Schadensbegrenzung


Ich glaube, dass es viel mehr Hobby-Philosophen gibt, als es zugeben wollen. Wobei das Wort "Hobby" eigentlich in diesem Zusammenhang eine Beleidigung ist.
Komisch, da fällt mir ein, wie mich meine Klassenkameraden in der Grundschule, wir waren damals gerade mal acht oder neun Jahre alt, Professor nannten. Süß. Ich empfand es als Ehrung, weiß aber nicht mehr genau warum. Also, warum sie mich Professor nannten. Ich gehörte zwar zu den Besten (damals noch), aber ich war eben, wie ich war. Ich focht Kämpfe mit der Großmäulin der Klasse aus, die sowas wie eine Leitwolffunktion hatte. Ja, auch wir kleinen Knöpfe sortierten uns. Und es wurden regelrechte Kriege geführt. Ich stand auf der Seite der Außenseiter: damals waren das Ausländer, Zigeuner, Asoziale ... Die waren meistens mutiger als der Rest der Klasse aber rettungslos in der Minderzahl. Ich fühlte mich zu ihnen hingezogen. Keine Ahnung. Jedenfalls verstand ich bereits damals nicht, warum Menschen von der Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Es dauerte eine Weile, bis der Dreck von Lüge und Heuchelei auch mein Bächlein verschmutzte. Es war noch ein Bächlein. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Lüge. Vorher war ich zu naiv zum Lügen. Ich verlor die Kontrolle wie alle anderen. Jedenfalls sehe ich es heute so. Das Leben nahm mich und wusch mir den Kopf. Ich wechselte ins Gymnasium und begann die Schule zu verfluchen. Den Spaß gab es nur noch beim Spiel. Ich war sehr verspielt. Ich verlor langsam den Anschluss ...
Einige Jahre später befand ich mich in der Pubertät, hatte meine erste Erektion, den ersten Orgasmus, die erste Freundin, schrieb meine ersten Gedichte (hatte Pickel). Und ich philosophierte gern. Löcherte jeden mit der Frage: "Wieso?" Ich war der Meinung, dass diese Frage viel zu wenig gestellt wurde. Wieso gab es mich eigentlich? Wieso mußte man in die Schule gehen? Wieso wurden die Kinder von den Erwachsenen nicht ernst genommen? Wieso sollte ich mich konfirmieren lassen?
Wieso?
Die Eltern hatten ihre eigenen Probleme. Die Lehrer hatten ihren Lehrauftrag. Es war eben, wie es ist. Wieso? Dafür gab es die Note 6. Also, wenn man zu viel fragte ...
Ich fragte dann auch nicht mehr. Außer wenn ich betrunken war. Ich fing mit Fünfzehn mit dem Trinken an. Sowieso stellte ich mir selbst die Fragen. Ich schrieb sie auf. Ich kleidete sie in Gedichte. Heute noch zu lesen.
Wieso konnte ich nicht wieder so naiv ehrlich sein wie damals als kleiner Bub?
Für den Rest meines Lebens war ich verdorben. Aber ich versuchte es mit Schadensbegrenzung. Ich nahm mir vor, wieder ehrlicher zu werden. Ehrlich. Nur mit dem Trinken konnte ich nicht aufhören.
So verlief mein Leben ...

bonanzaMARGOT - 26. Aug. 11, 14:53

Und noch was



Ficke was das Zeug hält
es könnte dein letztes Mal sein
ficke meinetwegen den grinsenden Mond
wenn du dich sturzbetrunken durch die Nacht wühlst
und vergiss nicht auf deinem Nachttisch
den Wecker zu stellen
auf dass du nicht abstürzt
zieh die Reißleine
eine verdammte Bruchlandung könnte dich alles kosten
reiße dich zusammen
du wichsender, aufgeblähter Frosch

Kneife den Arsch zusammen wenn dein Arbeitskollege
neben dir
neben dir
ein Mensch mit normalen Absichten ist
so normal dass er sich gnadenlos einfügt
ins Inventar
nicht mehr preisgibt als seine pure Zweckmäßigkeit
es lebe der praktische Stuhl aus Luft
ficke meinetwegen auch deine Arbeitskollegen
oder die Stühle aus der Sitzgruppe, die mehr zu sagen
haben

Als Verlegenheitsgemauschel
oder die Wiederholung meiner verkommenen Phantasien
die rhythmische Wiederaufarbeitung meiner Unzufriedenheit
das Fehlen des sechsten Buchstaben im Worte

LIEBE

Ich gucke in die Röhre
"Die Ritter der Tafelrunde" versülzen den Sonntagnachmittag
bis kurz vor "Lindenstrasse" bis kurz vor
"Sendeschluss" und der
Nationalhymne
bis kurz vor dem Signalton des Weckers auf dem Nachttisch

Unterbrechung mit Funkbild
"Haben Sie bitte etwas Geduld"
Geduld für den Top-Orgasmus
dieses übermäßige Bedürfnis nach Gesundheit
ist krank
definiere Gesundheit in einer Gesellschaft, und du kennst
ihre Moral mitsamt den unterdrückten
Ängstlichkeiten
manifestiert durch Kirche und Gesetz
steh gefälligst deinen Mann und rede nicht um den heißen Brei
Kannegießer
du

Es lebe der zersetzende Gedanke
es lebe der Furz
Ausdruck von Fäulnis und Fruchtbarkeit
die Welt ist ein Seldwyla
oder
eine Wühlmaus kommt selten allein




(1993)

la-mamma - 26. Aug. 11, 21:02

ich glaub, ehrlich zu sein, gelingt den wenigsten. und ich meine da vor allem zu sich selbst. weil und wobei sich's in den illusionen natürlich recht bequem leben lässt.

bonanzaMARGOT - 27. Aug. 11, 08:39

ich weiß nicht, la-mamma. die gründe, warum die menschen es mit der wahrheit nicht so genau nehmen, sind vielfältig.
meine erste erinnerbare lüge war aus der not heraus, weil ich etwas verbotenes machte und angst hatte, von den eltern ausgeschimpft zu werden.
ich denke, dass viel aus drucksituationen heraus gelogen wird, z.b. am arbeitsplatz.
und in der schule lernt man schnell, wie man durch schummeln weiterkommt.
man erwirbt sich mit den jahren eine hornhaut, so dass die gewissensbisse nicht mehr so weh tun. wobei manche charaktere damit weniger probleme haben als andere.
so scheint es jedenfalls.
dann gibt es professionen wie z.b. die politik, wo es ohne lügen gar nicht geht.
oder nehmen wir vertreter, die einem etwas andrehen wollen. auch in diesem beruf darf man es mit der wahrheit nicht so genau nehmen, wenn man umsatz machen will.
im privatbereich wird viel gelogen, um des lieben frieden willens. es gibt da viel die sogenannten weglassungs-lügen. man läßt unangenehme details unter den tisch fallen.
was einen selbst angeht, gibt`s die umfangreiche kategorie der lebenslügen. aus angst und arroganz. aus eitelkeit, falschem stolz ...
steppenhund - 27. Aug. 11, 11:13

Schade, ...

ich meine das Trinken. Ich sag das nicht moralisierend. Ich kenne das zu gut, allerdings ist das Trinken bei mir anders angesiedelt. Daher konnte ich Jahre auch vollkommen abstinent leben. (Zwei davon in Russland, wo das eigentlich fast unmöglich schien.) Ich sage schade, wegen des Energieverlusts.
Das mit dem Lügen würde ich nicht so tragisch nehmen. Ich lüge heute nur mehr selten, sogenannte "white lies", um jemand anderen nicht zu verletzen. Zum Lügen bin ich zu faul und mein Gedächtnis ist schwächer geworden. Ich muss mich darauf konzentrieren, das zu merken, was wichtig ist - nicht meine Lügengebäude.
Aber ich erinnere mich an meinen Vater, der mir Ibsen erklärt hat. Er sagte: Ibsen hat ein Hauptthema, das ist die Lebenslüge. Man belügt sich selbst und baut ein wildes Gebäude auf, das begründet, warum das Leben so und nicht anders verlaufen ist. Man findet Entschuldigungen für eigene Verhaltensweisen, von denen man weiß, dass sie falsch sind.
Nicht alles, was mein Vater erzählt hat, war hundertprozentig wahr. Er liebte es, Geschichten zu erzählen, in denen er wohl ein paar Mal seine eigene Sicht mehr als einen objektiven Standpunkt einbrachte.
Allerdings brachte er mir "das Lesen" bei.
Und genau mit den gleichen Fragestellungen fraß ich mich durch die Literatur durch. Es gibt nämlich sehr viele Menschen mit den gleichen Fragen. Und manche davon schreiben das auch nieder. Man muss nicht alles akzeptieren und vor allem nicht glauben. Doch aus der Summe von 20-30 Philosphen lässt sich schon herausfinden, in welche Richtungen die Antworten gehen könnten.
Dann ist man wieder auf sich allein gestellt. Aber es ist viel einfacher zu wissen, in welche Sackgassen die Menschheit schon gegangen ist.

bonanzaMARGOT - 27. Aug. 11, 11:31

hi steppenhund

energieverschwendung ist relativ. auch eine frage der menge. und des stoffs.
dahingehend will ich mich nicht belügen.
leider kann man der gesellschaft (eltern, arbeitgeber, arbeitskollegen, bekannte ...) nicht immer alles haarklein mitteilen - lügen aus selbstschutz.
immerhin ist unsere gesellschaft heute so liberal, dass sich viele menschen nicht mehr unbedingt genötigt sehen zu lügen - wenn sie z.b. homosexuell sind, oder gewisse ausgefallene hobbys und vorlieben haben ...
aber es gibt schon noch widerstände, vorurteile und diskriminierungen, die einen lieber zur lüge greifen lassen, als unbedingt mit der wahrheit heraus zu rücken.
verständlicherweise, wie ich finde.

ich lüge so selten wie möglich. gar nicht so einfach. es gibt da auch graduelle unterschiede, was die schwere der lüge angeht. ob man bewußt jemanden hinters licht führt, oder eben eine notlüge benutzt, die nicht sehr wehtut.
wie du es sagst - die lügerei ist außerdem ziemlich anstrengend, wenn man sie ernsthaft betreibt. nichts für mich. auch wegen des energieverlusts ...

mein motto: lieber der wahrheit ungeschminkt ins gesicht sehen. das erleichtert das gewissen. wir müssen so viel im laufe des lebens mit uns rumschleppen. mit weniger lügen lebt`s sich einfach leichter.
Lange-Weile - 27. Aug. 11, 17:06

die Unschuld

Hallo Bo.,

ja..ich hätte auch gern noch mal das Gefühl der Unschuld eines Kindes erleben. Ein paar Stunden nur und dass ohne elterlichen Schutz. Es fragt sich, wie schnell die ersten Verletzungen unter die Haut geritzt werden.

Ich erinnere mich auch an die ersten Erschütterungen, die trafen mich besonders, wenn freundlich scheinende Erwachsene plörtzlich böse auf mich wirkten, wenn ihre Freundlichkeit plötzlich umschlug und sie mit Worten oder mit der Mimik ein ungutes Gefühl unter meine Haut schoben. Als naives Kind hat der Mensch zumindest ein gutes Gespür für gute und "böse" Menschen.

Im Dorf aufgewachsen kannten wir als Kind bals unsere "Pappenheimer" und wußten, um wen wir am besten einen großen Bogen machen sollten.

Eine Frau vom Nachbargrundstück meiner Eltern ist mir besonders in Erinnerung. Sie war hilfsbereit aber auch neugierig. Betrat sie unser Haus, sah ich förmlich ihre Stielaugen die in jeden Winkel der Wohnung krochen. Ebenso spizte sie die Ohren, um ein paar verdächtoge Worte aufzuschnappen um anschließend das neuste Wissen induviduell umgearbeite im Dorf zu verbreiten.

Frauen mit langen Hackennasen oder mit Ohringen, die wie Tropfen aussehen sollten, waren mir besoders suspekt und ich betrachtete sie mit Argwohn. In ihrer Nähe fühlte ich mich nie wohl, ohne es begründen zu können.

Diese Menschen waren sicher nicht mehr unschuldig und hatten ihre Wege gefunden, sich durch Leben zu schlagen, und wenn es sein muss, sein Leben mit Lügen zu erleichtern.

Statistisch gesehen, soll der Mensch durchschittlich 200 mal am Tag lügen oder mit anderen Worten gesagt, nicht die Wahrheit sagen.

Liegt zwischen beidenvielleicht ein Unterscchied ?

Aber, wie wäre die Welt, wenn es keine Lügen gäbe. wenn alle die Wahrheit sagen, die grade in ihrem Kopf arbeitet?

Ich wünsche dir noch einen regen- und gewitterfreien Samstag ;-)

Gruß Irene


bonanzaMARGOT - 28. Aug. 11, 11:28

ignoranz

hi lawe, regenfrei war der samstag leider nicht.

mit den lügen ist es wie mit ungeziefer. es juckt uns erst, wenn es überhand nimmt, oder wenn besonders bösartige sorten uns quälen.
ich wollte nie alle lügen ausmerzen. was wäre eine welt ohne das sogenannte ungeziefer?

bösartig finde ich, wenn man von anderen menschen bewußt hinters licht geführt wird, und dies eine verletzung der seele oder wenigstens eine große enttäuschung zur folge hat. oder ein loch in den geldbeutel reißt.
eher harmlos sind die vielen kleinen lügen, mit denen wir uns teilweise selbst im alltag beschummeln - z.b. wenn wir bei tante xy absagen und kopfweh vorschieben, wenn wir beim naschen die zu uns genommenen kalorien unterschlagen etc.

dann gibt es noch eine weitverbreitete sorte von lügen. ich nenne sie: ignoranz.
im dritten reich ignorierten viele menschen die schlechten und menschenverachtenden seiten der nazis - obwohl sie es eigentlich wissen konnten, aber sie sahen weg und verdrängten es.
die charaktereigenschaft der ignoranz kann besonders schäbige folgen haben. nämlich wie im dritten reich völkermord. ignoranz tritt nicht selten als massenphänomen auf.
heute z.b. in dem weitgehend bedenkenlosen dulden der massentierhaltung und allgemein des raubaus an der natur.
auch am beispiel des umgangs mit der technologie kernkraft kann man das phänomen der ignoranz beobachten.
aufgrund der lüge "ignoranz" wird der mensch sich vielleicht selbst auslöschen.
man kann diese lüge schwer zu fassen kriegen, weil sie dadurch bestand hat, dass die wahrheit einfach ignoriert / geleugnet wird. es braucht dann erst ein schweres unglück oder einen verheerenden krieg, dass die menschen aus ihrem dornröschenschlaf aufwachen - und nicht mal dann alle.
offensichtlich eine sehr verführerische lüge.

ja, die zeit der unschuld ist unwiederbringlich vorbei, lawe.
man muß schon aufpassen und wachen geistes sein, um den grassierenden lügen nicht auf den leim zu gehen ...

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