Und kitzelt mich niemand, kitzele ich mich selbst


... nach längerer Zeit wieder am Hören von The Who - „Quadrophenia“. Ich strapaziere die Zimmerlautstärke und hoffe, dass die Vermieterfamilie, die unter mir wohnt, dadurch nicht belästigt wird. Mein Gott, die Platte kam 1973 raus! Ende der Siebziger sah ich den Film „Quadrophenia“ im Kino und war begeistert - auch jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, habe ich noch dieses Gänsehaut-Gefühl. Meiner Meinung nach ist solche Musik einfach zeitlos!
Jedenfalls passt die Rockmusik von The Who wunderbar in einen Sonnntag des deutschen Spießerwunderlands. Es wäre sonst fast Friedhofsstille hier im Haus. Was sagte damals in der Eichbaumstube ein älterer behäbiger Barkeeper desöfteren: „Und kitzelt mich niemand, kitzele ich mich selbst.“ Ist auch schon ein gutes Weilchen her, und normalerweise kann ich mir Sprüche nicht merken - aber dieser prägte sich mir ein. Jetzt darf ich nur nicht losheulen bei dieser Musik und all den Erinnerungen ...
Die Eichbaumstube war in Stadtnähe, eine Flasche Export kostete dort nur ca. die Hälfte von dem, was man in den Cafés im Zentrum bezahlen musste. Ich machte damals die Ausbildung zum Altenpfleger, berufsbegleitend, und vor dem Nachmittagsunterricht ging ich in diese abgerissen wirkende Kneipe, trank ein paar Bierchen und studierte meine Unterlagen - wenn z.B. eine Prüfungsarbeit anstand. Nüchtern ging ich selten in den Unterricht. Mit Mitte Dreißig nochmal die Schulbank zu drücken, war nicht gerade nach meinem Geschmack. Doch war es so gekommen - dies zu erörtern, vielleicht ein andermal.
Die drei Jahre zogen sich ganz schön in die Länge. Richtig motiviert blieb ich nur im ersten Ausbildungsjahr. Irgenwie war ich während meiner gesamten Schulzeit selten länger als ein Jahr durchgehend motiviert. Wenigstens hatte ich als Erwachsener ein ganz anderes Selbstbewusstsein, und war nicht mehr so scheu wie als Kid in Grundschule und Gymnasium. (Das lag nicht nur am Bierkonsum in der Eichbaumstube.) Ab und zu ließ ich es die Lehrkräfte spüren, was mir im Nachhinein schon etwas leid tut. Vieles, was man über die Altenpflege lernt, ist bis heute einfach zu abstrakt und wird dem tatsächlichen Pflegealltag und den Problemen nicht gerecht - eben der uralte Konflikt zwischen Theorie und Praxis.
Trotz meiner kritischen Haltung und meiner Besäufnisse blieb ich lange Zeit der Klassenbeste. Erst im dritten Jahr ließ ich etwas nach, weil ich zunehmend die Schulstunden schwänzte. Einige schmissen die Ausbildung vorzeitig (berufsbegleitend ist nicht gerade Zuckerschlecken), so dass wir gegen Ende nur noch 16 waren, ich als einziger Mann unter einer Schar gackernder Hühner. Lediglich zu einer Frau, die im Unterricht neben mir saß und das ganze ähnlich locker sah, hatte ich ein besonderes Verhältnis. Sie hatte den Charme und die große Klappe dazu, fast alle Lehrer, insbesondere die männlichen (vorallem den Gerontologielehrer) um den Finger zu wickeln. Sie war einfach ungeheuer ungezwungen in ihrem Auftreten und dem Zeigen ihrer fraulichen Reize - die sie hatte ... wow!
Wir hielten Händchen und kokettierten miteinander, während der Gerontologielehrer seine endlosen Tafelanschriebe verfasste. Eigentlich hätten wir früher oder später im Bett landen müssen, aber da funkte mir ein Typ aus der Parallelklasse dazwischen, mit dem sie ständig Dope rauchte und ein Verhältnis einging.
Als 1998 die letzten Prüfungen überstanden waren, nahm ich nicht an der Abschlussfeier teil und sah meine Mitschülerinnen nie wieder. Ähnlich wie nach den Abiturprüfungen fühlte ich mich gar nicht sonderlich besser. Es war etwas rum, was mir sowieso lange keinen Spaß gemacht hatte. Es fiel von mir ab wie ein schon vorher abgestorbenes Körperteil.
Die Eichbaumstube besuchte ich dann auch immer seltener. Neben des Spruchs des beinahe greisen Barkeepers („Und kitzelt mich niemand, kitzele ich mich selbst.“) erinnere ich mich an die „Drei Affen“, die als kleine goldene Figur auf dem Regal gegenüber dem Tresen standen und an die griechische Chefin, die immer hautenge Hosen trug, dazu ein verdammt weites Dekolleté ...

Noch drei Songs von „Quadrophenia“. Ich weiß, dass ich damals im Kino bei den letzten Titeln „The Real Me“ und „I Am The See“ die Tränen nicht zurückhalten konnte.

Nein, es gibt kein Happy End.

Finchen1976 - 28. Feb. 11, 13:07

Kein Happy-End.
Aber ein paar Erinnerungen.
Mal schön, mal weniger schön. Das ist doch eh meist so im Leben. ;-)

Immerhin hast Du es durchgezogen.
Der Stolz darauf fehlt mir nur hier in Deinem Beitrag. ;-)

bonanzaMARGOT - 28. Feb. 11, 13:51

Du hast recht: Ich habe schon einiges im Leben bewältigt. Aber darauf stolz sein? Ich bin der Auffassung, dass jeder Mensch stolz sein kann, ganz unabhängig von irgendwelchen Leistungen.
Ich hatte zwischendurch auch etwas Glück und Hilfe.
Man muss sich mit seinem Schicksal anfreunden, dann geht es immer irgendwie weiter ...
Finchen1976 - 28. Feb. 11, 15:50

Ja, das ist doch mal ein lobenswerter Denkansatz (dass jeder stolz sein kann). Und so wahr.
bonanzaMARGOT - 28. Feb. 11, 16:10

Es gibt aber auch Menschen, die es anders sehen ...

Jede Kreatur ist es wert, auf der Welt zu sein.
Das bedeutet freilich nicht, dass jeder machen kann, was er will.
Es bedeutet gleichsam nicht, dass wir Menschen mit anderen Meinungen und anderem Verhalten verurteilen bzw. maßregeln. Das Leben verlangt von uns desöfteren, dass wir über den eigenen Schatten springen.
Dann aber auch wieder, dass wir für unsere Meinungen streiten - dabei den Respekt vor den andersdenkenden Mitmenschen nicht verlieren ...
Lange-Weile - 28. Feb. 11, 18:24

die Schere

Hallo Bo.,

>meine Famile erlebte mich in den letzten Jahren nur auf der Schulbank sitzend. Dies tat ich freiwillig und fühlte mich als "Umschülerin" in meine Jugendzeit zurück versetzt. Damals - kurz nach der Wende - saßen wir Teilnehmer alle im selben Boot. Alle hatten wegen der zahlreichen "Abwicklungen" ihren Job verloren und niemand hatte in irgendeiner Form eine höhere Positon, als die, die man ganz unten findet. Während der 2 gemeinsamen Jahren zogen wir - der harte Kern - sogar für ein paar Tage nach Dänemark an den Strand. Ein großes Lagerfeuer mit einem meiner schönsten Besäufnisse, die ich hatte. Weil ich vom Strand nicht mehr zu meinem Zelt kam (5 Minuten Fußweg) schlief ich am Strand in einem Schlafsack eines Mitschülers. Das war ein NVA-Schlafsack und damit hätte ich auch -20 ° wohligwarm überstanden. Die warmen Sonnenstrahlen im einem Gesicht war der erste Konatkt mit der Außenwelt. Mein Mitschüler saßen bei mir und weckten mich sanft und die Party ging weiter.

Ein Jahr später zog es uns noch mal an den Strand von Dänemark und diesmal zog es auch noch andere mit. Sie wollten auch Party am Strand machen. Einer von ihnen war ganz heiß drauf, doch 99% meine Mitschüler war von der Woche erschöpft und kroch schon vorzeitig ins Zelt. Also sprang ich für den Rest der Truppe in die Bresche und durchzechte mit ihm allein die Nacht bis in den Morgengrauen. Als ich erschöpft ins Zelt kroch, krochen die anderen aus ihren Zelten. Später machten sie Schulterklopfen, weil ich für sie die Stange gehalten hatte und den "Neuling" mit schöngeistigen Getränken und entspechende ausdauernde Gespräche durch die erste Nacht am Zeltpaltz in Dänemark brachte.

Einige Jahre später hatte ich mir die nächste berufstbegleitende Ausbildung organisiert. Doch da war alles ganz anders. Einige von den Teilnehmer war schon was besseres, hatte sich schon wieder einen Status erobert und so klaffte auch zwischen uns die Schere auseinander. Aber zu einer Gartenparty haben wir es dann aber doch noch gebracht, von der ich nach Haus gebracht wurde - oh mein Gott, wir haben Sangria getrunken. Das Zeug hab ich seid dem nie wieder angefaßt.

Schöne Zeit - diese Schulzeit. So stellte sie sich für mich dar. Doch die Veränderung nach wenigen Jahren war schon zu erkennen. Während der ersten Ausbildung waren wir alle in Aufbruchstimmung und die zweite war schon von Unzufriedenheit einiger Teilnehmer geprägt. Nicht zuletzt, wegen der Lehrer, die eigendlich keine waren und endlose Folien an die Wand warfen, die wie ein schnellwirkendes Schlafmittel auf mich wirkten. Damals entwickelte ich eine Technik, mit offenen Augen zu schlafen, ohne vom Stuhl zu fallen ;-).

Das was gelehrt wurde, war nicht schlecht und sicher richtig, doch die Realität sah anders aus. Es war ähnlich wie die Theorie des Sozialismus. Im geschützten Schulraum versprach er die heile Welt, jedoch sah er in der Realität wie in der Steinzeit aus. Die Schere zwischen Theorie und Praxis war fast unerträglich.

Ähnlich sah es auch mit dem Lehrstoff der Umschulungen und Weiterbildungen aus. Gutes und gesichertes Wissen wirde vermittelt, jedoch konnte man es in der Parxis kaum anwenden. Was sich lange hielt, war der Frust, weil man die neuen erlernten Erkenntnisse schnell wieder begraben musste.

Gruß LaWe


bonanzaMARGOT - 01. Mrz. 11, 10:55

hi lawe!

ja, party am strand! toll!
wir fuhren im dritten lehrjahr zusammen mit zwei lehrern für eine woche nach italien ans mittelmeer. dort hatte die schule schulungsräume. bis mittag wurde gebüffelt, und danach gingen wir in gruppen in die stadt oder an den strand. es war zwar schon mitte september, aber wir hatten glück mit dem wetter.

es gab schon einige highlights in den drei jahren! aber insgesamt war die zeit zu lang ..., so dass es für die meisten zur quälerei wurde. und, wie gesagt, wurde viel gepaukt, was man kaum anwenden kann. hätte man sich auf ein paar sinnvolle schwerpunkte beschränkt, und die dafür richtig vertieft, wäre die ausbildung wahrscheinlich um die hälfte kürzer aber effektiver gewesen.

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