Gedanken aus dem Sessel - 2012


Ich wohnte noch bei meinen Eltern
Manchmal stand mein bester Kumpel mit einer Plastiktüte voller
Bierflaschen vor der Tür
Meine Mutter machte ihm auf
Ich hatte Sorge, dass es zu offensichtlich war

Bevor wir in die Stadt gingen, tranken
Wir immer noch ein paar Bierchen
Zum Vorglühen
Wir hörten dazu Rockmusik
Police und
Später auch U2
Wir diskutierten darüber
Wen wir in der Stadt treffen würden
In der Bier Börse oder
Im Billard Café

Manchmal startete ich auch alleine durch
Ich erinnere mich an einen Abend
Ich hörte U2 und hatte den Fernseher
Stumm gestellt
Ein Bergsteigerfilm lief
Die Musik passte astrein
Nach einer Flasche Wein
Trieb es mich regelrecht hinaus
In den Abend
Zu den Anderen

Meine Eltern schauten im Wohnzimmer
Fern
Ich verabschiedete mich immer kurz
Bevor ich loszog

Das war Anfang der Achtziger
Ich wusste noch nicht wirklich etwas
Vom Erwachsensein
Wie sich die Jahre addieren
Und man nur von einem Gefängnis in ein
Anderes wechselt
Bis zuletzt
Aber vielleicht ahnte ich es

Und darum mag ich heute U2 nicht mehr
Jedenfalls nicht die aktuellen
Und ich mag die Menschen nicht
Die vergaßen, wer sie waren
Als es noch Hoffnung gab

Inzwischen ist es egal
Das Herz wurde grau
Das Blut wurde grau
Mein alter Kumpel besucht mich schon lange nicht mehr
Die Eltern sterben
Ich klammere mich an Worte
Fahl
Mein Wintergesicht

ein literarisches Tagebuch

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