Diese Welt ist nicht meine Welt


Menschen reden von Liebe, von Glück; Menschen reden von Heimat und Vaterland; Menschen reden von Verantwortung, Pflicht und Treue; Menschen reden von Schönheit, von Gut und Böse, von Gerechtigkeit und Freiheit; Menschen reden von Sinn und Unsinn, von Glaube und Unglaube, Himmel und Hölle; Menschen reden von Intelligenz, von der Welt… im Kleinen und im Großen; Menschen reden von menschlicher Größe, von Heldentum und Ehre; Menschen reden von Toleranz und Bescheidenheit, von Güte und Mitmenschlichkeit; Menschen reden eine ganze Menge, wenn der Tag lang ist… Ich habe das Gefühl, sie wissen oft nicht, worüber sie eigentlich reden. Trotzdem macht es den Eindruck, als würden sie es untereinander verstehen. Bin ich der Einzige, der sich blöd vorkommt? frage ich mich dann. Ich weiß nicht, was sie mit Liebe meinen; und ich weiß auch nicht, was sie mit Heimat meinen. Und was meinen sie mit Moral und Verantwortung? Mein Gehirn tilt regelmäßig (wie ein Flipperautomat, an dem zu sehr gerüttelt wird). So viele Desinformationen kann ich einfach nicht verarbeiten. Wenn ich dann dumm nachfrage, reichen die Reaktionen von Überraschung über Unverständnis bis zum Beleidigt sein. Dabei will ich wirklich niemanden nerven, sondern nur verstehen, worum es in den Reden geht. Bereits in der Schule als Kind und Heranwachsender verstand ich nicht viel, von dem, was ich lernen sollte. Ich fühlte mich in der Welt nicht nur desinformiert, auch desorientiert. Daran hat sich bis heute grundlegend nichts geändert, was leider mein Zurechtfinden beruflich und privat ziemlich erschwert. Ich kann mich unmöglich für etwas begeistern, was ich nicht verstehe. Manchmal habe ich gar das Gefühl, dass ein übermäßiges Begreifen der Dinge gar nicht erwünscht ist. Man soll sich in der Hauptsache eingliedern und funktionieren. Die Vertreter der Geldmaschine verlangen es so. Und realistisch gesehen ist die gesamte Gesellschaft (inzwischen) eine einzige Geldmaschine. Umso unverständlicher wird es für mich, wenn die Menschen in diesem Kontext von Verantwortung reden - noch grausiger der Gebrauch der Begriffe Freiheit und Gerechtigkeit. Da fühle ich mich regelrecht verarscht.
Wäre ich nicht auch pragmatisch, hätte ich mich sicher schon aufgehängt. Außerdem gibt es ein paar Nischen, wo ich auf das Leben und den Geist treffe, in dem ich mich widerspiegele, wo ich mich fallen lassen kann und wohlfühle… Viel ist es nicht, aber es reicht, um nicht aufzugeben.
Es sieht für mich so aus, als wäre die Menschheit eine Riesensekte. Die Gehirnwäsche funktioniert nahezu perfekt. Die Mehrheit hat es leicht, zu sagen: „Überprüfe mal, ob du mit deiner Auffassung nicht falsch liegst.“ Ihr wichtigstes Argument ist die pure Masse. Bei dem Gedanken kriege ich Gänsehaut…
Diese Welt ist nicht meine Welt. War es nie. Aber ich wurde zum Überleben geboren. Wie alle anderen auch. Ich weiß. Keine Ahnung, warum ich mich nicht einfügen kann, wie man es wünscht. Wahrscheinlich falsch programmiert*…



(*oder zu sensibel - ha ha!)

SpeziellesKänguru - 11. Sep. 16, 10:13

es ist eine große frage, wie man sich in die welt einfügen soll. und was "diese" welt überhaupt ist. sie hat so viele facetten, dass es für einen so gut wie unmöglich ist, "falsch" programmiert zu sein.

bonanzaMARGOT - 11. Sep. 16, 10:19

ich meine mit der welt in der hauptsache die westliche leistungsgesellschaft, welche mein leben prägte, und in der ich überleben muss.
SpeziellesKänguru - 11. Sep. 16, 11:21

westlich oder östlich - überall muss man überleben (eine sonntagsweisheit tz tz tz ). die mechanismen, die in jeder gesellschaft priorität haben, sind gleich, denn sie stammen aus der natur der menschen. klar, man nimmt in erster linie auf die welt bezug, in der man aufgewachsen ist und lebt.

bonanzaMARGOT - 11. Sep. 16, 11:27

das problem ist, dass nicht jeder mensch optimal anpassungsfähig ist für die gesellschaft, in der er lebt.
darum fühlen sich die einen mehr zuhause (beheimatet) als die anderen.

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