Der Traum


Später am Abend bringe ich ein paar Altenheimbewohner zu Bett, die noch vor dem Fernseher verweilten. Darunter eine fast neunzigjährige Frau, die ich besonders ins Herz geschlossen habe. Sie verfügt über einen köstlichen, trockenen Humor.
Vor einem halben Jahr starb ihr Mann, und seitdem wirkt sie regelrecht befreit und geht viel mehr aus sich raus. Trotzdem sagt sie mir oft, dass es nun auch Zeit für sie wäre zu sterben. Bei ihr ist es aber nicht wie bei vielen Alten Depression und Selbstmitleid.
Mittlerweile kenne ich viele Geschichten aus ihrer Familie und ihrem Leben. Oft diskutieren wir auch über politische und andere gesellschaftliche Vorfälle. Sie schaut regelmäßig Diskussionnssendungen wie „Hart aber fair“. Während ich ihr ins Nachthemd helfe und beim Zähneputzen assistiere, erzählt sie mir, was ihr so alles durch den Kopf geht.
Wenn ich sie dann im Bett habe, verweile ich oft noch ein paar Minuten am Fußende und höre ihr zu.
Gestern Abend erzählte sie, dass sie die Nacht vorher vom Sterben geträumt hatte. Sie war bereits in der Urne neben ihrem Mann beigesetzt. Plötzlich kam die Frühdienstkollegin ins Zimmer und weckte sie zum morgendlichen Aufstehen und Waschen. „Da war ich richtig wütend“, sagte sie lachend, „und ich herrschte die Schwester an, was das soll! Die guckte vielleicht! Sie wußte ja nicht, warum. Ich wollte doch gar nicht mehr aufwachen. Als ich dann beim Frühstück saß ...“ „ ... kamen Sie wieder in der Wirklichkeit an“, beendete ich den Satz. Sie nickte und sagte trocken: „Und das Elend ging weiter ...“ „Ja“, ich schaute sie an und kratzte mich verlegen am Kopf. Wir redeten noch eine kleine Weile über ihren Traum und das betretene Gesicht der Schwester. Darüber war sie sehr amüsiert. Die Zeiger der Uhr liefen gen Mitternacht. Fast alle schliefen nun friedlich.
Die Routine ging weiter.

Finchen1976 - 17. Mrz. 11, 15:43

Schöne (Alltags-)Geschichte wie ich finde.
Scheint eine wirklich süße alte Frau zu sein.
Und Du bist im Umgang mit Deinen Bewohnern gar nicht so griegrämig, wie Du manchmal rüberkommst! ;-)

bonanzaMARGOT - 17. Mrz. 11, 15:50

finchen, ich bin im alltag kein griesgrämiger mensch.
nachdenklich oft.
und wenn ich schreibe, kommt halt vorallem die nachdenkliche (und sarkastische) seite zum tragen.

die bewohnerin ist wirklich klasse. ich mochte sie von anfang an, auch als sie noch nicht so gesprächig war. es gibt ja nicht viele, mit denen man noch über "gott und die welt" reden kann.
Finchen1976 - 17. Mrz. 11, 15:53

Nachdenklich bin ich auch. Aber der GRUND-Unterton ist bei mir doch irgendwie anders. ;-)

Gott und die Welt... doch, mit meiner Oma auch. Die ist 85 und weiß Gott noch fit (ich bin sehr froh darüber).
bonanzaMARGOT - 17. Mrz. 11, 16:13

puuuuhh. keine ahnung. jeder ist, wie er ist. ich denke normalerweise nicht darüber nach, wie ich nach außen wirke.
schwermut und melancholie gehören bei mir zum gefühlsrepertoir. nur zeige ich das im alltag nicht unbedingt nach außen. aber wenn ich schreibe, gebe ich diesen dunkleren tönen mehr raum. ich finde das wichtig.
natürlich will ich damit niemandem auf den wecker gehen.
weder im privatbereich noch hier.
wen das runterzieht, was ich manchmal schreibe, dem empfehle ich eine andere lektüre.
Finchen1976 - 17. Mrz. 11, 16:13

Nö, kann ja jeder lesen, was er mag.
Mich zieht das nicht runter, ich würd Dich lieber manchmal raufziehen. ;-)
bonanzaMARGOT - 17. Mrz. 11, 16:21

wirke ich derart hilfsbedürftig?
Finchen1976 - 17. Mrz. 11, 16:24

Nee gar nicht.
MAANN, manchmal sind Männer auch nicht besser als Frauen... ;-) (immer alles in den falschen Hals kriegen).

Weil Du dann so negativ bist.
bonanzaMARGOT - 17. Mrz. 11, 16:28

man(n) hat so viele hälse ...

es ist sehr nett, dass du mich raufziehen willst.
jede nette unterhaltung zieht mich automatisch rauf.
menschliches einander verstehen zieht mich rauf.
gut ficken zieht mich rauf ...
Finchen1976 - 17. Mrz. 11, 17:11

Na das ist ja schonmal was. ;-)
bonanzaMARGOT - 17. Mrz. 11, 17:17

Total normal.
Lange-Weile - 18. Mrz. 11, 00:02

Zweizonen- Leben+Sehnsucht

Hallo Bo.,

die ältere Dame ist durch den Traum in die Zwischenwelt gekommen. Sie scheint eine aufgeweckte Frau zu sein, denn aus deinen Erzählungen erkennt man, sie nimmt noch am aktuellen Tagesgeschehen teil. Doch der andere Teil der Seele ist bei ihrem Mann und den Platz hat sie ja deutlich beschrieben.

Schön zu sehen, dass die Dame keine Angst gezeigt hat. Denn - für mich wäre es ein Albtraum - selbst vor der Urne hat sie keine Angst.

Diese Frau wird den Weg zu ihrem Mann sicher mit vollen Bewußtsein gehen. Damit meine ich, dass sie von keiner Demenz oder ähnlichen Rückzuges des Geister betroffen sein wird. Eine starke Frau. Wenn sie sich auf den Weg macht, wird sie vorher sicher ihr Interesse am Tagesgeschehen zurück ziehen.

Ich weiß ja nicht, ob die Zeit in deinem Job reicht, aber ich stelle mir vor, dass die älteren Menschen viele Geschichten zu erzählen haben und es spannend ist, ihnen zuzuhören. Ich mochte den Älteren als Kind schon gern zuhören und ich mag es auch heute noch. Besonders, wenn sie so einen frischen Geist haben, wie die Dame, von der zu erzählt hast.

Gruß LaWe


bonanzaMARGOT - 18. Mrz. 11, 19:36

hi lawe

die alte frau ist für mich sowas wie altersweise. sie hat keine angst vor dem tod.
unter den alten im altenheim, die ich betreue, stellt sie aber mit ihrer abgeklärten gesinnung eher eine ausnahme dar.
Thiara - 18. Mrz. 11, 10:19

Eine sehr schöne Geschichte, finde ich.
Ich lausche gerne den Geschichten von alten Menschen. Die haben meist mehr zu erzählen.

bonanzaMARGOT - 18. Mrz. 11, 19:32

vorallem können sie authentisch von zeiten erzählen, die wir jüngeren nicht erlebten. sie repräsentieren ein stück geschichte.

ein literarisches Tagebuch

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