Unmerkbar


An einem Sonntag vor 48 Jahren - was war da noch mal? Ich wälze mich unruhig im Bett hin und her. Die trockene Heizungsluft macht mir Juckreiz im Nacken und auf den Schultern. Der Bundestag diskutiert erst über die „Mission Impossible“ der deutschen Soldaten in Aghanistan und später über den Mindestlohn. Inzwischen sitze ich am Schreibtisch und überlege mir, wie ich den Tag vor dem Nachtdienst heute Abend verbringe. Ich zünde eine Kerze an und trinke Kaffee. Ein richtiger Wintertag. Es liegt nicht allzu viel Schnee - vielleicht vier Zentimeter, schätze ich anhand des weißen Streifens auf der Balkonbrüstung.
Draußen steht das Fahrrad mit einem Plattfuß am Hinterrad. Die Serie der Pannen setzt sich fort. Aus mangelnder handwerklicher Befähigung werde ich genötigt sein, ein Fahrradgeschäft aufzusuchen. Wie auch immer ich es bewerkstelligen werde - es wird umständlich. Vier Altenheimnächte liegen vor mir. Ein Elend. Vielleicht wechsele ich besser das Programm. Ich fühle mich, als hätte ich Beton in den Eingeweiden.
Nett war das Gespräch mit dem türkischen Taxifahrer vor zwei Tagen. Er wollte mich gar nicht aussteigen lassen. Er machte mir Mut. Ganz so verzweifelt fühlte ich mich aber doch nicht. Fast die gesamte Fahrt über hatten wir geschwiegen, und dann auf den letzten zwei-drei Kilometern ergab ein Wort das andere. Ich schätzte ihn um die Fünfzig, und offensichtlich war er gerade ein Leidensgenosse, was die Liebe angeht.
„Das Leben ist ein Kampf“, sagte ich. Sagte ich das wirklich? Die Erinnerung ist undeutlich, als hätte man eine große Lücke reinradiert. Nur die Umrisse blieben übrig.
„Werde ich Sie wiedersehen?“ fragte er.
„Bestimmt auf einer der nächsten Fahrten ...“, lächelte ich. Auf dem Weg zur Haustür winkte ich ihm zu.
Ich nehme ganz gern ein Taxi aus der Stadt zurück. Solange es der Geldbeutel erlaubt. Eigentlich erlaubt er es nicht. Manche Taxifahrer sind gute Gesprächspartner. Es scheint, als ob sie an einer ähnlichen Form von Einsamkeit leiden.
Inzwischen schaltete ich von der Debatte um den Mindestlohn auf die Comedy-Serie „Two and a Half Men“ um. Eine alte Folge. Aber ich mag die Komik auch noch in den Wiederholungen: Es ist Pfefferminz fürs Gehirn. Nebenbei. Etwas Charlie Sheen steckt auch in mir. Aber vielleicht wünsche ich mir das nur. Sollte ich es mir wünschen? Wie alt ist dieser Schwerenöter eigentlich inzwischen?
(Google-google ...)
O! Erst Fünfundvierzig! Da könnte ich sein älterer Bruder sein.

Freni (Gast) - 16. Dez. 10, 16:28

Flickzeug

Du kannst aber eine Schlauch flicken, oder?
Manchmal treffe ich zum Feierabend auf dem Flur unsere Reinigungsfachkräfte. Zwei fleißige und liebenswerte Frauen. Wir schwatzen dann meist so 10-15 Minuten und ich bringe sie zum lachen. Dieses Ritual tut mir und den Frauen gut ;-)

bonanzaMARGOT - 16. Dez. 10, 16:38

bei einer kettenschaltung ist das abmontieren des hinterrads ohne richtiges werkzeug nicht einfach. und da ich darin nicht geübt bin - ein plattfuß am hinterrad passiert, gott sei dank, nur alle paar jahre - überlasse ich die reparatur lieber fachleuten.
apropos tauscht man (heute) einen kaputten schlauch besser vollständig aus, als ihn zu flicken, wenn man kein risiko eingehen will. meistens sind die schläuche eh verschlissen.

ja, solche talks führe ich auch gern: z.b. mit barkeepern oder mit den alten im altenheim, die noch etwas fitter sind, oder eben mit taxifahrern ...
aber auch gern auf den blogs.

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