Das Leben ein Witz


Auf einem endlosen Flur gehe ich die Türen ab. „War schon da… gab`s bereits… alles schon gehabt… nichts Neues… alter Hut… oje…“, konstatiere ich für mich, während ich die Türen nacheinander öffne und kurz in jeden Raum hineinblicke.
„Es gibt nichts anderes als das Heute und seine ewige Wiederholung: Jeden Tag gibt es Tote und Verletzte, Trauernde und Triumphierende, Aufstände und Familiäres, Regierungserklärungen und Operninszenierungen. Jeden Tag das gleiche, das doch nie dasselbe ist.“ Na klar, denke ich, da hat Bazon Brock recht. Eine Binsenweisheit. Es läuft immer dieselbe Platte. Und trotzdem. Heute ist nicht gestern. Ich merke es an mir. Die Unschuld ging längst verloren. Gestern schneite es wunderbar, und heute mischt sich der schmelzende Schnee mit dem Straßendreck. Unser Kerker hat einen Himmel. Wir leben unter einer Cellophan Folie. Unwillkürlich denke ich an den Geruch eines schmutzigen Tafelschwamms…

Hinter jeder Tür die gleichen Augenpaare, alte und junge, voller Leben, voller Gier… oder ausgebrannt und matt. Ich gehe gefühllos vorbei. Wo ist der Ort, an dem ich frei atmen kann? Der Moloch Stadt hält mich in seinen Fängen. Die Seelen werden grau wie die Straßen. Sie klammern sich an den Konsummüll, der oben schwimmt. Die ganze Welt schmilzt zusammen wie ein Schneehaufen am Straßenrand.
Manche Türen öffne ich schon gar nicht mehr. Wozu? Es kommt mir alles furchtbar sinnlos vor. In meiner Brust schlägt ein totes Herz. Ich suche einen Rest Farbe, einen Lichtschimmer. Wie wurde ich zu dem, was ich bin? Der Tunnel ist lang und verschlungen, und ich stehe mittendrin mit einer Taschenlampe.

Orientierungslos und ängstlich haste ich mal vor und mal zurück. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Es macht überhaupt keinen Unterschied. Die Türen sind nur noch Staffage, das Universum wüst und leer, mein Leben eine Fata Morgana.
Völlig unverhofft werde ich angesprochen „Du bist nicht allein“. Ich erschrecke keinen Deut. Denn ich höre meine eigene Stimme. Das bin also ich. Ganz schön witzig.

steppenhund - 12. Jan. 17, 17:30

Ich kann mich mit diesem Text leider (?!) gar nicht identifizieren. Zwar stimmt es schon, dass manche Türen nicht mehr nach Öffnung verlangen, es ist schon bekannt, was sich dahinter verbirgt. Aber es gibt ja doch immer wieder neue Türen. Und irgendwann gibt es immer etwas, was neu erlebt werden kann.
Die Unschuld mag verloren gegangen sein. Dafür sehe ich jetzt aber klarer und manchmal ist das, was man jetzt erst erkennt, gar nicht so schlecht. Aber ich vermute einmal, dass der Unterschied zwischen uns der Ehrgeiz ist. Die Neugier mag da sein, aber der Ehrgeiz, mehr zu erfahren, mehr zu verstehen, dürfte bei mir etwas ausgeprägter sein. Leben ist Lernen, ist meine Devise. Und bis jetzt hat das Lernen nicht aufgehört. Es ist nur teilweise schwerer geworden. Aber ich spiele jetzt beispielsweise Stücke am Klavier, die ich früher nie gespielt hätte. Ja, ich habe sie nicht einmal gekannt. Und jetzt übe ich mich zum Trottel. Aber ich erinnere mich an die Aussage meines Vaters: solange man beim Üben merkt, dass man besser wird, macht es Spass. Und das kann ich vollen Herzens bestätigen. Die Frage ist, ob das Känguruh vielleicht das folgende Stück kennt. Kabalevsky.
https://www.youtube.com/watch?v=VF1mZZPtl54

bonanzaMARGOT - 13. Jan. 17, 06:53

sagen wir es mal so: ich habe zum ehrgeiz nicht so eine positive beziehung wie du.*
in dem text geht es aber gar nicht um ehrgeiz. auch oder gerade sehr ehrgeizige menschen können einen gewissen lebensüberdruss erfahren. schön, dass dies bei dir nicht so ist.


*(du kokettierst gern damit, wie ehrgeizig du bist, und ich damit, dass ich`s nicht bin.)
steppenhund - 13. Jan. 17, 07:02

So ehrgeizig bin ich gar nicht. Nur bei Dingen, die mich interessieren. Aber z.B. nicht, wenn es um Karriere oder Geld geht.
bonanzaMARGOT - 13. Jan. 17, 07:08

manche menschen haben das glück, dass sich ihr beruf mit ihren interessen deckt.
jetzt muss ich direkt einmal nachdenken, was mich interessiert... also so richtig richtig richtig interessiert...
ich würde sagen, es ist das leben an sich, die welt, das universum mit seinen geheimnissen, das mysterium des daseins und des bewusstseins.
steppenhund - 13. Jan. 17, 08:08

Ich bin da bescheidener. Mich interessiert nur das "Leben". Das schließt einiges ein. Aber für mich ist Leben eine Kategorie für sich selbst.
Hätte ich das aber früher gewusst, hätte ich vielleicht irgendetwas mit Biologie studiert. Mich faszinieren z.B. die Pantoffeltierchen und die Flechten. Ich glaube die Pantoffeltierchen sind auch glücklich, ohne etwas von Kant oder Spinoza zu wissen :)
bonanzaMARGOT - 13. Jan. 17, 08:32

meine vorgehensweise oder denke ist eine andere: ich will vom großen ganzen auf das spezielle schließen. in irgendwelchen details verliere ich mich ungern. es gibt einfach zu viel davon. nichts gegen pantoffeltierchen - sie leben auch ganz gut ohne mein besonderes interesse für sie.
spannender finde ich, wie das leben an sich funktioniert... wie es entstehen konnte... und die stellung des menschen in diesem "göttlichen bauplan". kant und spinoza muss ich mir dazu auch nicht unbedingt reinziehen. ich mag intellektuelles geschwurbel allgemein nicht. dafür fehlen mir ein paar gehirnwindungen.
am liebsten hätte ich damals kunst studiert... was soll ich sagen - zur umsetzung fehlte es mir am ehrgeiz oder an der nötigen hartnäckigkeit.

ich denke: mehr wissen bedeutet nicht in jedem fall wirklich mehr wissen. im gegenteil kann die flut von fachwissen dazu führen, dass man den wald vor lauter bäumen nicht mehr sieht.
hinzu kommt, dass der mensch nur eine begrenzte menge an wissen geistig verarbeiten kann. also, wozu sich ständig die birne mit dem ganzen bullshit zustopfen? um sich wichtig zu machen? ne, da bin ich ganz ganz bescheiden... und kann auch mal sagen "tut mir leid, null ahnung von nichts".
steppenhund - 13. Jan. 17, 13:23

"sie leben auch ganz gut ohne mein besonderes interesse für sie" - Das ist ja das Interessante. Die brauchen keinen Menschen, keinen Gott, keine Erklärung. Die leben einfach.
Der Mensch lebt, damit er andere umbringen kann. Das ist doch ein ziemlicher Scheißgrund, um zu leben. Wenn man das "leben" nennen kann.
Das Große ist mir zu kompliziert. Dafür braucht es Computer :)
bonanzaMARGOT - 13. Jan. 17, 13:28

es soll auch menschen geben, die wie die pantoffeltierchen leben, - die niemandem etwas zuleide tun wollen... und noch über gott und die welt nachsinnen.
ich bin nunmal ein mensch. und ich habe all diese gedanken.
SpeziellesKänguru - 25. Jan. 17, 20:03

Ja ja! In der Sowjetunion war Van Cliburn Ende der 50er und in den 60er fast eine Ikone. Habe sehr viel davon gehört bzw. gelesen.
Lange-Weile - 14. Jan. 17, 17:28

Einheitsbrei

Hallo Bo.,

ich kenne ähnliche Stunden, in denen alles, was ich sehe und wahrnehme, zusammenfließt und zu einem Einheitsbrei wird.. Diesen Zustand, der wirklich nur kurz andauert, kann ich mir selber nicht erklären. Ich kann dann keine Unterscheidungsmerkmale zwischen den Menschen mehr ausmachen. Es könnte auch das Ergebnis einer öden Langeweile sein. ;-)

Echt komisch

Ich wünsche euch ein schönes WE

LG La We


bonanzaMARGOT - 15. Jan. 17, 10:10

hallo lawe

langeweile ist es nicht, eher ein überdrussgefühl den vorgängen des lebens gegenüber, wie sie sich tag für tag darstellen: die tretmühlen von beruf und schule, regelflut und behörden, das sich ständige abstrampeln müssen, der moloch der stadt, arm und reich, verbrechen, schmutz und verkehr, krieg und frieden, die reden der politiker und populisten, das ganze getue... mit dem aufrechterhalten der schönen fassaden, der überbordende konsum, der müll, orientierungslosigkeit und überforderung, krankheit und altwerden, sinnlosigkeit und depression... nicht zuletzt das scheiß deutsche winterwetter.

gewissermaßen fügt sich alles zu einem (einheits)brei zusammen. eine stinkige schoße von menschen, die sich über den erdball ergießt... und ich mittendrin.

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