Der letzte Biss


Hundewetter heute. Der Sonntag tröpfelt vor sich hin bei Vocal Jazz aus dem Internetradio. Das Brummen der Waschmaschine dazu. Das Tageslicht dämmrig sanft, umkleidet mich wie ein leichter Pelz. Sehr smooth das Ganze, ein Schwebezustand zwischen Aktivität und Passivität. Ich könnte die Hunde zählen, die vorm Fenster vorbeilaufen…

Seltsamerweise geht es in dem Roman, den ich seit Monaten mit mir herumtrage, auch um einen Hund: „Westlich von Rom“ von John Fante. Ich mag John Fantes Schreibe, aber ich befinde mich zurzeit in einer lesefaulen Phase.
Ein kurzer Auszug:

„Er war ein Hund und kein Mann, aber ein Tier, und er würde mit der Zeit mein Freund werden, meinen Schädel mit Stolz und Spaß und Unsinn füllen. Er war Gott näher, als ich je sein würde, er konnte weder lesen noch schreiben, und auch das war gut. Er passte nicht hierher, genau wie ich. Ich würde kämpfen und verlieren, und er würde kämpfen und siegen. Die hochnäsigen dänischen Doggen, die stolzen deutschen Schäferhunde, er würde sie alle fix und fertig machen und dann auch noch bumsen, und ich würde meinen Spaß haben.“

Ich fühle mich weder als Gewinner noch Verlierer. Mein Standpunkt war schon immer: lieber ein guter Verlierer sein als ein schlechter Gewinner. Das „Glück“ als Gewinner ist flüchtig und macht außerdem süchtig. Nein, ich bin kein Gewinnertyp. Wenn ich siege, kann ich mich oft gar nicht richtig freuen. Wettkampfsituationen erlebte ich immer als unangenehm.
Ich spielte jahrelang sehr gern Billard, und das gar nicht mal schlecht. Freilich entwickelte ich dabei einen gewissen Ehrgeiz. Ich war über einen mißlungenen Stoß enttäuscht und freute mich, wenn für mich die Kugeln super liefen, so dass die anderen staunten. Am liebsten würde ich ohne letztes Ergebnis spielen: Man müsste nicht zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden, und es ginge hauptsächlich um die Spielfreude, bzw. den Spaß an der Sache.

Es ist eine verdammte Schwäche, dass mir der letzte Biss fehlt. Auch als Hund würde ich sicher nicht zu den Gewinnern gehören.

steppenhund - 06. Mrz. 16, 14:05

Spielen oder Gewinnen ... das ist hier die Frage

Also ich bin da ja ganz anders gewickelt. Ich spiele überhaupt nur dann etwas gerne, wenn ich auch gewinnen kann.
Trotzdem kann ich dem Wunsch, nicht zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheiden zu müssen, durchaus etwas abgewinnen.
Dazu gibt es aber noch einen weiteren Aspekt. Beim Schach kann jemand alles opfern und dann mit einer gelungenen Kombination den anderen matt setzen und damit gewinnen.
Beim Go, dem japanischen Brettspiel, bei dem in drei Tagen eine Entscheidung laufen wird, ob der Computer bereits den Weltmeister schlagen kann, sieht das etwas anders aus. Bei den besten Spielern werden die Gewinne in der Regel mit wenigen Punkten gewonnen. Wenn ein sehr guter japanischer Spieler gegen einen schwachen Spieler spielt, wird er ihn auch nicht vernichten, sondern nur gerade ein paar Punkte mehr machen. (So zumindest die hehre Theorie, die mir mein Vater einst erzählt hat. Allerdings habe ich es selbst auch schon anders erlebt :) ) Und oft wird nicht einmal "gezählt". Während des Spieles zählt jeder Spiele seine Punkte, doch nach dem Spiel kommt es nicht so sehr darauf an, wer gewonnen hat.
Dabei waren die Japaner alles andere als zimperlich, wenn es um echtes Kriegsgeschehen ging. Doch Spiel ist Spiel.
Bei uns in Europa ist gerade umgekehrt. Da werden im Spiel Frustrationen des Lebens aufgearbeitet. So scheint es mir zumindest so.
Und auch wenn ich keine Frustrationen aufarbeiten muss, spiele ich selbst auch, um zu gewinnen.
Da ich im Go Meister war und im Schach Meisterkandidat, habe ich die Erfahrung gemacht, dass man verliert, wenn man nur auf Unentschieden spielt.

bonanzaMARGOT - 06. Mrz. 16, 20:34

steppenhund, so weit kam ich nie, ein meisterkandidat bei irgendeinem spiel zu werden, weil ich, wie ich schrieb, den wettkampf nicht mag. natürlich wollte ich auch gewinnen, wenn ich spielte; als kind war ich sogar ein ausgesprochen schlechter verlierer - ich wollte nie einsehen, dass ich verliere. kinder sind vielleicht einfach so.

der wettkampf impliziert gewinner und verlierer, und das ist gewissermaßen eine allegorie auf unsere leistungsgesellschaft. die schule (des lebens) lehrte mir mit den jahren, dass nur die gewinner in dieser gesellschaft weiterkommen - dummerweise konnte ich mich mit diesem prinzip absolut nicht anfreunden, und doch kann ich mich bis heute nicht von diesem system befreien. ich nehme es als gegeben hin und äußere ab und zu meinen frust darüber.
KarenS - 06. Mrz. 16, 15:39

Einen deiner Sätze übernehme ich einfach mal

"Ich fühle mich weder als Gewinner noch Verlierer. Mein Standpunkt war schon immer: lieber ein guter Verlierer sein als ein schlechter Gewinner. Das „Glück“ als Gewinner ist flüchtig und macht außerdem süchtig. Nein, ich bin kein Gewinnertyp. Wenn ich siege, kann ich mich oft gar nicht richtig freuen."

Sind in etwa auch meine Gedanken. Vor allem der letzte Satz.

bonanzaMARGOT - 06. Mrz. 16, 20:15

es ist schon seltsam: ich kann mich besser über den sieg anderer mitfreuen. wenn ich selbst gewinne, ist mir das eher peinlich.
bonanzaMARGOT - 08. Mrz. 16, 06:26

hallo karens,
ich bin keine spielernatur..., obwohl ich sehr gern spiel(t)e, aber eher im sinne eines kindes, das z.b. mit lego etwas baut und seiner phantasie nachhängt.
spielsüchtig könnte ich darum nie werden. mich schreckt die ergebnis-orientiertheit ab. diese bedingt doch, dass wir uns oft etwas vormachen, uns belügen, nur um am "ergebnis" festzuhalten.
meine sucht ist eher die des sich verlierens... in einer aussichtslosigkeit - meine sucht ist die schwermut.
rosenherz - 06. Mrz. 16, 16:57

Lieber BoMa,
du magst die Art des Schreibens von John Fantes, ich deine. Vor allem im ersten Absatz klingen deine Zeilen so wunderbar poetisch, dass mir dabei warm wird ums Herz.
Ich bewundere dein Talent, ... wie du etwas zur Sprache bringst.

bonanzaMARGOT - 06. Mrz. 16, 20:17

danke. das eigene talent einzuschätzen, ist schwierig, vor allem in der kunst.
der "talentierte" kratzt sich am kopf und wundert sich.

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