Lebenserhaltung

Das Greisendasein bei Pflegebedürftigkeit bedeutet in unserer Gesellschaft Lebenserhaltung. Dabei verdienen Pflegeheime, Ärzte, Apotheken, Sanitätshäuser und die Pharmaindustrie. Wir haben alles, um einen alten, bettlägerigen Menschen am Leben zu erhalten. Er wird auf Wechseldruckmatratzen gelagert und per Magensonde ernährt. Wir dokumentieren jeden Furz und jeden Pickel. Die Ärzte verschreiben fleißig, und die Apotheken liefern - was es alles an Mittelchen gibt. Natürlich sind viele Salben und Medikamente krankheitsbedingt notwendig, doch ich wage die These, dass die meisten bestenfalls Placeboeffekte aufweisen (dummerweise mit Nebenwirkung für den Patienten).
Das Verschreiben und die Anwendung vieler Mittelchen lenkt von der Hilflosigkeit der Pflegenden und Ärzte ab - und ist insofern ein Placebo für alle Beteiligten!
Was Pharmaprodukte nämlich nicht leisten können, ist den Ersatz sozialer Zuwendung, also den marktwirtschaftlichen Faktor Mensch. Ein Mensch kostet Zeit, und Zeit ist Geld. Es ist billiger, einen Menschen schlafen zu legen, als sich um ihn zu kümmern. Das ist die Krux.
Dem Altenpfleger macht man weis, dass es ganz normal sei, wenn er morgens innerhalb von zwei Stunden acht Bewohner waschen und ankleiden muss, von der anfallenden Behandlungspflege ganz abgesehen. Man sagt dem Altenpfleger, dass er den Beruf verfehlt habe, wenn er diese Abfertigung in Frage stelle (... wurde mir von meiner PDL auf einer Betriebsfeier gesagt, als ich meine Gedanken frei äußerte).
Ich mache dem Altenpfleger keinen Vorwurf, der irgendwann unter den gegebenen gesellschaftlichen und betrieblichen Umständen kapituliert und eine Wischiwaschi-Pflege abliefert, die mit seinem Berufsethos eigentlich nicht mehr zu vereinbaren ist. Ständig leben wir Pflegenden in einer schwer erträglichen Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
In den Pflegebetten liegen Menschen und nicht Puppen oder Tiere. Auch keine Babys - sondern alte, sehr eingeschränkte und dahinsiechende Menschen, die es verdient hätten, ihre letzten Tage in Würde zu verbringen. In einem dieser Betten könntest du eines Tages liegen - überlege ich mir oft, wenn ich nachts die Zimmer abgehe, Windeln wechsele, Hintern wische, Menschen hin- und herwälze, Sondennahrungen ab- und anhänge ... . Ich komme menschlich sehr schnell an die Grenzen meiner Belastbarkeit und kompensiere das durch Routine - doch blind für das, was ich sehe, will ich nie werden!

Wir erhalten die Menschen am Leben mit Antibiotika und Sondenernährung und sehen dabei nicht, dass wir die seelische Gesundheit total vernachlässigen. Dafür ist scheinbar niemand zuständig.
virago - 30. Sep. 07, 19:20

Traurige Geschichte, das.

Es ist klar, dass das Pflegepersonal überfordert ist. Letztlich scheint es mir oft, als sei unsere Gesellschaft als Ganzes überfordert. Der medizinische Fortschritt lässt Menschen älter werden, als sie jemals wurden, gleichzeitig leiden viele von uns früher an Zivilisationskrankheiten, als das jemals der Fall war.

Immer wieder muss ich bei solchen Themen an meine Mutter denken, die mit knapp 58 pflegebedürftig wurde und angeblich "zu jung" war, um in ein Pflegeheim aufgenommen zu werden. Die Heimpflege war auch keine gute Alternative. Anfangs kam einmal täglich eine Heimhilfe. Als sie kurz nach einem Spitalsaufenthalt erneut (und für die behandelnden Ärzte meiner Ansicht nach absehbar) vollständig bettlägerig wurde, mussten meine Schwester und ich tagelang darum kämpfen, dass endlich dreimal täglich jemand kam. Dreimal täglich für eine Person, die mit mühe in der Lage war, sich im Bett aufzurichten, von Aufstehen keine Rede, denn sie hatte Bauchwassersucht. Sie war ein abgemagertes, entkräftetes Geschöpf mit einem riesengroßen Bauch. Das ist behandelbar (z.B. durch regelmäßiges Punktieren des Bauchraums), aber scheinbar betrachtet die Krankenkasse unheilbare Pflegefälle als unrentabel. Einschläfern wäre humaner gewesen.

bonanzaMARGOT - 30. Sep. 07, 20:08

Virago

Ich habe das Wiederkäuen des Themas satt. Die Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt und werden ab und zu diskutiert. Jetzt mal wieder. Und warum? Weil es um`s Geld geht. Dabei geht es schon immer um die Ethik, die sich eine Gesellschaft/Zivilisation gegenüber ihren schwächsten Mitgliedern leisten kann oder will.
Wir machen uns alle der Heuchelei schuldig.
Ehrlich wäre zu sagen: Wir wollen es nicht anders und sind nicht bereit, mehr für unsere (wie auch immer) benachteiligten Mitmenschen auszugeben - wichtiger sind uns die Finanzierung unserer PS-starken Autos, unseres Schnickschnacks, welchen wir, wohlstandsverwöhnt, wie wir sind, nicht aufgeben wollen.
Stattdessen kacken wir den schwächsten noch in die Schuhe, indem wir sie psychisch/moralisch ausgrenzen und sagen: Du bist selbst schuld, dass es mit dir so kam; du bist selbst schuld, dass du blöd bist; du bist selbst schuld ..., also sehe zu, was aus dir wird. Indirekt sagen wir ihnen dabei, dass sie uns zur Last fallen - und das spüren die Ausgegrenzten noch sehr gut.

Ich bin dagegen, dass alte, reiche Säcke Zucker in den Arsch geblasen bekommen, während ich mich in der Realität für die Betreuung der vom Leben benachteiligten förmlich auseinanderreißen müsste!
Deutschland nennt sich einen Sozialstaat. Ich sehe ihn nicht. Wir sind ein reiches Land. Wir haben Geld für Straßen, Autobahnen, Denkmäler und Parlamente, Eurofighter und Soldaten im Kongo und in Afghanistan.
Wo ist der Politiker, der die Alten- und Pflegeheime besucht? Und ich meine nicht die schleimscheißerigen Besuche, wo werbewirksam die Heuchelei auf die Spitze getrieben wird!

Ich kotze!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Tschuldige, Virago. Das Schicksal deiner Mutter tut mir leid. In Österreich dürfte das Lügengebäude kein anderes sein.

Gruß
F.
schreiben wie atmen - 30. Sep. 07, 22:46

Ach Felix...

und da sollen alte Saecke nicht weinen? Auch wenn sie noch junge alte Saecke sind.

bonanzaMARGOT - 01. Okt. 07, 10:19

Es ist zum heulen

aber ich schimpfe lieber. Das ist das Loch, in das ich falle, wenn ich einen Nachtwachenblock hinter mir habe. Ich finde plötzlich alles zum kotzen. Ganz besonders die Diskussionen über die Altenpflege und -heime.
Doch nun habe ich ein paar Tage frei und will nichts mehr davon hören. Das Leben hat zu pralle Titten, um sich ständig über Dummheiten zu ärgern.

Lieben Gruß
F.
lethe - 01. Okt. 07, 10:40

Ich glaube das hängt aber nicht nur mit dem "Kapital" des alten Menschen zusammen [Ja klar einerseits schon aber andererseits:] sondern auch damit das dieses Thema immerwieder die Urangst in uns Menschen vor dem Tod hervorruft und indem man sich Gedanken über ein würdevolles altern machen würde, würde man zwangsläufig dieses Thema mal an sich heranlassen müssen. Wie traurig ich das fand, bei verschiedenen Praktika im Altersheim (bin ursprünglich Heilerziehungspflegerin) auf welche Art Kinder ihre alternden Eltern "abgeliefert" und ausgeliefert haben, nachdem diese ihnen Grundstücke und Habe übersschrieben hatten, einfach unglaublich. Ich habe Fälle erlebt wie den einer alten Dame, die von ihrem Sohn mit dem Versprechen einen Urlaub zu machen, im Heim abgeliefert wurde. Sie wurde erst stutzig als in dem vermeindlichen Hotelzimmer ihre Möbel von zu Hause standen. Aber das wirst du sicherlich auch kennen. Ich frage mich, was da schief läuft, wenn Kinder so etwas mit ihren Eltern tun. (Ich könnte mich zu diesem Thema endlos auslassen aber ich will dir ja auch noch Platz in deinem eigenen Blog lassen;))

bonanzaMARGOT - 01. Okt. 07, 11:15

Tue dir keinen Zwang an, Lethe

Logisch, der Normalbürger beschäftigt sich nicht gerne mit häßlichen und andersartigen Dingen (und Menschen). Tod und Sterben gehören zu den Dingen, die man verständlicherweise vor sich her schiebt. Irgendwer muß sich dann doch damit beschäftigen - professionell. Dazu gehören die Altenpfleger(innen). Ich fände es lobenswert, wenn diese Professionen von der Gesellschaft für ihre Arbeit auf einem schwierigen Feld wenigstens anständig entlohnt und gewürdigt würden.
Das wäre doch nur anständig, oder?

Gruß
F.
bonanzaMARGOT - 01. Okt. 07, 11:37

Was zwischen den Generationen schief läuft

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