Die Busfahrt


Es ist mal wieder vollbracht. Gedachter Indianertanz um ein Feuer, in dem die Nachtdienste brennen. Mein Gott, war ich gestern Nacht müde! Seit ich alleine Nachtdienst mache, weiß ich, wieso Schlafentzug eine Folter ist. Ich gerate in eine Art Halbwelt und sehe mich selbst von Bewohnerzimmer zu Bewohnerzimmer hasten. Es ist eine Form bewussten Schlafwandelns. Jede Treppenstufe tut weh. Und wenn ich für ein paar Minuten zur Ruhe komme, werden die Augendeckel tonnenschwer. Ich gleite ab in die Traumwelt, aus der mich aber der Brummer meines Diensttelefons wieder herausreißt – die nächste Klingel … wieder hoch und abbiegen in den Stationsflur …
Unwirklich sind die Nächte, unwirklich sind die Alten in ihren Betten, unwirklich ist meine Arbeit von Windelwechseln und Bettschüsseln leeren …, unwirklich ist manchmal schon die Anfahrt mit dem Bus ...
Vier angetrunkene junge Leute saßen zusammen, drei Milchbubis und eine junge Frau. Ich weiß nicht, was sie feierten, jedenfalls lallten sie lautstark herum. Ich nehme an, sie waren Abiturienten, die sich frisch an der Uni eingeschrieben hatten. Irgend so was krakeelten sie zwischen ihrem dummen Suff-Gelaber. Ätzend aber harmlos. Ich blickte in die Gesichter der anderen Fahrgäste. Die schauten fast alle betröpfelt drein. Auch meine Nerven waren strapaziert. Sollte ich den Vieren was vom Leben erzählen? Blödsinn, die würden eh nicht die Spur in diesem Zustand kapieren. Und überhaupt: sollen sie doch ausgelassen und doof sein – der Ernst des Lebens schlägt früh genug zu, oder? Anstatt mich also aufzuregen, betrachtete ich die Milchbubis - das Mädel war inzwischen an einer Haltestelle ausgestiegen. War ich auch mal so? Sie stritten sich um eine Wodkaflasche. Wir begnügten uns damals mit Bier. Ich habe Respekt vor so scharfem Zeug. Das vernebelt dir in Nullkommanichts den Geist bis zur Bewusstlosigkeit. Du hast da gar keine Chance mehr zu reagieren. Bei Bier ist der Übergang in den Rausch viel weicher. Und gerade die Übergänge sind doch beim Alkohol das Schöne. Der eine der Milchbubis war dunkelhäutig und kokettierte mit seiner Abstammung. Er sagte, dass er zuhause ein Kamel hätte … Der ihm gegenüber sitzende war ein richtiges kleines überhebliches Arschloch von der Sorte Arztsohn. Und der dritte, der am Fenster saß, schwieg. Vielleicht hatte er schon genug und befand sich in der introvertierten Phase. Oder er war sowieso ein introvertierter Typ.
Die Busfahrt hoch zum Altenheim dauert kaum zwanzig Minuten. Manchmal kann das sehr lange sein. Am „Schriesheimer Hof“ stiegen die meisten aus. Einem Penner riss der Henkel seiner Plastiktüte, und seine Essenseinkäufe lagen verstreut auf dem Boden. Die Milchbubis lachten. Ich hatte eine Nacht im Altenheim vor mir. Mir war zum Kotzen. Und ich kam nicht raus aus diesem Film.

ein literarisches Tagebuch

boma hoerbar

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