioia (Gast) - 23. Jun. 13, 23:27

". weil besonders rabiate Schwestern und Pfleger bei den Vorgesetzten beliebt sind, da sie schnell arbeiten, und weil sie auch jene Alten in die Badewanne oder unter die Dusche kriegen, die sich sträuben"...

o ja, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern! Und der ganze Schreibkram am PC, weil Vorschrift, kommt an erster Stelle...erst dann, sollte noch genügend Zeit sein, erst dann beginnt die "Altenpflege"...wobei das Wort "Pflege" fast schon lächerlich ist, wenn es nicht so traurig wäre...

ob es noch schlimmer kommt?

bonanzaMARGOT - 24. Jun. 13, 08:22

hallo gioia

wenn strukturen und geldknappheit so bleiben, sehe ich für die zukunft schwarz. besser man wird nicht pflegebedürftig.
Lange-Weile - 24. Jun. 13, 01:12

am Rande

Hallo Bo.,

das gibt es in der Stadt ja weniger - auf dem Lande kann es anders aussehen. Wenn die Familie wegen ihrer Jobs nicht über ganz Deutschland verteilt wäre, dann könnte die Familie, was die Altenpflege betrifft, so einiges abpuffern.

Aber der wirtschaftliche Druck lässt vielen Menschen keine andere Wahl und so bleibt die Betreuung der Alten am Staat hängen. Manchmal sehe ich ein Absurdum darin, denn auch die Wirtschaft - so wie sie heute geführt wird - wird den Menschen keinen Segen bringen. Aber wir leben nun mal in einer Konsumgesellschaft und diese baut auf Konsum und die Altenpflege kann da nur am Rande der wirtschaftlichen Möglichkeiten gesehen werden.

Ich glaube, wer es sich leisten kann, schickt seine Angehörigen nach Thailand oder besorgt sich eine private Pflegekraft aus Polen.

Aber an´s eigene alt werden mag man bei der Perspektive nicht denken. Wahrscheinlich kann man dem Staat den besten Dienst erweisen, wenn man mit 65 den Löffel einfach abgibt - ist etwas sarkastisch - aber würde sich für den Staat besser rechnen.

Leider habe ich das Land vergessen (mit M...) in dem es so richtig schockierend mit den Alten zugeht. Die Kinder geben ihre dementkranken Alten einfach in der Klinik ab, hinterlasen die falsche Adresse. So werden sie ihre Eltern los. Die kranken Eltern würden sie sonst in einen wirtschlaftlichen Ruin treiben. Das ist echt gruselig. Einfach ausetzen wie man es früher mit den Babys machte.

Sicher wird es bei uns nicht kommen, aber wenn man bedenkt, soll die Bevölkerung in wenigen Jahrzehnten halbe halbe sein - d.h. von 1000 sind 500 über 50 Jahre.

Naja..ich bin dann schon im Himmel - aber es zeigt auf, das Politik und Wirtschaft sich darauf einstellen müssen.

Ich wünsche dir trotzdem einen schönen Start in die Arbeitswoche ;-)

LG LaWe


arboretum - 24. Jun. 13, 08:13

LaWe, der Löwenanteil der Altenpflege wird nach wie vor in den Familien geleistet, auch in der Stadt. Ein Platz im Heim ist teuer, obgleich das Geld nicht bei den Pflegekräften ankommt. Abgesehen davon möchten viele Angehörige ihren Pflegebedürftigen den Umzug ins Heim ersparen.
bonanzaMARGOT - 24. Jun. 13, 08:33

hallo arboretum

ja, das stimmt, noch passiert der löwenanteil der pflege zuhause durch die ambulante pflege und angehörige (schwiegertöchter, töchter) und nur ca. 4% der über sechzigjährigen landet im heim.
bei den über achtzig- und neunzigjährigen rechnet sich der anteil aber schon wesentlich höher.
zudem gibt es menschen mit krankheitsbildern wie demenz, die zuhause beim besten willen nicht gepflegt werden können.
und wer soll in zukunft die alten zuhause pflegen und betreuen - bei 1,7 kindern pro paar im schnitt?
die stationäre unterbringung und professionelle pflege ist eindeutig noch im wachsen, und sie wird auch zunehmend gebraucht werden.

apropos: pflegemissstände gibt es nicht nur in heimen sondern auch bei der pflege zuhause.
bonanzaMARGOT - 24. Jun. 13, 09:00

hi lawe, danke

ja, die pflege im ausland ist nicht unbedingt das dümmste, weil oft bezahlbarer und personell besser besetzt.
man muss da aber genau hingucken, und natürlich ist alles quatsch, wenn die alten damit nicht einverstanden sind.

da sehr viele menschen meiner und der späteren generationen in die altersarmut rutschen werden, kann man nur mit grauen in die zukunft schauen. wer soll die notwendige pflege dieser menschenmassen bezahlen?
die titanic ist bereits auf dem kollisionskurs mit dem eisberg.
ich würde ja lieber nicht schwarzmalen ...

irgendwie geht es immer weiter.
arboretum - 24. Jun. 13, 13:05

@ bonanzamargot: Dass es auch bei der Pflege daheim Missstände gibt und es auch dort mitunter zu Gewalt gegen Pflegebedürftige kommt, steht außer Frage.

Meine Mutter war in ihrem zweiten Berufsleben examinierte Altenpflegerin und arbeitete für einen ambulanten Pflegedienst. Sie kannte auch Geschichten, von gierigen Erben, die den pflegebedürftigen Alten, kaum war das Haus auf die Nachkommen unterschrieben, daheim immer weniger Platz zugestanden. Unvergessen auch die jüngere Frau des Chemikers, die ihren Mann ziemlich alleine sterben ließ und stattdessen lieber Tennis spielen ging. Er war länger bettlägerig gewesen, aber bei klarem Verstand. Meine Mutter hat sich gern mit ihm unterhalten, wie sie liebte er klassische Musik. Über seine Frau machte er sich da nur noch wenig Illusionen. Wir sehen die lustige Witwe häufiger im Konzert, wie wir hat sie ein Abo.

Wegen der Zukunft: War da nicht einmal etwas mit Soylent Green? ;-)
bonanzaMARGOT - 24. Jun. 13, 13:37

die missstände werden sich niemals ganz abstellen lassen - schon gar nicht im privaten bereich, in den wir zurecht nicht immer einblick haben dürfen, - was leider mitunter auch die vorbeugung von solchen grausamkeiten schwer macht, nicht nur gegenüber den alten, sondern auch zwischen ehepartnern und gegenüber kindern. das liegt leider in der natur der sache.
im altenheim sollte aber die kontrolle größer sein - obwohl es natürlich auch dort (hoffentlich) eine privatsphäre gibt.
wir müssen ausserdem kapieren, dass kontrolle nur aufdecken kann aber nicht wirklich die untaten verhindert und schon gar nicht die ursachen beleuchtet.
viel wichtiger als kontrolle sind in diesem sehr sensiblen zwischenmenschlichen bereich verständnis, trost und die verbesserung der situation auf der seite der pflegebedürftigen sowie auf der seite der pflegenden.
leider wird sehr viel in diesem bereich gelogen bzw. schön geredet. ohnmacht und angst erzeugen bei den direkt beteiligten unaufrichtigkeit.

was die zukunft angeht: da kommt es drauf an, wie weit wir in die zukunft schauen wollen.
wer weiß, was für verrückte sachen es in hundert jahren geben wird, um dieses versorgungs- und pflegeproblem der alten menschen zu lösen(?)
manganius - 24. Jun. 13, 01:35

held(in)

Ganz ohne ironie

bonanzaMARGOT - 24. Jun. 13, 08:46

manganius

helden/heldinnen sind jene, die ihren job aufs spiel setzen und die missstände vor ort anprangern; oder jene, die nie den menschen aus dem blick verlieren - trotz der aufkommenden technokratie und dem leistungsdruck in der pflege.
als held sehe ich mich nicht. ich besetzte eine nische als nachtwache, wo ich (noch) etwas mehr freiheit habe. als einzelne nachtwache mit fünfzig alten, pflegebedürftigen menschen kann ich aber nicht gerade jubilieren. überforderungssituationen sind da vorprogrammiert ...
wir bräuchten die helden an entscheidenden stellen, nämlich in der führungsebene und in der politik, wenn an der ganzen misere wirklich etwas nachhaltig geändert werden soll.

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