Von Heimat


Der Sommer kratzt die letzte Kurve. Wie jedes Jahr Anfang September. Ich denke an meine Heimatstadt, wo das alljährliche Winzerfest diese Schwelle zwischen den Jahreszeiten für mich markierte. Alte Erinnerungen werden wach. Der Blick über die Kleinstadt, die eingebettet von den Hügeln des Kraichgaus sich zur Rheinebene streckt. Oft saß ich auf der Anhöhe des Parks und blickte über die roten Dächer. Ich erinnere mich meiner Kindheit und Schulzeit. Es gibt Plätze, die man im Herzen mitnimmt auf die lange Reise des Lebens. Ich sehe vor meinem geistigen Auge das Freibad am südlichen Ausgang der Stadt. Wir Kinder kürzten den Weg durch den angrenzenden Friedhof ab (auf dem seit drei Jahren meine Eltern begraben liegen). Das Gekreische der spielenden und planschenden Kinder war weithin zu hören. Ich hoffe, die Toten störten sich nicht daran. Bis Mitte September geht die Badesaison.
Ich denke an O.s und meine Rückkunft vom Urlaub erst kürzlich. Auch Berlin ist mir bereits ein wenig Heimat geworden. Ich spüre dankbar die Vertrautheit der Namen, Straßen und Plätze. Wer weiß, wie lange ich hierbleibe. Lebensabschnitte summieren sich wie Sprossen auf einer Leiter. Später erst erkennt man, wo man steht. Alles fügt sich zusammen. Kleine und große -, ineinander geschachtelte Geschichten. Menschen brauchen Heimat, um sich nicht zu verlieren. Die Welt ist zu groß. Die Menschen zu unterschiedlich in Sprache, Kultur und Religion. Man kann auf allen Flughäfen der Welt zuhause sein, aber darum ist man lange kein Weltbürger.

Eine andere Seite: Menschen klammern sich zu sehr an ihre Heimat, als würde sie ihnen gehören und sonst niemandem. Das macht es Neuankömmlingen nicht gerade leicht, Fuß zu fassen. Jeder Mensch kann in die verzweifelte Lage kommen, unter fremdem Dach Obhut zu suchen. Heimat ist keine Burg, die man für sich reserviert. Man trägt sie im Herzen… nicht auf der Zunge (- oder gar dem Schwert).
Mir kommt das Verhalten von Hoteltouristen, die die Liegen am Swimmingpool mit ihren Handtüchern vorreservieren, in den Sinn. Insofern wundert mich das Wahlergebnis der Landtagswahlen Mecklenburg-Vorpommern gar nicht. Die Heimatbesessenen zeigten Flagge.
Heimatempfinden kann offensichtlich sehr unterschiedlich ausfallen. Ich möchte niemandem seines absprechen. Es ist wie mit allen hehren Begrifflichkeiten. Sie werden zu oft ... verwendet (– bis sie sich schließlich in Beliebigkeit auflösen).

Okay. Der Sommer kratzt die letzte Kurve. Wir schreiben das Jahr 2016. Ich sitze in Berlin und drehe Däumchen. Alles dreht sich. Weiter und weiter. Der Leierkastenmann spielt die Melodie der Melodien. Wen juckt es eigentlich?

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