"Weiß"


Orte sind wie Menschen. Manche finden wir sofort ansprechend, und vor anderen würde man am liebsten davonlaufen. Sehr viele wirken auch einfach neutral oder schwach. An viele Orte und Menschen kann ich mich gar nicht mehr erinnern – sie werden höchstens durch Zufall kurz in mein Bewusstsein gespült, tauchen schnell wieder ab und verschwinden womöglich für immer in der Versenkung.

Orte haben wie Menschen ihre speziellen Gerüche - mehr als das olfaktorisch wahrgenommene. Was ich meine, lässt sich in diesem Sinne nicht riechen. Trotzdem empfinde ich es als Geruch. Die Sprache gibt uns Wörter wie Ausstrahlung, Atmosphäre und Aura an die Hand. Diese Begriffe sind Allegorien mit Bezug auf die Optik und hinterlassen bei mir nur einen oberflächlichen Eindruck. Darin spiegelt sich wohl wider, dass wir hauptsächlich Augenwesen sind.
Für mich zählt letztendlich nicht das Aussehen eines Ortes oder Menschen, sondern dieses hier geschilderte Gefühl von einem Geruch, um mich wohl oder eher unwohl zu fühlen. Bei näherem Überlegen trifft dies auch auf den Geschmack zu. Gerne äußern wir in einer Situation, die uns nicht gefällt: „Das schmeckt mir aber jetzt gar nicht.“ Seltsamerweise gebrauchen wir diese Allegorie zumeist bei negativen Eindrücken. Wenn wir etwas positiv werten, sagen wir „Fühlt sich gut an“, oder personenbezogen „Den kann ich riechen“.
Alle diese Äußerungen beziehen sich in erster Linie nicht auf unsere Sinneswahrnehmung, sondern auf unsere emotionale Einschätzung, ob wir jemanden oder etwas insgesamt ansprechend finden.

Ich verbinde also mit Orten und Menschen so etwas wie einen Geruch als bleibende Empfindung. Jedenfalls trifft meiner Meinung nach der Begriff Geruch am ehesten zu. Ich muss jemanden gar nicht riechen und empfinde es trotzdem – z.B., wenn ich hier im Internet mit euch blogge. Die Kommunikation kann mir ausreichend Eindrücke liefern.
Bei Orten verhält es sich schwieriger. Allein das Bild ist nur ein Abklatsch von einem Ort (von Menschen ebenso). An einem Ort muss ich gewesen sein, um ihn zu riechen.
Andere Menschen sehen (riechen, schmecken, hören) es wahrscheinlich anders. Ich merke, dass ich hier an sprachliche Grenzen stoße. Das Schwierigste im Leben ist doch, einem Mitmenschen zu erklären, was man fühlt.

Als ich meine Partnerin kennenlernte, sagte sie mir, dass sie unbewusst Menschen mit Farben verbindet. Ich fand das ziemlich faszinierend und wollte wissen, in welcher Farbe sie mich sähe. „Weiß“, antwortete sie. „Und, ist das gut?“ fragte ich bangend.

SpeziellesKänguru - 30. Nov. 16, 16:46

sehr gut sogar :)

bonanzaMARGOT - 01. Dez. 16, 07:20

beruhigend - auch wenn ich`s nicht verstehe :)
C. Araxe - 30. Nov. 16, 19:51

Auch wenn ich kein Synästhetiker bin, verbinde ich gleichfalls sehr viel Sinneseindrücke quer durcheinander.
Was nun Farben betrifft, ist das schon sehr speziell, unabhängig davon, was es für Assoziationen allgemein in jeweiligen Kulturkreisen gibt (z. B. gilt Weiß in Asien bzw. im Buddhismus als Farbe der Trauer). Vielmehr ist das im westlichen Kulturkreis eher losgelöst von Traditionen und ziemlich individuell, was man damit verbindet. Von daher würde ich schon sehr spannend findend, was O. mit Weiß verbindet. (Spontan würde ich übrigens einen Farbton benennen, den man als Petrol bezeichnen könnte, also ein dunkler Ton, in dem sich Grün und Blau mischt.)

bonanzaMARGOT - 01. Dez. 16, 07:37

mein farbgeschmack ändert sich immer wieder, zwar nicht grundlegend... dann ist es auch noch eine sache, welche farben wir für was präferieren, ich meine, in welchen farben wir uns anziehen, die wohnung streichen, die möbel aussuchen, ein auto kaufen..., in welchen farben wir unseren partner gern sehen etc.
meine lieblingsfarbe ist und bleibt blau. aber ich mag alle anderen farben auch sehr - was stimungsabhängig ist.
es gab eine zeit, da trug ich vorwiegend schwarze und graue klamotten...
heute bevorzuge ich blau als grundton - wie eigentlich schon immer.

in meinem beitrag ging es mir um die verbindung von empfindung gegenüber einem ort oder menschen mit farben, gerüchen, geschmack, klängen und tastempfindungen... diese verbindung scheint nicht bei jedem menschen gleich zu bestehen - ganz unabhängig von kultur und herkunft, würde ich sagen. es ist einfach eine individuell neuronale gegebenheit.
ich beschreibe hier nur etwas, das mir durch den kopf ging, weil ich in letzter zeit in berlin an viele orte kam, die unterschiedlich auf mich wirkten. ich ging also in mich und versuchte meine empfindungen zu beschreiben... gerüche scheinen am ehesten diese unterschiedlichen empfindungen bei mir abzubilden.
bonanzaMARGOT - 01. Dez. 16, 07:45

das blöde ist, dass ich diese "gerüche" nicht wie farben einfach benennen kann - es bleiben sozusagen "gefühls-gerüche"...
C. Araxe - 01. Dez. 16, 20:16

Mit dem Farbton meinte ich nicht die vermutete „Lieblingsfarbe” und auch nicht etwas in Richtung Aura (so wie bei O.), sondern eher ins Synästhetische gehend. Gerüche zu beschreiben fällt in der Tat ziemlich schwer – ebenso wie Geschmack. Nicht ohne Grund hat man beispielsweise bei Wein so krude Beschreibungen. Und selbst wenn es ein Geruch ist, den jeder kennt, z. B. den von einem Mairegen, fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden.
bonanzaMARGOT - 02. Dez. 16, 07:40

womöglich gibt es bei der auswahl der lieblingsfarbe auch synästhetische aspekte...
iGing - 30. Nov. 16, 20:00

Wenn man mal drauf achtet, ordnet man Dingen, Personen, Geschehnissen, Orten u.a. viel öfter und viel mehr Farben zu, als einem so gemeinhin bewusst ist. Bei mir haben auch Zahlen, Wochentage und überhaupt alle Begriffe Farben. Ich habe nur einmal etwas darüber gelesen, es war von Rudolf Steiner: Der ordnete den Wochentagen allerdings andere Farben zu als ich, stellte seine Variante aber als allgemeingültig hin. Ich gehe davon aus, dass es ein ganz individuelles Phänomen ist.

Als ich mal Übersetzungen korrigieren sollte, empfand ich den unkorrigierten Text immer als voller dunkler Flecken; ich verbesserte den Text so lange, bis er mir ganz und gar weiß erschien. Dann war die Übersetzung wirklich topp!

bonanzaMARGOT - 01. Dez. 16, 07:40

ja, ich denke auch, dass es ein individuelles phänomen ist - aber äußerst interessant allemal!
rosenherz - 30. Nov. 16, 20:20

Im Ausbildungslehrgang habe ich über die Gehirnfunktionen gelernt: Alles Erlebte wird sinnlich gespeichert als Erinnerung. Sowohl als Farbe, wie auch als Geruch, Geschmack, Klang und als emotional gefühlter Eindruck.

Woran wir uns erinnern, hängt angeblich mit dem bevorzugten Sinneskanal zusammen.

bonanzaMARGOT - 01. Dez. 16, 07:42

eigentlich würde ich sagen, dass ich ein augenmensch bin. drum überrascht mich, dass ich das erlebte (bzw. orte und menschen) eher mit gerüchen verbinde.
bonanzaMARGOT - 02. Dez. 16, 14:46

ich denke, dass diese menschen nicht über besondere sinneswahrnehmungen verfügen sondern, im gehirn die signale speziell verarbeiten... (nichts genaues weiß man nicht).
iGing - 02. Dez. 16, 15:14

Da fällt mir natürlich spontan auch ein Roman zu ein: Darin bewegen wir uns zwar auf der Ebene der rein "materiell sinnlichen" Wahrnehmung, aber in einer so feinstofflichen Dimension, dass es schon ans Übersinnliche grenzt:
Patrick Süskind, Das Parfum
[womit ich dieses Buch nicht unbedingt empfohlen haben möchte, aber in diesem Zusammenhang sollte es nicht unerwähnt bleiben]
bonanzaMARGOT - 03. Dez. 16, 06:30

parfums umrankt seit jeher ein hauch von magie...
nicht umsonst zahlen viele menschen ein heidengeld für ein flakon eines edlen dufts.
hier gerät man in bereiche der alchemie.
SpeziellesKänguru - 30. Nov. 16, 21:49

der klarheit halber

ich fürchte, mit meiner aussage meinte ich nicht die intuitionsebene. das liegt noch tiefer - farben sehen und handlesen. daher wäre jegliche spontanität in form von mentaler willkür bzw. einbildung eigentlich ganz auszuschließen. es geht auch nicht um eine kulturell geprägte einordnung der farben in das wertesystem. man kann da von einer aura reden oder von einem geruch, der sehr umfassend ist und nie hundertprozentig adäquat versprachlicht werden kann.

C. Araxe - 01. Dez. 16, 20:25

O.K., das wäre jetzt halbwegs eine Umschreibung, des Wie. Mich interessierte jedoch das Was. Das Weiß, was Sie sehen – was verbinden Sie damit? (Und kulturell, auch wenn das hier kein Thema ist, finde ich z. B. sehr interessant, wie nah rot und schön etymologisch im Russischen verbunden sind.)
SpeziellesKänguru - 02. Dez. 16, 19:42

klar, kultursemiotisch wird farbe als zeichen angesehen. zu Ihrer frage zum thema etymologie - das heutige russische wort "rot" stammt vom urslawischen *krasa, das "farbe bzw. blüte des lebens" bedeutete. daher handelt es sich bei "rot" im sinne von "schön" um einen archaismus.
bonanzaMARGOT - 01. Dez. 16, 06:50

manches entzieht sich einfach unserem verständnis...

steppenhund - 01. Dez. 16, 19:54

Ein bisschen etwas von synästhetischer Verbindung kann ich manchmal verspüren. (Musik - Farbe)
Aber ich vermute, dass das eine sehr persönliche Verbindung ist.
Am stärksten lässt sich das bei mir anhand der C-Dur-Symphonie von Hans Pfitzner reproduzierbar nachvollziehen.
https://www.youtube.com/watch?v=EziI_SUfJF8
Nachdem das keine Musik ist, die sich auf Anhieb erschließen dürfte, gebe ich noch zwei Stellen an: 4:03 und 4:18 An diesen Stellen (zeitlich) habe ich eine ganz starke Vorstellung von "gold".

bonanzaMARGOT - 03. Dez. 16, 06:33

jedes rock- und popkonzert wird von lichtshows begleitet. discotheken sind ohne lichtshows gar nicht zu denken. wir haben schon seit jahrzehnten einen trend hin zum multimedialen.
bei guter musik schließe ich lieber die augen und habe meine multimedia-show im kopf.

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