Ich mach`s mir nicht leicht


Man muss nicht jeden Scheiß mitmachen. Das Schwierigste im Leben eines Menschen ist nicht das Ja- sondern das Nein sagen. Ich liebe die Anarchie und Freiheit aber bleibe im realen Leben weit dahinter zurück… zu ängstlich wegen dem drohenden gesellschaftlichen Abstieg bis hin zum Penner-Dasein. Ich bin ein elender Feigling. Ich bin opportunistisch. Ich bin ein Schwächling. Ich positionierte mich schon immer irgendwo dazwischen, wo ich weder die eine noch die andere Seite brüskierte. Nein, besonders bequem machte ich es mir damit auch nicht. So ging es vom Kindergarten bis zur Schule... und weiter im Berufsleben. Es war ein großes Glück, wenn ich mich an einer Stelle wohlfühlte. Richtig zugehörig fühlte ich mich nie.
Die Integration in eine Gruppe fiel mir immer schwer. Dabei glaube ich von mir, dass ich im Großen und Ganzen ein umgänglicher Mensch bin.

Die Dokumentarinnen reden in der Zigarettenpause über Hamster und andere Tiere, die sie mal hatten oder aktuell haben. Ich stehe als Nichtraucher bei ihnen in der Kälte und höre lächelnd zu. Was soll ich dazu sagen? Zu einer Maus, die im Klo vorm Ertrinken gerettet wurde, um sich dann durch ein Behältnis zu fressen, und schließlich in einer Lebendfalle verhungert aufgefunden wird. Die Oberdokumentarin, die außerdem meine Dozentin (in der Fortbildung) ist, erzählte diese kleine Geschichte und rauchte ihre Zigarette zu Ende. Wir gingen zurück an unsere Arbeitsplätze.
Als Praktikant muss ich noch eine Menge lernen. Die Kollegin, bei der ich im Büro sitze, gibt sich alle Mühe. Sie erklärt mir anhand von Patientendateien die Software, und wir gehen zusammen Arztbriefe durch. Tumordokumentation bis der Schädel brummt. Ich weiß nicht, ob ich da jemals durchblicke. „Das wird schon“, sagt sie beruhigend und öffnet den nächsten Patienten „Plattenepithelkarzinom…“. Wir sollen die relevanten und aktuellsten Daten zu dem Fall finden. Eine Detektivarbeit. Die Fachtermini und Abkürzungen schwirren durch meinen Kopf. Mir fehlt (noch) die Orientierung. Ich fühle mich wie eine Versuchsmaus in einem Irrgarten…

1 Uhr mittags mache ich mich auf den Rückweg vom Praktikumsplatz. Mit der U-Bahn. Ich schaue mir die Fahrgäste an. Vielleicht war ich in der Krankenakte des ein oder anderen. Es sind so viele Menschen…, die ein- und aussteigen. Zwei Stunden kann ich zuhause relaxen, dann muss ich zur Fortbildung, und es geht weiter im Text.

Will ich das? Will ich das wirklich?

fata morgana - 17. Nov. 16, 08:28

...wenn sich dir die frage 'will ich das' stellt, klingt das für mich schon nach ersten zweifeln. durchs mitlesen bei dir weiß ich aber, dass es nur ein vorübergehendes praktikum ist. ein versuch, ob es für dich in diese richtung weitergehen könnte. du allein wirst das entscheiden.
bis dahin wünsche ich dir viel kraft und geduld mit dir selber.

...die nichtraucher-dabeisteh-frier-situation kenne ich gut ;)

bonanzaMARGOT - 17. Nov. 16, 14:09

der input ist unheimlich viel... seit einer guten woche bin ich erst dabei, und mir raucht der schädel. durch das praktikum bekomme ich nun die doppelte ladung.
ich möchte schon durchhalten - aber es gibt tage, da zweifle ich dran, ob ich`s schaffe, ob es das richtige für mich ist. nur wüsste ich momentan auch nicht, was sonst tun..., um zu einem arbeitsplatz zu kommen. ein jahr mda fortbildung habe ich hinter mich gebracht, und darauf will ich jetzt aufbauen...
rosenherz - 17. Nov. 16, 08:46

Das kann ich mir gut vorstellen, dass da keine Gefühle von Zugehörigkeit aufkommen zu Gesellschaftsschichten, die du kritisierst und hinterfragst. Für dich scheint Autonomie ein sehr hoher Wert zu sein in deinem Leben.

Deine anfangs erwähnten Begriffe, wie "ich bin ein Feigling ect" sind lediglich Zuschreibungen, die du (oder andere?) über dich selbst machst. Das konkrete Verhalten dahinter, das dieser Wertung zugrunde liegt, bleibt im Verborgenen.

bonanzaMARGOT - 17. Nov. 16, 14:17

ach, die frauen sind alle ganz nett. viel privates wird bis jetzt gar nicht geredet.
mir macht vor allem zu schaffen, dass ich vieles von dem fachlichen noch nicht verstehe... gäbe es nur eine einfachere methode, sich das zeug in die rübe zu hämmern... es ist ein bisschen wie eine fremdsprache lernen, welche die anderen bereits halbwegs gut sprechen, und du verstehst nur bahnhof.

ein anderer punkt ist die massive einschränkung meiner freizeit quasi von einem tag auf den anderen. mir ist die zeit, die ich für mich frei von verpflichtungen bzw. autonom verbringen kann, schon immer sehr wichtig gewesen.

an manchen tagen fühle ich mich unsäglich schwach und auch feige, weil es mir erscheint, als hätten alle anderen mehr mumm in den knochen...
außerdem wurmt es mich, dass ich nicht den mut und die kraft für eine wirklich alternative lebensweise (die meinem denken mehr entspricht) aufbringe.
rosenherz - 17. Nov. 16, 13:12

Ich greife nochmals deinen Satz "Richtig zugehörig fühlte ich mich nie" auf. Das ist die die eine Seite deiner Freiheit, mit der du dich nirgends als richtig zugehörig einordnest.

Auf der anderen Seite bist du als Mensch einer Menge von Gruppen in dieser Gesellschaft zugehörig. Zum Beispiel mit jener Gruppe, die die gleiche Augenfarbe hat, oder diejenigen Menschen die im gleichen Wohnblock (in der gleichen Straßen oder dem gleichen Stadtteil) wohnen, oder die die gleiche Haarfarbe haben, die im gleichen Bundesland wie du geboren wurden, oder die die mit dir die selbe Schule besucht haben uws.
Oder auch die Gruppe jener, die mit dir im selben Supermarkt einkaufen gehen, oder am selben Tag um die selbe Uhrzeit mit dir in einem Lokal sitzen oder die die selbe Jeansmarke tragen wie du. Oder zum selben Friseur gehen.

bonanzaMARGOT - 17. Nov. 16, 14:22

klar, ich gehöre schon dazu - biologisch, rein äußerlich, oberflächlich, in der abhängigkeit zum geld etc.
im geiste fühle ich mich allerdings selten zugehörig.
NBerlin - 17. Nov. 16, 13:52

Ja du willst das, du hast es dir ausgesucht, Zweifel zwischendurch sind normal, vergehen aber wieder.

bonanzaMARGOT - 17. Nov. 16, 14:23

danke, denke ich auch. ich jammere halt gern - wie männer so sind.

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