Der grüne Ferrari


Das tiefe Gurgeln einer Rennmaschine übertönt die auf gut Zimmerlautstärke gestellte Musik. Ich linse aus dem Fenster und erblicke den grünen Ferrari auf der Straßenseite gegenüber. Ein arabisch aussehender Typ (oder Türke) um die Dreißig lässt den Motor zum Spaß laufen. Spontan denke ich „Idiot“… Obwohl: man kann Arschlöchern nicht unbedingt ansehen, dass sie Arschlöcher sind, und umgekehrt. Ich versuche immer gegenzulenken, wenn ich solcherlei Vorurteile an mir bemerke. Mit den Zigeunern ist das genauso. Sie erscheinen nur ätzend, weil einem ihre Kultur fremd ist. Stehlen und Betteln sind aus ihrer Sicht anerkannte Professionen… Und sowieso ist nicht jeder wie jeder. Eh klar.
Der Typ steigt aus, lehnt sich lässig ans Auto und telefoniert. Ich sehe, dass er eine Bodybuildingfigur und einen Jesusbart hat. Kurze Zeit später hält ein dicker Benz neben dem Ferrari und versperrt meine Sicht. Einige Minuten passiert gar nichts. Schließlich steigt der Bodybuilder in den Benz, in dem ich einen Kumpel von ihm vermute, und sie düsen davon. Was die wohl vorhaben, denke ich, bestimmt besuchen sie ihre Tante in Neukölln und trinken Kaffee. Sehr schön. Multikulti eben. Dazu passt, dass dieses Wochenende in Berlin der Karneval der Kulturen stattfindet. Nein, ich gehe nicht hin. Mit Anhang würde ich vielleicht. Aber allein fühle ich mich im Strom der vielen Menschen nur noch einsamer. Außerdem sehe ich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft schon genug… Gesocks.
Das klingt (vielleicht) arrogant, aber insgeheim weiß ich, dass ich keineswegs besser bin als die Zigeuner und Araber. Die haben wenigstens Mumm. Sie nehmen sich, was sie kriegen können und scheren sich einen Dreck um Legalität und Gesetze. Ich dagegen sitze gefrustet mit meinem anerzogenen Rechtsempfinden und Gutmenschentum in meiner Hütte… Wer ist also hier der Idiot? Ich! Genau, ich bin der feige Volltrottel!
Wo ist eigentlich der Ferrari hin? Nun ist der auch weg. Vor lauter Kack-Gedanken kriegte ich es gar nicht mit.

ein literarisches Tagebuch

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