Fortbildung

...zur neuen ISO 9001, insbesondere Risikomanagement. Das Chefarztehepaar erscheint im ersten und letzten Drittel, als Brötchen, Kuchen und Kaffee aufgetischt werden. Ich halte mich am Mineralwasser. Einige Ärzte und QMBs sitzen in der Runde. Ich wundere mich, wie viel ich von dem Vortrag verstehe. Das meiste sind Allgemeinplätze. Eine Menge Blablabla. Plan-Do-Check-Act, der PDCA-Zyklus etc.. Alles ist bis ins Kleinste vordefiniert und klingt an sich logisch wie Mathematik. Auf der einen Seite die Sprache des Qualitätsmanagements, und auf der anderen Seite sitzen Menschen… Der Dozent bemüht sich. Er ist Sechsunddreißig und sieht aus wie Mitte Vierzig. Ich schätze, er hat ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.
Meine Praktikumsanleiterin ist begeistert von ihm. Sie initiierte die eintägige Fortbildung.
„Ich musste den Stoff deutlich herunterbrechen. Für das Thema kann man gut und gern eine Woche verwenden“, sagt der Dozent. Zwischendurch schaut er mich an und grinst. Ich grinse zurück und komme mir blöd vor. Der Nachmittag zieht sich mit Risikomanagement. Man diskutiert über vorstellbare Szenarien. Das Chefarztehepaar ist zurück. Ein Tablett mit Kuchen wird herumgereicht, Kaffeetassen werden nachgefüllt. Der Chefarzt schwäbelt mit sonorer Stimme. Er liegt mehr auf seinem Stuhl, als dass er sitzt. Man reagiert recht unterwürfig, wenn er seinen Senf dazugibt. Er gilt als Koryphäe.
Die letzten Minuten fühlen sich an wie eine verstopfte Sanduhr. Der Dozent geht herum und reicht allen die Hand. „Viel Input, aber interessant und anschaulich“, sage ich ihm.
Auf dem Heimweg atme ich auf, aber der schwüle Tag macht es mir schwer. Er lässt mich nicht los, und ich kann auch nicht loslassen.

Lange-Weile - 28. Mai. 16, 13:41

Theorierausch

.. ich besuche ganz gern Fortbildungslehrgänge, nur damit ich auf den neusten Stand zu halten bzw. um nicht nur im eigenem Saft zu schmoren. Statt mich mühevoll durch die Literatur zu lesen, die dafür nötig wäre, lass ich mich auch gern berieseln. Ich nehme eh auch nur das mit, was mich aktuell weiter bringt.

Als ich mich vor langer langer Zeit durch einige Artikel über Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus schlau machte, versetzte mich das in einen regelrechten Theorierausch, alles war so klar und gar nicht so schwer umzusetzen. Als ich vor die Tür ging, löste der Rausch sich wie eine Seifenblase auf. Manchmal tat der Umschwung sogar körperlich weh.

Ähnlich ging es mir mit Ausbildung zum Immobilienmakler.. die Theorie sah super aus, die Praxis d.h. mit der Umsetzung dessen, was man wusste, sah es trübe aus. Nur die festgeschriebenen Gesetze mit ihren Paragrafen blieben am Ende als stabile Säule der Aus- und Fortbildung über. In der Wissenschaft sind es die gesicherten Erkenntnisse, die unumstößlich sind. ;-)

Ich wünsche dir und O. ein schönes sonniges WE

LG La We


bonanzaMARGOT - 29. Mai. 16, 08:24

hi lawe!

ja, die ewige kluft zwischen theorie und praxis. leider nehmen die theoretiker in unserer gesellschaft nach meinem empfinden zu. theorien zu spinnen kann wunderbar spaß machen..., und alles klingt durchdacht und logisch. aber in der praxis kommt die ernüchterung, gerade wenn es um menschen geht und nicht um z.b. motoren. das ist überhaupt ein wesentliches problem in der medizin.
was das qualitätsmanagement angeht, sind die arbeitgeber meist nicht bereit, die nötigen ressourcen an fachpersonal und arbeitszeit bereitzustellen. ihnen wäre es am liebsten, wenn das die mitarbeiter nebenbei zu ihrer sonstigen arbeit leisten. und das kann eben nicht funktionieren: personal kürzen und auf der anderen seite die qualität heben... so bleibt qualität ein papiertiger, bzw. ein theoretisches konstrukt.

dir einen schönen sonntag!
steppenhund - 28. Mai. 16, 16:35

Ja, bei der ISO 9001 gibt es ein paar neue Sachen. Komischerweise haben sie auch ein paar Vorschriften gestrichen, die ich recht sinnvoll fand. Wahrscheinlich geht man allgemein in die Richtung, die Leute "nicht zu überfordern". (In dem Fall sind nicht die Lernenden gemeint, sondern die, welche nach ISO 9001 arbeiten sollen.)
Ich habe in meinen Vorträgen manchmal darauf hingewiesen, dass ein bestimmtes Qualitätskonzept bereits 1961 bei Toyota (Toyota Production System von zwei Japanern nach den Erkenntnissen von Edward Deming entwicklt) eine nationale Auszeichnung erhielt. Bemerkenswert ist dabei der Begriff des "kontinuierlichen Verbesserungsprozesses", der in den ISO-Normen erst 40 Jahre später Einzug fand. - Doch die Deutschen haben sich über die Japaner, "die nur kopieren können", lustig gemacht :)

bonanzaMARGOT - 29. Mai. 16, 09:36

kein zweifel: normen und standards müssen definiert werden, um qualität und sicherheit nachzuvollziehen und zu gewährleisten.
im gesundheitswesen mangelt es aber oft an den personellen ressourcen. qualitätsmanagement wird dann als notwendiges übel gesehen und nicht als das, was es eigentlich sein soll: eine qualitative bereicherung, vereinfachung und unterstützung der arbeit. so hangeln sich die betriebe von audit zu audit, und die verantwortlichen brechen regelmäßig davor in panik aus...; hektisch werden die dokumente, zahlen und kennwerte abgeglichen und für die prüfung zurechtgetrimmt.
rosenherz - 31. Mai. 16, 19:46

Ist dann die Bildung fort nach einer Fortbildung?

steppenhund - 31. Mai. 16, 20:08

Ganz tolle Frage! Darüber könnte man ein Essay verfassen. Allerdings nicht mehr heutzutage.Denn mittlerweile scheint es keine Bildung mehr zu geben, die man "fort"-bilden könnte.
Die meisten Menschen kennen nicht einmal mehr den Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung :)
bonanzaMARGOT - 01. Jun. 16, 05:56

... mehr im sinne von fortgehen, weitergehen, fortentwicklung. man verläßt einen punkt, sozusagen einen bildungsstand, und fügt neue bildungsinhalte und neue erfahrungen hinzu.
ein komischer begriff ist das schon... wie viele.

steppenhund, was lässt dich solch schlechtes über den bildungsstand der gesellschaft vermuten? man sollte sowieso nicht sich selbst als meßlatte von intelligenz und bildung nehmen - da würde man ja depressiv (lach!).
ich würde sagen, die menschheit entwickelt sich gemäß ihrer möglichkeiten "fort".
steppenhund - 01. Jun. 16, 11:59

Früher hat mich das Thema interessiert und ich habe einige Diskussionen verfolgt. Und dabei ist mir aufgefallen, dass im erzieherischen Bereich ein großer Unterschied zwischen Bildung vermitteln und Ausbild besteht. Den aber die Verantwortlichen gar nicht als solchen wahrnehmen.
Und die Schulversuche in Österreich haben mMn das Niveau deutlich verschlechtert - im öffentlichen Bereich. Bei den Privatschulen gibt es noch positive Ausreißer. Und manchmal auch bei einer öffentlichen Schule, wo sich die Eltern organisieren und mit den LehrerInnen gemeinsame Sache machen, um das Niveau hoch zu halten.
Aber im Allgemeinen bin ich eher desillusioniert, obwohl das Internet sehr wohl so viel Lehrstoff vermitteln kann, dass die Lehrer nur mehr eines machen müssen: zeigen, wie man lernt, und Interesse wecken.
bonanzaMARGOT - 01. Jun. 16, 12:05

allgemein würde ich bildung in einer leistungsgesellschaft zum diskurs stellen. bildung, die nur auf leistung abzielt, verfehlt ihren eigentlichen zweck (meiner meinung).
ich wuchs mit dieser "bildung" auf und bin wie du ziemlich desillusioniert.

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