Ausklang


Am Ostersonntag wollte keine ausgelassene Stimmung mehr aufkommen. Die Welt um mich herum betrachtete ich mit feindseligen Augen. Da halfen auch Schnitzel und Spätzle im Medocs nicht. Was hatte ich mit all diesen Menschen zu tun? Menschen, die wie Ratten die Stadt bevölkerten und genau wussten, warum sie hier waren und was sie zu tun hatten. Ähnlich wie auf der Zugfahrt kam mein Kopf nicht zur Ruhe. Eine innere Unruhe trieb mich von Kneipe zu Kneipe, um die Zeit totzuschlagen. Ein Spaziergang am Neckar wäre rückblickend sinnvoller gewesen.
Am Abend zuvor hatte ich mir spontan eine Karte für „Zwei Herren im Anzug“ gekauft. Der Film lief im Gloria, einem Kino in der Altstadt. Nun schaute ich ständig auf die Uhr und überlegte, wo ich die restlichen Stunden bis zum Vorstellungsbeginn 18 Uhr 30 verbringen sollte. Schließlich verschlug es mich in die Destille, ein gutes Plätzchen zum Ausharren an der Theke. Zufrieden nahm ich zur Kenntnis, dass die Bar fast leer war. Eigentlich war da nur eine Studentin als Bedienung und ein offenbar befreundetes Pärchen, das schon einiges intus hatte. Die Freundin jedenfalls, a typical american stupid girl, quatschte und lachte hell und laut fast ohne Unterbrechung, wobei sie regelmäßig Hochprozentiges nachforderte. Oh Gott! dachte ich, kein Schwein hält das hier lange aus. Aber jetzt noch mal die Kneipe wechseln? Der Bedienung schien es schnurz zu sein, dass durch das Benehmen ihrer Freundin die Gäste vergrault wurden. Ich schaute auf die Uhr: Noch eine knappe Stunde, die würde ich wohl rumkriegen. Ich klammerte mich an mein Bier und betrachtete die Bilder, die ringsum hingen. Ein einheimischer Künstler präsentierte seine Werke. Brauntöne dominierten. Lediglich eins der Bilder gefiel mir in seiner Komposition... Die junge amerikanische Dame ließ derweil nicht nach. Ihr war es scheißegal, dass ihre aufgedrehte Heiterkeit auf andere womöglich überhaupt nicht erheiternd wirkte. Dabei eine hübsche Frau, Mitte Zwanzig, ein Hingucker für die Männlichkeit. Die Natur hatte schon komische Launen: Schönheit in der Hauptsache als Mittel zum Zweck. Summ-summ-summ. Ich reagierte schon immer allergisch auf zu viel Oberflächlichkeit...
Ein erneuter Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es Zeit war.
„Zwei Herren im Anzug“ von und mit Josef Bierbichler. Eine bayrische Familienchronik – drei Generationen, zwei Weltkriege, ein Seegasthof. Etwas überbemüht das Ganze. Nach 140 langen Minuten wurden die Kinobesucher erlöst. Freilich weiß ich nicht, wie`s die anderen empfanden. Ich jedenfalls war reif für die Koje.





Treibgut - 14. Apr. 18, 18:28

Heimat

Dein schriftstellerisches Talent ist für mich deutlicher erkennbar als der Zweck dieser Reise in die verlorene Heimat.

bonanzaMARGOT - 14. Apr. 18, 18:48

Ich wollte meine Eltern sehen... meine Heimat. Aus Sentimentalität schätze ich.
Treibgut - 16. Apr. 18, 00:03

.... meine "Kindheitsheimat" habe ich nun schon seit über 30 Jahren gemieden. Aber vielleicht fahre ich doch noch mal nach Lübeck - allein, um Photos für den Blog zu machen.
bonanzaMARGOT - 16. Apr. 18, 05:34

dabei ist lübeck ein schönes städtchen...
Treibgut - 24. Apr. 18, 21:56

... vielleicht aber auch Ort einer gescheiterten Kindheit.
bonanzaMARGOT - 25. Apr. 18, 04:40

verstehe.
wenn man zu viele negativen erinnerungen mit einem ort verknüpft - kommt wahrscheinlich auch auf die intensität an -, dann wird der ort zum roten tuch für einen, auch wenn der ort an sich gar nichts dafür kann.

ein literarisches Tagebuch

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