Ein seltsamer Besuch


Warum besuchte ich das Elternhaus, stand ratlos vor der Eingangstür, setzte mich kurz? Ich kam nicht hinein, weil ich keinen Schlüssel hatte. Ich war einem Irrtum aufgesessen – und fühlte mich wie bestellt und nicht abgeholt. Ich kam mir seltsam ausgeschlossen vor und fragte mich nach den Gründen. Von außen betrachtet sah alles so aus, als würden die Eltern noch leben. Garten und Haus waren wie immer gepflegt. Das Auto stand vor der Garage. Wenn ich nicht wüsste, dass sie tot sind, hätten sie auch einfach nicht zuhause sein können – vielleicht wären sie zu Fuß in der Stadt einkaufen. Es ist nicht weit.
Natürlich hatte ich mich in den letzten Jahren selbst weitgehend von ihrem Leben ausgeschlossen. Meine Besuche waren selten. Ich war immer erleichtert, wenn es ihnen gut ging – und ich wieder gehen konnte. Vielleicht scheute ich den realen Kontakt mit meinen Erinnerungen, meiner Kinderstube.
Ich stand vor der verschlossenen Haustür. Die Eltern sind tot.
Ähnlich muss sich jemand fühlen, der viele Jahre auf Reisen war und zurück nach Hause kommt. Meine Heimat ist mir fremd und vertraut zugleich. Es ist nicht nur das Elternhaus, es ist die ganze Stadt - wie ein Fotoalbum: dort war die und die Kneipe, dort spielten wir, dort wohnten wir, dort ging ich zur Schule, dort war der Eismann, dort der Kiosk, dort saß ich oft …
Andere Menschen gehen nun durch die Straßen. Neue Generationen wurden geboren.
Mit dem Tod der Eltern ist die Stadt für mich nur noch eine Art Geisterstadt.
Ich schloss das kleine Gartentor hinter mir – wie ich es tausende mal hinter mir geschlossen hatte. Komisch, dass sich dieses Geräusch bei mir so stark einprägte.

ein literarisches Tagebuch

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