Die Berliner Krankheit


Alles fing mit Anomalien an, welche man einer schlechten Verarbeitung der Werkstoffe zuschrieb. Dinge verformten sich, bekamen Beulen oder zerfielen in ihre Bestandteile. Diese Erscheinungen wurden bei nahezu allen Gebrauchsgegenständen beobachtet. Nach einiger Zeit waren selbst größere Objekte wie Autos, Bahnen und schließlich ganze Häuser und Straßen betroffen. Eine Art Virus schien die Dinge anzugreifen und zu beschädigen. Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass sich die Struktur der Materie auf molekularer Ebene veränderte. Die werkstoffspezifische Differenzierung ging verloren. Die Materie verwandelte sich nach und nach zu einem sich ausbreitenden amorphen Brei. Das Phänomen erinnere stark an das Verhalten von Krebszellen, sagten einige Forscher. Doch die meisten hielten solche Vergleiche für an den Haaren herbeigezogenen Blödsinn, ein Bioorganismus sei etwas völlig anderes als eine Stadt…
Seltsamerweise waren diese Veränderungen bis dato nur in Berlin beobachtet worden. Jenseits des sogenannten Speckgürtels wurden sie nicht gesichtet.
Inzwischen mussten ganze Häuserzüge evakuiert und Straßen gesperrt werden. Der Nahverkehr brach fast vollständig zusammen. In einer außerordentlichen Krisensitzung des Senats wurde beschlossen, die Stadt unter eine Art Quarantäne zu stellen, bis die Ursache des Zerfalls geklärt sei. Wer Berlin verlassen wollte, musste sich nackig machen. Es durften absolut keine Dinge mitgenommen werden, nicht mal die Kreditkarte, geschweige denn Geld. Da man das Herausschmuggeln von Wertsachen befürchtete, wurden die Menschen an den eingerichteten Grenzstellen akribisch untersucht. Viele fühlten sich an DDR-Zeiten erinnert, aber nun sei es noch viel schlimmer. Die stolze Hauptstadt verwandelte sich zusehends in ein Trümmerfeld. Auch dieses Bild kannte man aus der Geschichte.
Die Wissenschaftler standen vor einem Rätsel: So etwas hätte es noch nie gegeben – nicht im ganzen Universum; die Materie mache, was sie wolle, als wären Atome und Moleküle nicht mehr von dieser Welt. Gott sei Dank betraf es nur von Menschenhand produzierte Dinge. Im Zuge der schrecklichen Ereignisse stellten sich viele Fragen: Wo nahmen die Veränderungen ihren Anfang? Waren künstliche, wie auch immer geartete Viren aus einem geheimen Forschungslabor entwichen? Handelte es sich dabei um einen neuentwickelten Kampfstoff, der nur tote Materie angriff? War das Ganze ein heimtückischer Anschlag? Wurde der Bevölkerung mal wieder etwas vorenthalten? Lässt sich diese „Epidemie“ aufhalten? Ist Berlin noch zu retten?
Im Internet kursierten jede Menge Theorien. Da wurde von Materie-Krebs gesprochen, von einem Unfall in einem Geheimlabor, von einem Terrorakt, von der Berliner Krankheit (was auch immer das heißen mag), von einem Angriff Außerirdischer… Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt.
Obwohl man alles zurücklassen musste, verließen immer mehr Berliner ihre geliebte Stadt. Ein normales Leben war unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Es grenzte an ein Wunder, dass überhaupt noch was ging. Früher oder später würde sicher auch das Stromnetz zusammenbrechen. Niemand wollte in einer Ruinenstadt leben. Selbst die Gauner hatten keinen Spaß mehr. Die Sachen, die sie klauten, waren nur noch in Berlin von Wert, und das auch nur, solange sie heil blieben. Einige hofften freilich, dass der Spuk einfach eines Tages aufhörte, wie er begonnen hatte, und harrten aus.
Möglicherweise wachte man eines Morgens auf und registrierte erleichtert: …nur ein böser Traum! Der Blick aus dem Fenster zeigte das vertraute, funktionierende Berlin. Alles stand an seinem Platz, kein Ding war absonderlich, der Verkehr staute sich wie üblich in den Straßen, Waschbecken und Klo unverformt, und die Wände hatten keine Beulen… Es herrschte wieder der ganz normale Wahnsinn – ungeheuer beruhigend!

steppenhund - 14. Okt. 17, 12:37

Gute Geschichte

Daraus könnte man einen Roman machen ...

bonanzaMARGOT - 14. Okt. 17, 12:39

das könnte man...
rosenherz - 15. Okt. 17, 20:17

Tote Materie? Einstein meinte, Materie ist nur "gefrorener Geist".
Hans-Peter Dürr, viele Jahre Direktor des Max-Planck-Institutes für Physik, Schüler Heisenbergs und Schrödingers, brachte es mit einfachen Worten auf den Punkt:
„Materie ist im Grunde nicht Materie. Deshalb habe ich eingangs erwähnt: Ich habe fünfzig Jahre über Materie gearbeitet, die es gar nicht gibt. Wir können uns das nicht vorstellen…. Es gibt nur Beziehungsstrukturen, es gibt keine Objekte. Die Frage, was ist und was existiert, kann so nicht mehr gestellt werden.“

bonanzaMARGOT - 16. Okt. 17, 05:30

im text philosophiere ich nicht über materie.
es ist eine kleine absurde, phantastische geschichte - eine phantasie, ein tagtraum hauptsächlich inspirativen charakters.

wenn man die geschichte z.b. zu einer erzählung ausbauen würde, könnte man stellenweise, was die natur v. materie angeht, in die tiefe gehen.
rosenherz - 15. Okt. 17, 20:30

Nun ja, Materie-Krebs. Krebs kann nur lebende Organismen befallen. Bisher. In der Pflanzenwelt sind es Pilze, die Materie zersetzen und somit beitragen, Materie von einer Stoffform in eine andere Stoffform zu übertragen - zum Beispiel aus einem Haufen Scheiße fruchtbare Erde machen.

Nette Phantasie. Allerdings, mir kommt bei diesem literarischen Gedankenspiel unglaubwürdig vor, dass alle "tote Materie" von der Auflösung so ziemlich zeitgleich betroffen zu sein scheint, unabhängig von ihrer inneren Beschaffenheit.

bonanzaMARGOT - 16. Okt. 17, 05:34

wie du es sagst: nur eine nette phantasie... mehr wollte der text nicht sein. das schöne an phantastischen geschichten ist, dass darin dinge und vorgänge möglich sein können, welche real bzw. wissenschaftlich gesehen unmöglich sind.

ein literarisches Tagebuch

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