Schreiben oder Nichtschreiben


Muss ich etwas schreiben, wenn ich keinen rechten Bock dazu habe und besser an die frische Luft gehen sollte, um nicht am eigenen Mief zu ersticken…? Soll das Schreiben zur Pflicht oder zur lästigen Aufgabe werden, die ich erfüllen muss, um mich gut zu fühlen? Warum entspanne ich mich nicht einfach und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein?
Ähnlich wie ein Fotograf durch die Landschaft läuft und sich bei allem, was er sieht, überlegt, ob es ein gutes Motiv zum Knipsen hergibt, betrachte ich meine Gedanken und warte auf jene, von denen ich glaube, dass ich sie notieren muss, um sie nicht zu verlieren. Trotz dieser Aufmerksamkeit vergesse ich um ein Vielfaches mehr von den kostbaren Gedanken, als ich zumindest ansatzweise bewahren kann. Oft ist es so, dass mir das Beste gerade dann in den Sinn kommt, wenn ich den Stift zu Seite legte.
Meine Tagträume sind ebenso flüchtig wie ihre nächtlichen Kameraden. Zurück bleiben Ahnungen – zu schnell wird das Gedachte oder „Gesehene“ von den darauffolgenden Eindrücken zugeschüttet. Mit dem Schreiben will ich wenigstens ein paar Inhalte festhalten...
Ich denke: Muss es nicht jeder Kreatur mit Bewusstsein ähnlich gehen? Kann es einen Weg außer dem Tod aus diesem Albtraum Leben geben? Oder bleibt alles immer nur Traum – nur eben in anderen Daseinsräumen? Stellt sich das Bewusstsein letztendlich als Farce heraus?

rosenherz - 30. Sep. 17, 16:30

Wer - außer dir selbst - könnte dir die Frage im letzten Satz beantworten? Fragen sind immer auch Fragen an das eigene Selbst.

bonanzaMARGOT - 30. Sep. 17, 16:39

Das Bewusstsein (oder das, was wir dafür halten), ist ein Phänomen, welches nicht alleine mich angeht.
Eine einzige Frage kann nur ich selbst beantworten, die heißt: Wer bin ich?
rosenherz - 30. Sep. 17, 23:55

Jeder Gedanke hat eine Kraft, die wirkt. Wir müssen die aufgegriffenen Gedanken auch psychisch verdauen können im Zusammenspiel zwischen Seele und Geist. Wenn du das Bewusstsein anzweifelst, als Farce vermutetst, so betrifft das in erster Linie dich als Fragesteller, als zweifelnder Mensch. Muss aber nicht zwangsläufig für andere Menschen gelten.
bonanzaMARGOT - 01. Okt. 17, 06:38

es ist z.b. wissenschaftlich nachgewiesen, dass entscheidungen, die wir meinen, bewusst "jetzt" zu fällen, bereits kurz vorher im gehirn eingeleitet werden.
die frage nach dem bewusstsein des menschen stellt sich nicht nur persönlich sondern auch wissenschaftlich. auf diesem gebiet ist noch vieles zu erforschen. es ist auch eine frage, was wir uns unter bewusstsein vorstellen - wie weit bewusstsein gehen kann, welche unterschiedlichen formen von bewusstsein denkbar sind, und zu welchem zweck es bewusstsein gibt.
natürlich ist es primär auch meine sache, wie ich bewusstsein in meinem dasein erlebe.
rosenherz - 30. Sep. 17, 16:38

Du schreibst von flüchtigen, nächtlichen Träumen. Bei mir erscheint das anders. An manchen Tagen tauchen Traumerinnerungen auf, die mich über Jahre oder sogar Jahrzehnte begleiten und die ich aufs Detail hin erinnere und kenne. Und in den Träumen sind sogar Ideen dabei, wie ich zur Lösung von einem Problem komme oder der nächste Schritt in einer schwierigen Situation.

bonanzaMARGOT - 30. Sep. 17, 16:45

In mir taucht auch oft die Vergangenheit auf, aber bis dato nie so konkret, wie du es beschreibst.
Emotional trage ich meine Vergangenheit stets bei mir.
rosenherz - 01. Okt. 17, 15:52

Deine ursprüngliche Frage lautet schreiben oder nichtschreiben. Ich bemerke, schreiben kann vieles bedeuten. Für dich ist ein halten oder festhalten von Inhalten, um sie der raschen Vergänglichkeit zu entreißen. Vielleicht auch Ausdruck, was Eindruck bei dir hinterlassen hat.

Für mich beispielsweise bedeutet Schreiben unter anderem, einen Zeitbogen zu spannen von meiner eigenen Geschichte bis zu meinen Enkelkindern und darüber hinaus. Ausgehend vom Erlebten meiner Kindheit, der Generation meiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, bis in die Gegenwart. Und in die Zukunft. Wenn die Enkelkinder selbst erwachsen sind, können sie eines Tages persönliche Zeugnisse der familiären, gesellschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Entwicklung nachlesen. Erst gestern habe ich mich mit meinem Mann über die 1970er Jahre unterhalten, wie damals in Ö das gratis Schulbuch eingeführt worden ist und welche Bedeutung das hatte. Jetzt stehen die Enkelkinder an einer ähnlichen Schwelle der Änderung im Bildungssystem, es soll das gratis Tablett eingeführt werden in den Schulen.

bonanzaMARGOT - 02. Okt. 17, 05:26

motive fürs schreiben können wechseln.
auch ich schaue dann und wann in die vergangenheit und schreibe darüber. sowieso fließt die vergangenheit indirekt immer in die gegenwart ein. wie wurden wir zu den menschen, die wir heute sind? welche phasen durchlebten wir? wie erlebten wir die gesellschaftliche entwicklung mit ihren mannigfaltigen veränderungen über die jahrzehnte? alles sehr interessant und bietet genügend schreibstoff.
mein hauptmotiv des schreibens ist das eintauchen in meine innenwelten, in mein befinden und meine gedanken - das was wir bewusstsein nennen. manchmal fühle ich mich müde und lustlos. alles um mich herum verliert an wert und spannung. vielleicht psychisch ganz normal. was soll man auch ständig aus sich herauskitzeln? wozu? für wen?
schreiben oder nichtschreiben. das ist weniger eine frage als vielmehr ein alternierender zustand. irgendwas treibt mich letztlich dazu, zeugnis abzulegen - dass ich als mensch, als bewusste kreatur, existiere. oder ist alles eine farce?
rosenherz - 02. Okt. 17, 11:25

Ich nehme einen Satz aus deinem Kommentar heraus, um mich ihm näher zu befassen: "alles um mich herum verliert an wert und spannung." Materielle oder immaterielle Werte bekommen erst ihren Wert durch Zuschreibung, den wir dem geben als Mensch, und die Bezüge die wir dazu herstellen. Zum Beispiel eine simple Kaffeetasse. Mit ihr lassen sich eine Menge Werte verknüpfen, vom Erbstück nach Omas Abeleben bis hin zu einem kostbaren Lilienporzellan-Sammlerstück, das sich teuer verkaufen lässt. Die Tasse kann vieles bedeuten. Oder auch nichts. Für mich steht dahinter die Frage, was schätze ich als Mensch/Teil einer Gruppe/Teil eines Staates/der Menscheit und was schätze ich nicht
Mir kommt vor, in einer Zeit materieller Fülle taucht mehr und mehr das Bedürfnis auf, die (für ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben) geschaffenen Normen und Werte zu hinterfragen oder manches auch einfach hinter sich zu lassen.
bonanzaMARGOT - 03. Okt. 17, 08:32

werte zu hinterfragen war von klein auf mein ding. niemand konnte mir befriedigende antworten darauf geben, warum dies oder das so war, so zelebriert wurde, sitte oder tradition war - wieso daran festzuhalten? es ging mir viel um religiöse werte, um die heilige* familie, um tugenden u. moral der gesellschaft, in die ich hineinwuchs. mit der materiellen fülle, die damals noch nicht ganz so gegeben war, hat meine anti-spießerhaltung nichts zu tun.

mein satz "alles um mich herum verliert an wert und spannung" drückt eine innere kapitulation aus gegenüber einer welt, die ich so nicht verstehe, die mir in vielem fremd blieb - vor allem im wirken und streben meiner mitmenschen. zwar ist die welt voller interessanter geschichten um z.b. kaffeetassen, aber diese erklären nicht, was ich sehe (fühle), - jedenfalls ungenügend.

was schätze ich als mensch? ich schätze frieden und freiheit. ich schätze den meinungsaustausch mit anderen. ich schätze meine ruhe und tagträume. ich schätze kreative gedanken und fantasie. ich schätze gerechtigkeit, und ich schätze ehrlichkeit.


* oft mehr scheinheilig als heilig

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