Montag, 8. Juli 2013

Basel


Schon mal eine Ameise beobachtet, wie sie hin und her krabbelt? Aber letztlich findet sie ihren Weg, ihre Richtung. So ähnlich funktioniert das gesamte Leben. Nur wir Menschen denken, wir seien eine Ausnahme. Jedenfalls denken wir das oft. Wir wollen uns nicht eingestehen, dass wir auch nur herumirren. Das gilt für den Einzelnen genauso wie für Nationen oder die gesamte Menschheit.
Ich erzähle der Taxifahrerin, dass ich mit dem Zug nach Basel fahre. „Kennen Sie dort jemanden?“ fragt sie. „Ja“, antworte ich. Der Morgen ist schön, der Himmel blau, wunderbares Reisewetter. Die Fahrt zum Bahnhof dauert etwa zwanzig Minuten. Wir sprechen über die vielen schönen Städte, die zu einem Tagesausflug einladen. Die Taxifahrerin meint, dass sie viel zu selten solche Ausflüge macht; schließlich könne man nicht wissen, wie lange man dazu noch in der Lage sei. Ich stimme ihr zu und nenne einige schöne Ausflugsziele, um ihr den Mund wässrig zu machen; aber ich merke schon, dass sie das wahrscheinlich nie in die Realität umsetzen wird. Es ist ein schöner Morgen zum Träumen. „Mein Mann ...“, sagt sie und seufzt. Tja.
Am Bahnhof sehe ich eine Menge Ameisen mit Reisegepäck hin und her laufen. Ich sitze auf dem Bahnhofsvorplatz in der Sonne, trinke ein Bier und warte auf meinen Zug.
Basel. Wie lange war ich nicht in Basel? Und warum? Ich weiß, warum. Weiß ich wirklich, warum?
Nein. Schon bin ich im Zug. Ich habe reserviert. Ich döse auf meinem Platz – Karlsruhe, Offenburg, Freiburg. Und plötzlich stehe ich auf dem Bahnsteig am Badischen Bahnhof, als wäre ich dorthin gezaubert worden.
Wir treffen uns am Rhein. Ich kann es nicht glauben. Wir sitzen am Ufer, wir gehen spazieren. Es gibt einiges zu erzählen. Die Zeit verstreicht. Wir sind zwei Ameisen, die nebeneinander durch die Stadt laufen. Erinnerungen, Wolken, Wasser … Vieles streift mich. Ich bin froh, dass wir uns in die Augen sehen. Zwischendurch fallen dicke Tropfen vom Himmel.
Das Leben ist ein unerklärlicher Traum. Kann man in einem Traum noch träumen? Die Tränen steigen mir oft in die Augen. Dann der Abschied. Wir hatten einen schönen Tag in Basel. Ihr geht es gut. Ihren Kindern geht es gut. Sie ist eine stolze Frau, eine gute Mutter. Mir fehlen die Worte. Ich werde auch nicht die richtigen Worte finden. Ich bin in der Tram. Mein Zug zurück geht halb Elf vom Badischen Bahnhof. Zwei Uhr bin ich zuhause.
Hier. Genau hier. Ist es wirklich mein Zuhause? Es ist meine kleine Ameisenhöhle. Ich grinse. Die Sonne scheint auch heute. Aber anders.




am Rhein




Spaziergang an der Wiese




Abschied

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