... zur letzten Ruhe


Im nächsten Leben bitte als Schildkröte. Der Tag nimmt mich in seine weichen Kissen, in denen ich vor mich hinträume. Wenn O. morgens zur Uni eilt, erhebe ich mich schwerfällig vom Bett – was eigentlich nur einen Positionswechsel darstellt: ich erweitere meinen Bewegungsradius auf die fünfzig Quadratmeter der Wohnung. Die meiste Zeit verbringe ich allerdings sitzend am Schreibtisch. Links und rechts die Schulordner mit den Unterlagen wie feindliche Heere vor meinen Stadtmauern.
Das erste, was ich heute Morgen sehe, als ich aus dem Fenster schaue, ist ein Mann, der mit dem Kopf im Müllcontainer steckt. Als ich zehn Minuten später aus dem Bad zurückkomme, kramt er immer noch, voll konzentriert. Ich blicke nur flüchtig hin. Er könnte mich sehen, die Müllcontainer stehen im Hof nur wenige Meter vom Küchenfenster. Schon häufiger fragte ich mich, ob ich das auch könnte, im Hausmüll anderer nach irgendwie verwertbaren Sachen wühlen. Wenn einem nicht viel anderes übrigbleibt – wer weiß. Also besser jetzt meinen Kopf in die Unterlagen zur Tumordokumentation stecken. Mache ich aber nicht. Ich nehme mir ein Bier aus dem Kühlschrank, lese die Internetnachrichten und höre Musik von unserem Lieblingsbluessender. Allerlei geht mir durch den Kopf. Unter anderem überlege ich mir, wo ich im Falle meines Todes eigentlich begraben werden will. Nicht, dass es mir furchtbar wichtig wäre. Tot ist tot. Da ist es mir eigentlich wurscht, wo ich liege. Oder?
Jedenfalls besuchte ich noch keinen der vielen Berliner Friedhöfe in den zwei Jahren, seit ich hier lebe. Das liegt auch daran, dass O. solche Orte als Ausflugsziele ablehnt. Allgemein meidet sie das Thema Tod. Sie steckt so voller Leben, dass sie alles, was mit Tod und Vergänglichkeit zu tun hat, weit von sich schiebt. So erklärt sich auch, dass sie immer wieder aufmunternd zu mir sagt: „Du bist doch gar nicht alt!“ Denn ich lasse mich gern gehen und betone dabei mein Alter. Schließlich ist sie um einiges jünger.
Ich googelte also (u.a.) heute Vormittag nach den Berliner Friedhöfen. Nur mal so zur Orientierung.

rosenherz - 03. Feb. 17, 19:44

Frei nach dem Motto: Lieber auf den Friedhof schauen, als auf den Friedhof getragen werden.

bonanzaMARGOT - 04. Feb. 17, 06:10

ich würde lieber irgendwo an einem eher abgelegenen ort (der mir viel bedeutet) meine letzte ruhe finden, aber in deutschland besteht ja friedhofspflicht.

ach, dabei fällt mir ein plan c ein: statt dokumentar oder briefzusteller... bestatter. aber ich glaube, für den job wird ein führerschein verlangt.
rosenherz - 04. Feb. 17, 09:40

Naja, möglicherweise wäre Bestatter wirklich ein Beruf für dich. Nix mit vielen Fremdwörtern und einer überbordenden Fachsprache.
bonanzaMARGOT - 04. Feb. 17, 09:51

Gibt bestimmt auch eine Fachsprache der Bestatter.
rosenherz - 03. Feb. 17, 19:52

Zum Thema "letzte Ruhe":
Mein Vater pflegte häufiger zu sagen bei Bauarbeiten im Haus "das mach ich noch" oder so etwas wie "das ist dann das Letzte". Er rechnete damit, nicht alt zu werden. Glaubte Krebs zu haben, den ihm die Ärzte verschwiegen (man konnte nichts finden, das seine Schmerzen verursachte).
Tatsächlich ist er im 43. Lebensjahr gestorben. Nicht an Krebs. Sondern nach einem tragischen Verkehrsunfall - an einem seiner glücklichsten Tage im Leben.

bonanzaMARGOT - 04. Feb. 17, 06:16

that`s life: erstens anders, zweitens als man denkt.
da starb dein vater sehr früh - ist vielleicht nicht schlecht, wenn man schnell stirbt, ohne zeit zum nachdenken zu haben... und es erspart einen leidensweg wie bei schweren krankheiten.

wir wissen schlicht nicht, wann er uns holt. wir wissen nur, dass er niemanden niemals vergisst.
und wenn man älter (also über fünfzig wird), dann ist krebs keine ganz unwahrscheinliche todesursache.
NBerlin - 03. Feb. 17, 21:18

Willst du denn überhaupt in Berlin begraben werden? Nicht lieber in deiner Heimat? Also ich will gar kein Grab, meine Asche soll über den Meer verstreut werden.

bonanzaMARGOT - 04. Feb. 17, 06:20

asche über dem meer verstreuen - klingt auch nicht schlecht. aber wer sollte das machen? und dann der ganze bürokratische scheiß...
mir ist`s prinzipiell egal, wo ich begraben werde (ich hadere damit). am besten dort, wo ich gerade bin - das erscheint mir am praktischsten.
C. Araxe - 03. Feb. 17, 22:31

Hm ... zum Leben gehört der Tod doch dazu. Erst mit dem Tod ist das Leben noch viel lebendiger. Oder wie es Octavio Paz ausdrückt: „Der Kult des Todes ist, wenn er tiefgründig und vollkommen ist, auch ein Kult des Lebens. Beide sind untrennbar. Eine Kultur, die den Tod verleugnet, verleugnet auch das Leben.”

bonanzaMARGOT - 04. Feb. 17, 06:21

absolut!
meine beziehung zum tod ist ambivalent, wie zum leben auch.
SpeziellesKänguru - 03. Feb. 17, 22:48

also, wie du bescheid weißt, besuchte ich doch welche. im leben, wo ich noch nichts von dir wusste. diese friedhöfe sind alle jüdisch.
und - wie du bescheid weißt - werden die gedanken über den tod von mir alles andere als ausgeblendet.
der schein trügt. so kann man cool erscheinen, wenn man sich aber gar nicht so fühlt. oder entspannt. oder voller leben. hier hast du allerdings recht, so intensiv habe ich das leben bisher noch nie geschmeckt.

bonanzaMARGOT - 04. Feb. 17, 06:25

na ja, ich dachte schon, dass du solchen themen eher ausweichend gegenüber stehst.
es gibt sehr schöne friedhöfe... jüdische und nicht jüdische.
diefrogg - 04. Feb. 17, 12:32

Ich bin da vielleicht ...

etwas merkwürdig, aber ich wünsche einfach guten Lernerfolg. Ein Erfolgserlebnis kann ja nie schaden, auch wenn der Beruf des briefträgers irgendwie attraktiver erscheint.

Auch ich kennen die Sehnsucht nach Friedhöfen. Ich bemühe mich allerdings, ihr nicht zu sehr nachzugeben, zu viel ist ungesund für meine Psyche.

bonanzaMARGOT - 04. Feb. 17, 16:07

Daaaanke.
Durchfallen ist nicht möglich. Geht um die Noten - hinsichtlich späterer Bewerbungen.

Wieso merkwürdig, DIEFROGG?

Ich bin sicher kein Friedhof-Fetichist.
Aber manche Friedhöfe strahlen einen gewissen Reiz aus.... Am liebsten würde ich dort mit den Toten ein Bierchen trinken - was leider die Friedhofsordmung nicht zulässt.
steppenhund - 04. Feb. 17, 13:55

Die besten Friedhöfen gibt es in Wien. Und in St. Petersburg.

SpeziellesKänguru - 04. Feb. 17, 16:14

oder vielleicht in odessa? ... da liegen noch ein paar tausend von meinen landsleuten, die eine ahnung von humor hatten.
C. Araxe - 06. Feb. 17, 19:15

Die Friedhöfe von St. Petersburg oder Odessa kenne ich nicht, in Wien kenne ich mich dagegen etwas besser aus. Der Zentralfriedhof, St. Marx oder der Friedhof der Namenlosen kann man schon zu den Friedhöfen zählen, die sehr sehenswert sind (wie überhaupt die Wiener Sepulkralkultur hervorzuheben ist), aber gleich von den besten zu reden...?

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