Dezemberdepression


Berlin hat einen bestimmten Geruch. Ich bin mir sicher. Egal, wo ich bin. Der Geruch meiner Heimat war anders. Ich durchlebe Tage, in denen die Vergangenheit wie Treibgut immer wieder auftaucht. Wenn ich stundenlang in der Schule sitze, bleibt mir genügend Zeit, mich Tagträumereien hinzugeben. Die Hühner (meine Mitschülerinnen) fragen mich manchmal etwas, und ich antworte, als ob ich aufwachen würde: „Was?“ Sie lachen: „Was meinst Du denn dazu?“ …
Sie haben sich damit abgefunden, dass ich oft einfach nur versunken in mich selbst im Klassenzimmer sitze, dabei kriege ich noch mehr mit, als sie glauben. Als Klasse wären wir sehr inhomogen, meinte eine Lehrerin. Manchmal, während ich so rumsitze, recherchiere ich Namen von alten Freunden und Bekannten im Internet. Vor kurzem wurde ich sogar bei einer Person fündig. Aber macht eine Kontaktaufnahme Sinn? Ich bin unsicher. Man muss nicht unbedingt die Geister des Gestern und Vorgestern beschwören…, sonst geht es mir noch wie Mr. Scrooge aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. Wer will schon vorgeführt bekommen, wie er ehemals (wirklich) war? Ich habe schon in der Jetztzeit Angst in den Spiegel zu schauen. Am besten gehe ich mit meinen Mitmenschen um, ohne darüber nachzudenken, wie ich auf sie wirke. Angeblich soll es gar nicht so schlimm sein…
Morgen veranstaltet die Schule eine Weihnachtsfeier – dafür fällt der Unterricht aus, Anwesenheitspflicht ist trotzdem. Solche Feiern waren mir schon immer ein Gräuel (von dem religiösen Hintergrund ganz abgesehen). Ich hoffe, dass ich mich frühzeitig abseilen kann. Kann mir irgendjemand erklären, wie man an solchen Veranstaltungen Spaß haben kann? Dieser konventionelle Druck ist einfach ätzend. Unser EDV-Lehrer sagte zu dem Thema, Demokratie sei eben die Diktatur der Mehrheit. Ich mag ihn. Er macht klare Ansagen, und er hat die Hühner im Griff…; außerdem habe ich bei ihm wirklich das Gefühl, etwas zu lernen.
Ich mache mir sehr viele Gedanken über die Zeit, konkret die Lebenszeit. Ist das alles nicht irrsinnig? Gut Fünf Jahrzehnte habe ich auf dem Buckel und hörte nie auf, das Dasein zu hinterfragen. Wenn ich dann den ganzen Weihnachtsschwachsinn sehe, fühle ich mich verhöhnt. Am Ende des Kalenderjahres scheint sich der Schwachsinn der Menschen zu verdichten: Weihnachten und kurz dahinter Silvester… Zufällig habe ich im Dezember auch noch Geburtstag.
Dazu kommt die Winterzeit mit den kurzen Tagen und der Kälte. Eine Mitschülerin fliegt in den Weihnachtsferien nach Gran Canaria. Letztes Jahr gönnte ich mir auch diesen Ausritt ans Meer und in die Sonne. Ich lieh ihr meinen Reiseführer. Ich bleibe in Berlin.

ein literarisches Tagebuch

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