Samstag, 9. März 2013

Das Wachbleibe-Experiment


Ich beschloss, nach dem Nachtdienst wach zu bleiben. So könnte ich zum Frisör gehen und danach einkaufen. Lange hatte ich hin und her überlegt. Ich müsste am Nachmittag nicht mehr aus dem Haus. Am meisten lag mir am fälligen Haarschnitt.
Bereits 7 Uhr 30 erreichte ich den Hauptbahnhof. Fluten von Schülern, Diensttätigen und Reisenden liefen mir entgegen. Es galt, die Zeit bis zur Öffnung des Friseurgeschäfts zu überbrücken. Gut, dass es nicht sehr kalt war. Mit einer Dose Bier setzte ich mich auf eine Wartebank in der Bahnhofshalle und betrachtete die vorbeieilenden Menschen. Sie kamen in Schüben, immer wenn ein Zug eingefahren war. Bis 9 Uhr sah ich ein ganzes Panoptikum an Menschen. Und Frauen! Jede Menge klasse Frauen! Ich musste nicht nur gegen die Müdigkeit ankämpfen … Was wird erst im Frühling?! Auf der anderen Seite finde ich es beruhigend, dass sich noch etwas regt.
Endlich öffnete der Frisör im Hauptbahnhof. Dem Türken, der mir die Haare schneidet, muss ich nichts mehr sagen. Eine schnelle Sache von zehn Minuten, und ich bin fertig. Sein Standardspruch: „Nun fühlen wir uns wieder sauber.“ Ich bedankte mich und ging ins Zapato-Restaurant gegenüber. An die Bar. Die Blase drückte. Also trank ich noch ein Bier, damit es sich lohnte.
Es war ein sonniger Tag. Meine Augen wurden kleiner und kleiner. Ich erledigte den Einkauf in der Stadt und schaute auf den Fahrplan. Bis zur nächsten Straßenbahn hätte ich noch etwas Zeit. Da mir blöd rumstehen nicht liegt, setzte ich mich ins Café Petit Paris. Mein Lieblingstürke* hinter der Bar begrüßte mich freundlich. Auch er weiß, was ich will. „Dunkles?“ fragt er, und ich nicke. Das Café war noch leer, und er sprach mich auf ein Fußballspiel an. Obwohl ich eine sehr rudimentäre Ahnung von Fußball habe, unterhielten wir uns ein Weilchen darüber. Ein neuer Gast setzte sich an die Bar. Auch ein Türke. Ein Bekannter der Bedienung. Wir kamen ins Gespräch. Über Politik. Das war schon besser. Querbeet. Als er sagte, dass er Helmut Kohl mochte, war ich enttäuscht. Ich konnte meine Enttäuschung vor ihm nicht verbergen, und er versuchte seine Aussagen über Kohl zu relativieren. Aber bei mir war sowieso die Luft raus. Ich spürte, wie mich die Unterhaltung immer mehr anstrengte. Mein Lieblingstürke stellte mir unaufgefordert einen Schnaps auf die Theke. In der Zwischenzeit waren bestimmt ein Dutzend Straßenbahnen abgefahren. Ich riskierte einen Blick auf meine Armbanduhr: 13 Uhr.
Die Helligkeit des Tages und das städtische Getümmel brüllten mir draußen entgegen. Ich stieg in die Straßenbahn. Die oberen Augenlider wurden schwer wie Kanaldeckel. Der Nebel um mich herum immer dichter. Es war eine Form von geistigem Nebel, den nur ich wahrnahm. Wahrscheinlich purer Selbstschutz. Massen von Schülern sprangen lärmend durch die Gegend. Sie hatten Schule aus, waren vierzig Jahre jünger und freuten sich des Lebens.
Gegen 14 Uhr fiel ich ins Bett. 30 Stunden war ich durchgehend wach. Es soll Leute geben, die mehrere Tage ohne Schlaf auskommen. 2007 schaffte ein Brite 266 Stunden. Unvorstellbar!
Nun, wenigstens hatte ich wieder einen sauberen Haarschnitt … Ansonsten fühlte ich mich grausam. Grausamer geht`s kaum.

(* Mein Lieblingstürke ist Iraner.)

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