Der erste Sonnentag


Der erste Sonnentag in diesem Jahr. Unwirklich. Gleißend hell, als ich aufwache. Ein Nachtdienst wie tausende liegt hinter mir. Allein mit den schlafenden Geistern des Hauses. Wenn sie denn schlafen. Manchmal erschrecke ich vor meinem eigenen Spiegelbild hinter der Scheibe des Dienstzimmers. Ich murmele vor mich hin: „Was mache ich hier?“ „Bin ich das?“ „Ist das meine Stimme? Mein Schatten?“ Als ich den Flur entlang gehe, wird der Weg immer länger …
In der Routine eile ich mir selbst im Geiste voraus, sehe mich bereits die Windeln wechseln, die Urinflasche anlegen oder die Bettpfanne unterschieben.
Dann öffne ich die Zimmertür, lächele unwillkürlich.
„Ach, Sie sind es. Wie spät haben wir denn?“
„Zwei Uhr.“
„Dann muss ich ja noch schlafen.“
„Noch ein paar Stündchen.“
„Kann ich etwas zu Trinken haben?“
„Aber natürlich.“
Ich blicke durch das Fenster in die Dunkelheit, hinunter zu den Lichtkegeln der Laternen und fülle den Schnabelbecher mit Wasser, reiche ihn der Greisin.
„Danke.“
Es reicht, dass ich da bin. Der kleine Raum ist vollgestellt mit Rollator, Toilettenstuhl und Tisch. Vor ihrem Bett eine Urinlache. Es kommt immer häufiger vor, dass sie es nicht rechtzeitig auf den Toilettenstuhl schafft. Ich wische auf.
„Oh je“, sagt sie, „nun müssen Sie auch noch den Boden putzen.“
„Macht nichts. Schon erledigt.“
Ich bleibe noch kurz bei ihr am Fußende des Pflegebettes.
„Wie spät ist es?“
Freundlich erkläre ich ihr nochmals die nächtliche Stunde. Sie hat Angst, dass am Morgen niemand zu ihr kommt. Wenn sie eine schlechte Nacht hat, klingelt sie vier- oder fünfmal und fragt nach.
Früher erzählte sie viel von ihrer Familie und aus ihrem Leben. Nun fallen ihr die Worte nicht mehr ein. Urplötzlich kommt ihr ein altes Gedicht in den Sinn, und sie sagt eine Strophe auf, stockt. „Weiter weiß ich nicht“, lacht sie.

Lange-Weile - 11. Jan. 13, 21:29

Gesellschafter

Hallo Bo.,

das ist immer wieder traurig zu lesen, was so von einem Menchenleben bleiben kann, wenn die Kontrolle über Körper und Geist abnehmen.
Meine Freundin arbeitet für die Caritas als Ehrenamtliche und geht tagsüber mit den Demenzkranken spazieren. Sie ist das, was man als Gesellschafterin bezeichnen könnte. Früher im Familienverand waren es die Enkelkinder...die den Alten etwas Abwechlung in den Tag brachten. Heut lässt man sie dämmern...weil jeder seiner Arbeit nachgehen muss.

Ich denke auch, dass die Leere des Tages die alten Menschn schwer schlafen lässt. Sie brauchen frische Luft, Unterhaltung und Beschäftigung - oder wenn es geht, auch kleine Aufgaben. Das permanente Dämmern lässt den Rest der grauen Zellen nur schwer am Boden liegen.

Ich weiß, ich habe jetzt klug reden. und kann nur von dem berichten, was meine Freundin erzählt...die alten Leute blühen auf, wenn sie kommt und sich mit ihnen auf einen kleinen Spaziergang macht und "Sie sind soo dankbar"..schließt sie ihre Erzählung immer ab.

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 12. Jan. 13, 11:22

zuwendung ist für menschen in jedem lebensalter wichtig.
vereinsamung ist nicht nur eine frage des alters.
im hohen alter kommen einfach die körperliche gebrechlickeit und der geistige abbau hinzu. das erschwert vorallem die kommunikation, die mobilität und eigeninitiative.
die meisten alten, würde ich behaupten, sind im altenheim besser aufgehoben als zuhause. voraussetzung ist, dass sie sich mit den gegebenheiten arrangieren und die vorteile wahrnehmen.
wer sich in seinem leben darüber nie gedanken macht und dann von seiner pflegebedürftigkeit überrascht wird, wird es immer schwer haben. man sollte rechtzeitig den einzug in ein altenheim oder betreutes wohnen in erwägung ziehen.
meine eltern verpassten den absprung. nun wird die familie von den ereignissen und notwendigkeiten überrumpelt.
es liegt in jedermanns und jederfraus eigenverantwortung, sich der realität zu stellen.

das problem der nacht ist, dass sie zu lang ist. die alten werden vom spätdienst nach dem abendessen zwischen 18 und 20 uhr zu bett gebracht und werden erst wieder gegen 7 uhr morgens aus den betten geholt. das bedeutet für viele ca. 12 stunden bettruhe. davon schlafen sie aber nur 6 bis 8 stunden, was ja ganz normal ist. so kommt es vor, dass manche noch vor mitternacht aufwachen und relativ ausgeschlafen sind.
montez - 12. Jan. 13, 11:29

Kaum etwas hat mich negativer beeindruckt und gerührt, als die absolute Einsamkeit und Sehnsucht dieser verlorenen alten Menschen, als ich meinen Vater in der Kurzzeitpflege besucht habe. Ausser mir kamen noch zwei oder drei andere Angehörige.

Gut, dass es wenigstens ein bisschen Zeit für Zuwendung zu geben scheint.

Und ja, vermutlich ist das manchmal trotzdem besser als daheim. Wobei. Das was ich da erlebt habe, ist kaum steigerungsfähig. Wenn ich den Alten nicht hätte wieder heimholen können, wäre er vermutlich verhungert. Völlig abgemagert ist er jedenfalls. Und hingefallen.

bonanzaMARGOT - 12. Jan. 13, 11:41

natürlich kann es einen schocken, wenn man noch nie in einem altenheim war. da sitzen dann unter umständen trübsinnig dreinblickende, demente menschen verloren herum. es ist auch klar, dass es in den meisten heimen viel zu wenig personal gibt, um den psychosozialen bedürfnissen der alten gerecht zu werden.
leider vermitteln manche altenheime immer noch eine düstere und trostlose atmosphäre.
angehörige haben oft hochgeschraubte erwartungen - nach dem motto, dass mutter oder vater rund um die uhr umhegt und gepflegt werden. dies ist nirgendwo machbar. ich bin zum beispiel in der nacht allein mit fünfzig zum teil schwer pflegebedürftigen und dementen bewohnern.
montez - 12. Jan. 13, 11:54

Ich glaube, ich habe nicht viel erwartet (und ich habe meine ganze Jugend Sozialdienst in verschiedenen Altersheimen gemacht). Aber so wenig sicher nicht.

Die (alle) Dementen, sassen tagsüber in glühender Hitze in einem verglasten Wintergarten, alle Türen und Fenster waren geschlossen, weil es keinen gab, der draussen im grossen schönen Garten hätte aufpassen können.

Genau: Privates Heim, maximaler Gewinn, minimales Personal.
Ein kurzer Blick auf den alten Montez, der sich immer bemüht hat, Sachen richtig zu machen, aha, kann selber essen. Dabei fiel alles unter den Tisch, das hat dann niemand bemerkt. Ich bin dann immer zu den Essenszeiten gekommen, denn na klar, wie sollen zwei Hanseln 30 Alten beim essen helfen.
bonanzaMARGOT - 12. Jan. 13, 12:03

es passieren mit bestimmtheit viele haarsträubende dinge in den heimen - von vernachlässigungen in der hygiene und nicht ausreichender nahrungsgabe, schlechter medizinischer versorgung, kaum menschliche zuwendung, bis hin zur körperverletzung ...
solche missstände sind unbedingt anzuzeigen. das personal ist leider oft abgestumpft und betriebsblind, oder es steht durch miese arbeitgeber und vorgesetzte unter druck.
wenn man als angehöriger solche schlimmen missstände mitbekommt, sollte man die fälle protokollieren und sich bei der heimaufsicht beschweren.
und dann sollte man sich natürlich am besten ein anderes heim für seine mutter oder seinen vater suchen.
montez - 12. Jan. 13, 12:06

Hm. Ich habe das so hingenommen. Nett was das Personal ja.
Glücklicherweise konnte ich ihn nach zwei Wochen wieder heimholen. Da hat es ihm am Besten gefallen.
bonanzaMARGOT - 12. Jan. 13, 12:15

klar, ich bin auch nett. meine kollegen und kolleginnen (also die meisten) sind nett.
es kommt immer auf die häufung und die art der missstände und pflegefehler an. nobody is perfect. bei geringen verfehlungen kann man sich evtl. noch arrangieren und in gesprächen auf die mängel nett hinweisen.
doch wenn die mängel einfach zu eklatant sind, weil z.b. zu wenig personal für eine ausreichende versorgung der alten da ist, muss man andere konsequenzen ziehen - bis hin zur anzeige. die alten sind den bedingungen ausgeliefert. der heimbeirat meist nur eine farce.

gut, wenn du deinen vater zuhause pflegen willst und kannst.
wer sich das zutraut, soll es machen. ich - obwohl altenpfleger - wollte meine eltern nicht zuhause pflegen.
montez - 12. Jan. 13, 13:32

Er hat es uns nicht so schwer gemacht, trotz Demenz. Und dann ist er, nach 5-jähriger Pflegebedürftigkeit nach zwei sehr aufgewühlten Tagen gestorben. Das war schon 2009. Natürlich war es für meine Mutter viel anstrengender als für mich, ich hatte eher den Aufheiterungspart.

Wohin ist eine freie Entscheidung, möglichtst von allen Beteiligten. Die von allen Umständen abhängt und die in beide Richtungen ihre Berechtigung hat.
bonanzaMARGOT - 12. Jan. 13, 13:45

ja, es ist auch eine generationenfrage, und sowieso ist es eine frage des klimas innerhalb der familie, - wie viel fürsorge von den familienmitgliedern erwartet werden kann.
wir leben heute nicht mehr in einer zeit, wo althergebrachte gesellschaftliche doktrinen eine übermächtige rolle spielen. man kann heute leichter aus gesellschaftlichen zwängen ausbrechen. dazu gehört auch die pflege der eltern.
ich habe keinen engen bezug zu meinen eltern. soll ich mich deswegen schuldig fühlen?
dummerweise leben ältere generationen noch in erwartungshaltungen, denen ihre kinder nicht immer entsprechen wollen und können.

schön, wenn es bei dir und deinen eltern nicht so war.
bonanzaMARGOT - 12. Jan. 13, 15:28

apropos

wenn man dann mal genau hinguckt, haben die alten sich ihren alten (unseren großeltern) gegenüber auch nicht immer adäquat verhalten.
montez - 13. Jan. 13, 15:22

Tatsächlich stehe ich da in einer ganz erfreulichen Tradition. In deren Genuss meine nicht vorhandenen Kinder nun nicht mehr kommen werden.
bonanzaMARGOT - 13. Jan. 13, 15:32

solange traditionen mit seele gelebt werden, habe ich gar nichts gegen sie. leider ist das nicht immer so. und selbstverständlich stellt sich bei solchen eklatanten entwicklungen in gesellschaft, kultur und technik wie in den letzten hundert bis zweihundert jahren die frage von selbst nach der sinnhaftigkeit so mancher tradition, so manchem brauchtum. man muss sich auch immer klar machen, dass traditionen einen menschen auch gängeln können - weil der gruppendruck immens ist.

ich habe keine kinder, und so stellt sich die frage sowieso nicht, ob ich von meiner familie im alter gepflegt werden will.
und hätte ich ausversehen kinder, würde ich es sicher nicht von ihnen erwarten.

erwartest du denn, montez, dass deine kinder dich auch ein mal pflegen, wenn eine ähnliche situation wie bei deinem vater entsteht?
montez - 13. Jan. 13, 15:41

Ich meinte die Tradition des Sichmeistganzgutvertragens und Anständigverhaltens. Traditionen im Allgemeinen finde ich misstrauenserweckend.

Von meinen Kinder würde ich versuchen, gar nichts zu erwarten, so wie meine Eltern das gemacht haben. Perfider Trick. Habe ja schon mal gesagt, dass ich finde, da gibt es sicher gerechtfertigte Gründe für alle Versionen.

Ich lebe mit Vergnügen (ja, sie hat viel Humor) mit meiner 82-jährigen Mutter zusammen. Das tue ich nicht aus Pflichtgefühl sondern aus Zuneigung Und ich käme im Leben nicht auf die Idee, sie in ein Altenheim zu bringen(?). Es sei denn, das wäre ihr Wunsch.
bonanzaMARGOT - 13. Jan. 13, 16:50

Das Sich Anständig Gegeneinander Verhalten kann traditionelle Regeln haben, aber als Tradition an sich sehe ich es nicht an.
montez - 13. Jan. 13, 16:53

Ach herjeh. Das war künstlerische Freiheit.

Ich meinte, das sich die letzten drei Generationen ab irgendwann gut vertragen haben. Friedlich und freundlich. Ja, gibt'a auch. War auch nicht immer so. Muss jetzt in den Stall.
bonanzaMARGOT - 13. Jan. 13, 16:58

Das ist wünschenswert, dass man mit Vater, Mutter und anderen Familienmitgliedern gut auskommt.
Ich bin offensichtlich nicht der Typ dazu.
montez - 13. Jan. 13, 17:01

Gehören immer mindesten zwei dazu. Ich kann sofort jede Menge Eltern aufzählen, die ich sofort wegsperren würde. Von Grosseltern und Tanten ganz zu schweigen.

So, jetz aber. A bientôt.
bonanzaMARGOT - 13. Jan. 13, 17:09

Stimmt. Man kann sich manche Menschen nicht aussuchen - z.B. Eltern.

Bis bald!

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