Meine erste elektrische


Sie drückte mir den Karton mit der elektrischen Zahnbürste in die Hand. „Es ist mir ein besonderes Anliegen“, sagte sie. Zuvor ertrug ich halbwegs tapfer eine gute Stunde Zahnreinigung. Ich hatte die Zahnarztbesuche einige Jahre schleifen lassen. Und nun folgte die Quittung: entzündetes Zahnfleisch, Taschenbildung… „Normal sind Taschentiefen von 3 mm, Sie haben 6 mm“, und sie erklärte mir die Folgen der Parodontose (Parodontitis) bis hin zum Zahnausfall.

Es war ein vorfrühlingshafter Tag, ich hatte den Termin am frühen Vormittag und verband ihn mit einem kleinen Spaziergang durch den Potse-Kiez, vorbei an den vielen ausländischen Imbissläden und Restaurants, den heruntergekommenen Kiezkneipen mit ihren ebenso heruntergekommenen Gästen. Das Sonnenlicht ergoss sich über alles gleichermaßen wie eine freundliche, wohlgesonnene Mutter. In meinem Mund noch das Wundheitsgefühl, fragte ich mich zum hunderttausendsten Mal in meinem Leben, welchen Sinn das alles machte. Ich blicke auf immer mehr und tiefere Falten in meinem Gesicht, die Haut verändert sich, ist nicht mehr straff und elastisch wie in jungen Jahren, die Flecken darauf mehren sich. „Altersgerecht“, sagte mein Hausarzt bei der Hautkrebsprophylaxe-Untersuchung, „nur die eine Stelle an Ihrem Rücken sollten Sie vom Hautarzt abklären lassen“. Die Überweisung zum Hautarzt liegt immer noch auf meinem Schreibtisch. Diese Arztbesuche ziehen mich runter.

Zuhause packte ich die elektrische Zahnbürste aus. Nach einer dreiviertel Stunde hatte ich sie zusammengesetzt und die Gebrauchsanweisung gelesen. Die Sonne kam um die Ecke und beleuchtete den Wohnraum. Eigentlich sollte ich in der Schule sitzen und mit zwei durchgedrehten Hühnern am Projekt arbeiten. Unmöglich, dachte ich, das Ganze ist doch ein Irrsinn. Wozu?
Ich schnappte meine Tasche und marschierte zum nahen Gleisdreieckpark. Auf den Wiesen sonnten sich die jungen Leute, spielten Frisbee, Kindergekreisch vom nahen Spielplatz; ich fühlte mich wie in einer verzauberten Welt. Hier triumphierte das Leben! Selbst das Morbide verzog seinen zahnlosen Mund zu einem Lächeln.

Bald hatte ich in der Sonne genug. Mein Schädel fing an zu brummen. Ich packte meine alten Knochen in die U-Bahn und fuhr eine Station weiter. Kurzentschlossen ging ich zum Frisör.
Frisör und Zahnarzt sollte man wieder zusammenlegen. Ich gehöre sicher nicht zu jenen, die immer wieder skandieren, dass früher alles besser war; aber ich stelle mir vor, dass das Leben simpler war. Auch gab es damals noch keine elektrischen Zahnbürsten.





am Gleisdreieck

KarenS - 19. Mrz. 16, 13:27

Lach, auch ich hatte vor ein paar Monaten eine ähnliche Prozedur, obwohl ich regelmäßig meine Termine wahr nahm. Widerlich finde ich diese Zahnsteinentfernungen. Sie tun zwar nicht weh, empfinde ich aber als äußerst unangenehm.

Jetzt sind meine Beißerchen soweit in Ordnung. Kann wieder schamlos lachen:-)

Ja, lieber Herr Bonanza, das Alter mit all seinen Erscheinungen macht vor keinem halt. Beginnt meist ab 50, die Sache mit den Flecken usw. …

ein kleiner weißer Hautkrebs ( Basaliom) auf meiner Stirn, wurde im April diesen Jahres entfernt. Er streut zwar nicht, sollte aber trotzdem entfernt werden (weil in die Tiefe wachsend). Ist kein Ratschlag, sondern nur ein Hinweis:-)


Elektrische Zahnbürsten mag ich nicht, weiß nicht warum.

Dann wünsche ich dir an dieser Stelle ein nettes WE.

Schade, dass ich das Bild nicht sehen kann.

bonanzaMARGOT - 19. Mrz. 16, 14:00

ich werde wohl mit den lebenserscheinungen, egal in welcher dimension, immer hadern.
das altern empfinde ich als eine ziemlich widerliche erfahrung. durch meine arbeit als altenpfleger weiß ich, wie`s endet.
man bemüht sich halt, das ganze etwas herauszuzögern...

danke, dir auch ein schönes wochenende!

(kannst du das bild vielleicht jetzt sehen?)
KarenS - 19. Mrz. 16, 14:06

ja, es ist wunderschön. deine ganzen aufnahmen finde ich stets sehr gelungen. hättest fotograf werden sollen :-)


bonanzaMARGOT - 19. Mrz. 16, 14:18

schön, dass dir die fotos gefallen.
ich hätte wahrscheinlich vieles werden können - oder eben nichts. mein leben war von einer relativen ziellosigkeit bestimmt.
steppenhund - 19. Mrz. 16, 14:17

Ich hatte meine Zähne sehr, sehr vernachlässigt. Durch meine Serbientätigkeit geriet ich an einen ausgezeichneten Kieferchirurgen. Jetzt laufe ich mit 25 Implantaten herum, die man auch zahnputztechnisch pflegen soll, damit sie lange halten. (In Serbien konnte ich sie mir leisten, in Österreich wäre das unmöglich gewesen.) Die elektrische Zahnbürste finde ich sehr gut. Warum? Nach zwei Minuten gibt es ein Signal, dass ich aufhören kann :)
Aber prinzipiell bin ich auch sonst sehr zufrieden. Mit der elektrischen ist der Widerstand gegen das Zähneputzen gesunken.

bonanzaMARGOT - 19. Mrz. 16, 15:08

hi steppenhund!

ich hatte nicht das gefühl, meine zähne vernachlässigt zu haben, aber offensichtlich ist es so. es kommt (wie bei allem) auch auf faktoren wie ernährung und erbmasse an. wenn man zahnmäßig schlechte gene hat, muss man sich mehr drum kümmern... (denke ich)

ich bin natürlich froh, wenn der zahnarzt meine zähne wieder halbwegs auf vordermann bringt - auch wenn es mitunter sehr unangenehm und schmerzhaft sein kann.
mal sehen, wie ich mit der elektrischen klar komme. die letzten zwei tage fühlte es sich gar nicht schlecht an. dazu kommen der einsatz von zahnseide und bürstchen für die zahnzwischenräume. ich will ein artiger patient sein, schließlich geht es um meine beißer!

irgendwann freilich wird sich auch bei mir die frage nach dem zahnersatz stellen...
steppenhund - 20. Mrz. 16, 16:49

Ich pflege die Beißer aber eher als Beißerchen zu bezeichnen. Beißer ist eine Figur in zwei James Bond Filmen .)

http://www.spiegel.de/kultur/kino/richard-kiel-beisser-aus-james-bond-filmen-ist-gestorben-a-990970.html

Leider gestorben...
bonanzaMARGOT - 20. Mrz. 16, 16:57

ich erinnere mich an den james bond - ich sah ihn im kino, ende der siebziger, mit roger moore, schätze ich.
ja, dieser "beißer" hatte ganz nette beißerchen - unvergesslich sein grinsen!
Lange-Weile - 21. Mrz. 16, 10:27

damals/heute

Hallo Bo.,

war damals wirklich alles einfacher? Das außere Leben vielleicht, in meinem Innenleben sah damals nicht so einfach aus. Damals durchkreuzen zahlreiche Sehnsüchte meine Tage und meine Nächte. Diese haben sich mit den Jahren verzogen und an deren Stelle haben sich gesunde Selbstreflektionen gestellt. Auch i meinem Inneren von damals hat sich seit damals wie in der Gesellschaft ein Wandel vollzogen. Damals war ich jung und voller Träume, heut bin ich älter und reifer geworden, habe gelernt, das sinnlose Träume den Blick auf den Tag auch verderben können. Das Alter hat somit auch was gutes, es lässt sich heute leichter leben.

Sehe ich mir die gesellschaftlichen Vorgänge an und lasse mir z.B. die aktuellen politischen Querelen auf mich wirken, kommt mir alles wie ein Kindergarten vor. Da läuft irgendwo auf der Welt eine Horde von "Unruhestifter" umher, die sich wie Abrißbirnen durch die Welt schlagen. Von menschlicher Reife keine Spur _ wir sollten alle aus Kreige gelernt haben - , statt dessen pure Lust an Zerstörung, wo immer sie auftauchen. Ihre Reichweite, wie die einer Tentakel mit unsichtbaren Armen - das Internet stellt sich hier eher als Fluch als Segen dar - reicht direkt oder indirekt bis in unsere friedliche Gebiete.
Es scheint, als ob sich der Kriegsgedanke aus den Menschenköpfen niemals ausmerzen lässt.
Die schwierige Lage der Kriegsflüchtlinge zwingt die Politiker zur richtig harten Arbeit, sie MÜSSEN zu einer gesunden Entscheidung kommen.

Aber die letzten Wochen und Monate kamen mir wie eine Szene aus dem englischen Film "Das Leben des Brain" vor. Am Ende des Films wird Brain wie Jesus gekreuzigt und zahlreiche Freunde tauchen am Kreuz auf, beklagen sein Leid und verschwinden dann wieder.. Sogar die Vertreter einer politischen Partei stehen am Kreuz und beklagen sein Leid. Doch vom Kreuz befreien sie ihn auch nicht, sondern sie teilen im mit, dass sie erst darüber beraten müssen, wie sie ihn helfen könnten.

Damals war das ein echter Lacher, doch es zeigt uns heute, wie Politiker arbeiten können. Sie hauen mit dem Hammer auf die Wand und lassen uns glauben, den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben.

Was will ich damit sagen? Das die Menschen in ihre Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt und ebenso wie damals im Kindergarten Streitigkeiten vom Zaum brechen können. Es gab damals die Störenfriede, die Freude daran hatten, dass sie friedlich spielende Gleichaltrige so richtig aufmischen konnten.

Vielleicht hatte diese Art Menschenschlag nicht so ein leichtes Spiel wie heute, in friedlichen Zonen einzudringen, wie heute.

Der Pessimist sagt: "Die Welt ist schlecht und wird es immer bleiben."
Der Optimist sagt:"Jeder Tag gibt uns eine neue Chance, die Welt besser zu machen"
Der Realist sagt: "Die Menschheit lernt nur aus persönlichem Schmerz und Katastrophen vor Ort"

LG La We


bonanzaMARGOT - 21. Mrz. 16, 11:51

hallo lawe!

die evolution ist ein quälend langsamer prozess - im vergleich dazu explodierte die entwicklung der menschheit auf diesem planeten geradezu. im kopfe und auch emotional hinken wir dieser entwicklung gewaltig hinterher. für mich jedenfalls ist es schwer zu fassen, in was für einer welt wir heute leben, mit der ganzen technik, den straßen, den großstädten, der bürokratie, den religionen, dem kapitalismus und den politischen systemen...
das meinte ich damit, dass es früher einfacher war - was nicht heißt, dass es für die menschen bessere zeiten waren.
jeder mensch verändert sich im laufe seines lebens innerlich und gewinnt andere einstellungen, entwickelt sich...
ich finde die ganzen wiederholungen ätzend! alles scheint sich ständig im kreise zu drehen, obwohl sich die welt rasant verändert. die fehler der menschen wiederholen sich auch auf der nächsten und übernächsten ebene...
neue generationen wachsen nach, und sie müssen alles wieder von vorne lernen (was einige nie lernen).

ich glaube, ich bin ein optimistischer pessimist (mit fatalistischen zügen).
zwischendurch dachte ich, ich wäre eher ein realist, aber was ist diese gottverdammte realität?!?

dir eine schöne woche!

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