Donnerstag, 16. Februar 2017

Ritchie


Wie alles anfing. Das Wasser floss noch schneller, und Gebüsche waren noch Gebüsche. Ritchie fuhr einen Fiat 500 mit Faltdach. Er war der erste von uns mit einem Auto. Wir waren Schüler des Ottheinrich-Gymnasiums. Die Schule lag in einem weitläufigen Komplex mit anderen Schulen und den Sportstätten am Stadtrand. Sie hatte nichts Besonderes, außer dass sie unsere Schule war. Tausend Pennäler wurden von mehr oder weniger dazu begabten Paukern unterrichtet. Jahr für Jahr wurden wir durch diese Wissensmühle gezogen, und plötzlich standen wir kurz vorm Ende. Zehn Jahre lang (inklusive Ehrenrunde) war diese Schule für mich zu einer meist ungeliebten Pflichtübung geworden. Andererseits entwickelten sich dort Freundschaften, die erste Liebe… Als mittelmäßiger Schüler am unteren Rand schlug ich mich so leidlich durch. Dementsprechend gehörten meine Kumpels nicht zu den Klassenbesten, sondern eher zu den Außenseitern. Was wir gemeinsam hatten: wir schissen auf die Schule (und überhaupt alles). Aber wir waren zu gut erzogen, um nicht eine Restdisziplin aufzubringen. Instinktiv wussten wir, dass ein Abbruch nur noch mehr Probleme brächte. Wir waren abhängig von den Eltern. Wir wussten nicht viel vom Erwachsensein und Geldverdienen. Was uns die Eltern vorlebten, erschien jedenfalls nicht sehr begehrenswert.
Ritchie war ein pummeliger, kleiner Typ, dem sehr früh die Haare ausgingen. Ich mochte sein Lachen, und er hatte schöne Augen. Und: er war kein Schwätzer. Schwätzer und Angeber waren mir schon immer ein Gräuel. Ritchie mochte Levis Jeans, Led Zeppelin und Fußball.
Endlich konnten wir unsere Entschuldigungen selbst schreiben! Den Sportunterricht am Nachmittag ließen wir gern ausfallen und unternahmen stattdessen eine Sause nach Heidelberg. Alles was weiter als fünf Kilometer von unserem Zuhause entfernt lag, bedeutete damals noch Abenteuer. Auf der Fahrt öffneten wir das Faltdach des Fiat 500 und sangen lauthals Beatles Songs nach oder französische Chansons, die wir bei unserem Französischlehrer gelernt hatten, einer der wenigen guten Pauker, ein Kettenraucher. Seine Stimme klang danach, und er lief ziemlich schlampig durch die Gegend. Aber wir hingen an ihm. Bei ihm fühlten wir uns verstanden.
In der Oberstufe hatten wir jede Menge Freistunden zwischen den Kursen (oder wegen Krankheit einer Lehrkraft). Ritchie fuhr oft für den Hausmeister mit der markanten Säufernase zum Supermarkt und besorgte dessen Lieblingswein für einen Obolus von zwei Mark. Das reichte für ein Sixpack Bier, das wir schnell noch vorm nächsten Unterricht vernichteten. Die Zeit bis zur nächsten Schulstunde musste dabei genau kalkuliert werden. In jedem Fall waren wir danach lustig drauf. So fing es damals an. Der Beginn meiner Alkoholkarriere.

ein literarisches Tagebuch

Kontakt



User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Es ist eine Frage der...
Es ist eine Frage der Prioritäten, die man für...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 14:57
stimmt, ich bin der eigentlichen...
stimmt, ich bin der eigentlichen frage ausgewichen......
david ramirer - 17. Nov, 07:26
nö. sehe ich nicht...
nö. sehe ich nicht so - aus der nähe. natürlich...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 07:08
@ david
man muss nur mal die zitate zu "arbeit" googeln. ich...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 06:11
"blöd, wenn man...
das sind dummerweise die meisten von uns. ich meine...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 06:04
@ steppenhund
keine frage, es gibt eine menge menschen die mit viel...
bonanzaMARGOT - 17. Nov, 05:54

Archiv

Februar 2017
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 2 
 4 
 5 
 9 
13
21
28
 
 
 
 
 
 

Neues in boMAs prosaGEDICHTE-Blog

Es gibt kaum eine Sache in der Welt, welche schöner geredet...
Es gibt kaum eine Sache in der Welt, welche schöner...
bonanzaMARGOT - 15. Nov. 17, 05:51
Der Rest
Wenn man die Welt durch sich selbst dividiert, bleibt...
bonanzaMARGOT - 15. Okt. 17, 15:17
Klo-Frage
Wie viel Kalorien hat eigentlich Scheiße?
bonanzaMARGOT - 14. Okt. 17, 12:57
Belletrist
Ich belle rum und find das Leben trist. Ich bin ein...
bonanzaMARGOT - 03. Okt. 17, 09:05

Suche

 

Extras



prosaGEDICHTE (... die Nacht ist gut für die Tinte, der Tag druckt die Seiten ...)

↑ Grab this Headline Animator


Von Nachtwachen und dicken Titten

↑ Grab this Headline Animator












Status

Online seit 3718 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 17. Nov, 14:57