Sonntag, 20. Januar 2013

Der Tod kommt immer überraschend


„Auch wenn man weiß, dass der Tag kommt, ist man dann doch überrascht, wenn es so weit ist“, sagt die alte Frau. Ich stehe neben ihr am Bett ihres verstorbenen 97 jährigen Mannes. Vor der Tür warten die Bestatter, um ihn abzuholen. Sie berührt seine gefalteten Hände. „Er hatte schon die letzten Tage so kalte Hände. Ach!“ seufzt sie, „wir müssen ja alle mal sterben.“ „Ja“, erwidere ich, „das wird auf uns alle zukommen.“
Es ist bereits spät am Abend. Tochter und Schwiegersohn stehen auch draußen. Sie machen Druck. Sie sind bereits vier Stunden da, - wollten noch warten, bis die Bestatter kommen. Ich sehe sie als Nachtwache zum ersten Mal. Die wenigsten Angehörigen kenne ich und begegne ihnen erst bei einem Sterbefall. Sie erzählen mir, dass sie auf der Fahrt nach Tirol waren. Der Tod des Vaters kam schließlich doch schneller als gedacht „Aber sollen wir deswegen unsere ganzen Pläne ändern?“, sagt mir die Tochter. Sie hat rot-verweinte Augen. Ich antworte, dass ich Verständnis dafür habe, wenn man als Angehörige nicht rund um die Uhr verfügbar ist.

Ich stehe mit Frau B am Bett ihres verstorbenen Mannes und spüre, dass sie zwar weiß, was passierte, es aber noch nicht fassen kann. Sie sträubt sich ein wenig dagegen, dass er nun abgeholt wird. Von draußen erklingt die ungeduldige Stimme des Schwiegersohns, dass sie nun kommen solle, damit die Bestatter ihre Arbeit machen können. Nein, so drastisch sagt er es nicht. Auch ich bin unter Druck, weil inzwischen einige Klingeln aufleuchten.
Schließlich folgt Frau B unter gutem Zureden. Ich halte ihre Hand.
Als ich von den Klingeln zurückkomme, ist alles erledigt. Ich bringe Frau B zu Bett. „Wir waren sehr lange zusammen“, sagt sie, „warum lässt uns der Herrgott am Ende so leiden? Warum nimmt er uns nicht früher zu sich?“ „Ich weiß nicht“, sage ich und helfe ihr in den Schlafanzug, „den Plan des Herrgotts kenne ich nicht.“ „Ja, den kennt niemand“, meint sie.

Es ist fast Mitternacht, als ich endlich etwas Luft habe, um mich auszuruhen. Die Müdigkeit kommt wie eine dunkle Wand auf mich zu. Ich versuche mich mit Fernsehen abzulenken. Ich sehe im Laternenlicht Schneewehen: Der Wind zaubert gespenstische Skulpturen in die Nacht. Das TV-Programm läuft an mir vorbei. Die Altenheimbewohner sind unruhig und lassen eine längere Verschnaufpause kaum zu.

Am Morgen, als die Kollegen mich ablösen, setzt Eisregen ein. Noch eine Nacht, denke ich.

ein literarisches Tagebuch

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