Dong, dong, dong, dong, dong, dong ...


Bis jetzt ist das nicht mein Herbst. Dabei gibt es gar keinen Grund, deprimiert zu sein. Jedenfalls nicht mehr als sonst. Vielleicht die Midlifecrisis, weil ich unaufhaltsam auf meinen 50sten Geburtstag zusteuere. Oft wissen wir gar nicht, was in uns vorgeht, warum wir niedergeschlagen, lethargisch, melancholisch oder wütend sind, - woher die Unzufriedenheit oder die Ängste kommen. Ich ziehe mich dann lieber zurück. Denn wie soll ich meinen Mitmenschen meine Launen erklären, wenn ich selbst im Trüben fische? Immerhin kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich aus diesen seelischen Schlechtwetterlagen auch wieder raus komme. Seltsam, wie sich die Perspektive auf Probleme und Missstände ändern kann. Man kann manches eine Zeitlang ganz gut verdrängen oder in Schach halten und merkt gar nicht mehr, wie es im Hintergrund brodelt. Scheiße, ich habe den Topf auf dem Herd ganz vergessen! Aber da ist es schon zu spät, und die Soße quillt über den Topfrand. Insofern sind wir Menschen alle mehr oder weniger kleine Vulkane. Also, es gibt sehr ausgeglichene Gemüter, aber es soll mir niemand sagen, dass er diese Stimmungsschwankungen nicht kenne. Obwohl ich meist ruhig wirke (ehrlich), entwickele ich ab und zu ein hitziges Temperament, wenn mich das Fell juckt. Gerade weil ich vieles hinterfrage, steigere ich mich gern in meinen Unmut hinein, wenn ich keine plausiblen Antworten bekomme. Leider gibt es Fragen, die von vorneherein nicht zu beantworten sind. Und obwohl ich das weiß, laufe ich heiß …, als könnte ich mich mit der gesamten Welt anlegen oder gar mit Gott. Fatal. Okay, der Alkohol kann bei diesem Prozess als Brandbeschleuniger dienen. Aber schon als Kind neigte ich zu derlei Wutausbrüchen. Das kann meine Mutter bezeugen. Mein großer Bruder wusste sehr gut, wie er mich reizen konnte …
Während ich damals mit trommelnden Fäusten meinen Bruder bearbeitete, entlädt sich heute meine Wut ausschließlich verbal. Körperliche Gewalt wurde mir im Erwachsenenalter zuwider. Nun kann man sagen, dass man mit Worten ebenso verletzen kann. Mag sein. Wenn ich verbal um mich schlage, kann ich mir oft nicht vorstellen, dass ich damit einen Menschen persönlich weh tun könnte. Jedenfalls vermeide ich Schläge unterhalb der Gürtellinie - soll heißen, ich versuche trotz aller Leidenschaft fair und beim Thema zu bleiben. Sollte mir doch im Eifer des Gefechts ein Ausrutscher passieren, dann bitte ich um Rückmeldung. Ich weiß, dass ich ziemlich zynisch und sarkastisch sein kann.
Es ist komisch: Man kennt sich und ist sich doch fremd. Das gilt für sich selbst und für die nahestehenden Menschen. Und darum ist eigentlich jede menschliche Beziehung ganz schön kompliziert. Ich habe große Achtung vor Menschen, die immer diplomatisch und ruhig bleiben können. Wie gesagt, kann ich mich z.B. im Beruf mit meinen Meinungsäußerungen am Riemen reißen, aber irgendwann bricht mein Unmut aus mir heraus! Fuck! (Oh, Entschuldigung, eine verbale Entgleisung.)
Ich glaube, bei mir sollte es nicht Midlifecrisis heißen sondern Wholelifecrisis. Seit ich denken kann, renne ich mit dem Kopf gegen die Wand, dabei bin ich echt nicht masochistisch veranlagt.
Ich kann mich einfach nicht damit abfinden, dass …
Aber jetzt wird`s langweilig.
Euch noch einen schönen Montag!

Lange-Weile - 09. Okt. 12, 01:39

alte Lehre

Hallo Bo,.

ich denke in jedem steck eine Portion Wut, die wie ein Saatkorn in einem schlummert. Bei einigen muss dieses Saatkorn lange "gewässert" werden und bei anderen reicht schon ein Tropfen Wasser und das Saakorn geht auf und schiebt sich im schnell wie eine Schlingpflanze nach außen.

Die Frage ist nur, wer hat dieses Saatkörchen angelegt ? Alles fängt ganz klein an und schlummernd unter der Haut liegen.

Ich denke..ob man die Fäuste oder die verbale Schlagfertigkeit nutzt, beides kann verletzen, wenn es der Hieb mit Gift angereichert ist. Nicht die Worte sind entscheidend, die gespochen werden, sondern die Energie, die in ihnen verpackt sind.

Jedoch bringt das aufheizen wenig, sondern verklärt nur den Blick, der ja etwas in den Fokus genommen hat. Und das verlangt Geduld - mit sich selbst und mit der Situation, die ein Krisenpotential in sich trägt.

Eine interessante Erkenntnis hat einer der besten Samurais niedergeschrieben. "Wenn du etwas im Fokus hast, solltest du den Überblick über das große und ganze nicht verlieren. Wenn du auf das Große und Ganze oder ins Nichts schaust, sollte der Blick den Fokus mit einschließen" Ich denke..er fasst mit wenigen Worten zusammen, was man auch Besonnenheit nennen kann.

Ich höre schon deinen Protest: "Was interressieren mich die Samurais?" ;-) ...aber sich diese Erkenntnis einmal auf der Zunge zergehen lassen, würde vielleicht einen neuen Blickwinkel ermöglichen. Dabei geht es nicht darum, dass man sich mitten in einem Kampfgetümmel bewähren soll..aber die eine oder andere Alltagssituation ist für eine ganz gut Übung geeignet.

Ohje...heute ist es aber spät geworden...

LG LaWe


bonanzaMARGOT - 09. Okt. 12, 10:35

hi lawe

ich finde es ganz gut, dass man inzwischen von den "wutbürgern" spricht, - dass sich die menschen nicht alles gefallen lassen, und zwar quer durch alle bevölkerungsgruppen.
natürlich muss man sich fragen: wie formuliere ich meinen protest, wie mache ich meinem unmut luft?
gewalt lehne ich ab. aber verbal sollte man sich nicht zurückhalten müssen. solange der protest vor allem am gegenstand orientiert ist und nicht zu blinder wut wird, finde ich es okay. das gilt für einzelne personen, die ihre wut gegen ein gesellschaftssystem richten, wie für gruppen von menschen.
in meinem beitrag beschrieb ich auch meinen konflikt mit mir und dem dasein selbst. wie ich es in mir/mit mir erlebe. auch dieses hadern mit dem leben ist legitim, solange man nicht alles auf sündenböcke projeziert und sich selbstkritisch und selbstironisch wahrnimmt.
die weisheit des samurais finde ich gut. warum sollte ich die nicht gut finden, lawe? ich bin zwar manchmal ungestüm, aber im großen und ganzen zähle ich mich noch zu den besonnenen menschen.
Lange-Weile - 09. Okt. 12, 13:41

Ohnmacht

Hallo Bo.,

ja...die Wutbürger des Landes und das, obwohl wir ein Wohlstandland sind. Die Frage ist, woher kommt die Wut. Im Grunde geht es uns ja nicht schlecht...also muss es andere Gründe dafür geben. Vielleicht, weil die Gesellschaft so unpersöhnlich geworden ist ?

Ja...zwischen dem, wie man sein möchte und dem, wie man ist, wie man selbst auf äußere Reize reagiet, kann sie Spanne sehr groß sein. Bei mir hat sich diese Diskepanz schon verkleinert, obwohl es immer noch Situationen gibt, die mich unerwarret aus dem Angeln heben. Es gibt eben immer noch Leichen im Keller, obwohl ich glaubte, ich hätte sie schon längst gehoben. In solchen Momenten schlagen die Leichen mit für einen kurzen Moment KO und ich liege in Ohmacht handlungsunfähig am Boden .

So ...nun stürze ich mich unter die Kinderschar und hoffe, ich komme nicht geteert und gefdert wieder zurück ;-)

LG LaWe

bonanzaMARGOT - 09. Okt. 12, 13:56

alles gute, lawe, beim kindernachmittag. ich hoffe, es wird für dich keine stephen king story.

darf man als sogenannter wohlstandsbürger keine wut haben? ja, es geht da wahrscheinlich nicht um leben und tod wie in dritteweltländern, aber es zeugt doch von einem zunehmenden bewusstsein für die (um)welt.
die wut richtet sich hier in der hauptsache gegen ein bestimmtes projekt ... und nur indirekt gegen das dahinterstehende politische und kapitalistische system. so weit sind wir leider noch nicht.
aber stuttgart 21 zeigte, dass die bürger nicht länger übergangen werden wollen, wenn es um milliarden-projekte vor ihrer nase geht. die damit einhergehende diskussion unter dem vorsitz von heiner geißler fand ich gut ... auch wenn letztlich die wutbürger den kürzeren zogen.
wir brauchen noch viel öfter diesen zivilen ungehorsam.
ich würde mir z.b. wünschen, dass die menschen endlich mal wegen des pflegenotstands in unserer republik auf die straße gingen. ich meine, so richtig als wutbürger wie bei stuttgart 21!
lawe, es gibt auch in unserer gesellschaft genug ungerechtigkeiten, irrsinn und missstände, um wütend zu werden.

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