Freitag, 11. Januar 2013

Der erste Sonnentag


Der erste Sonnentag in diesem Jahr. Unwirklich. Gleißend hell, als ich aufwache. Ein Nachtdienst wie tausende liegt hinter mir. Allein mit den schlafenden Geistern des Hauses. Wenn sie denn schlafen. Manchmal erschrecke ich vor meinem eigenen Spiegelbild hinter der Scheibe des Dienstzimmers. Ich murmele vor mich hin: „Was mache ich hier?“ „Bin ich das?“ „Ist das meine Stimme? Mein Schatten?“ Als ich den Flur entlang gehe, wird der Weg immer länger …
In der Routine eile ich mir selbst im Geiste voraus, sehe mich bereits die Windeln wechseln, die Urinflasche anlegen oder die Bettpfanne unterschieben.
Dann öffne ich die Zimmertür, lächele unwillkürlich.
„Ach, Sie sind es. Wie spät haben wir denn?“
„Zwei Uhr.“
„Dann muss ich ja noch schlafen.“
„Noch ein paar Stündchen.“
„Kann ich etwas zu Trinken haben?“
„Aber natürlich.“
Ich blicke durch das Fenster in die Dunkelheit, hinunter zu den Lichtkegeln der Laternen und fülle den Schnabelbecher mit Wasser, reiche ihn der Greisin.
„Danke.“
Es reicht, dass ich da bin. Der kleine Raum ist vollgestellt mit Rollator, Toilettenstuhl und Tisch. Vor ihrem Bett eine Urinlache. Es kommt immer häufiger vor, dass sie es nicht rechtzeitig auf den Toilettenstuhl schafft. Ich wische auf.
„Oh je“, sagt sie, „nun müssen Sie auch noch den Boden putzen.“
„Macht nichts. Schon erledigt.“
Ich bleibe noch kurz bei ihr am Fußende des Pflegebettes.
„Wie spät ist es?“
Freundlich erkläre ich ihr nochmals die nächtliche Stunde. Sie hat Angst, dass am Morgen niemand zu ihr kommt. Wenn sie eine schlechte Nacht hat, klingelt sie vier- oder fünfmal und fragt nach.
Früher erzählte sie viel von ihrer Familie und aus ihrem Leben. Nun fallen ihr die Worte nicht mehr ein. Urplötzlich kommt ihr ein altes Gedicht in den Sinn, und sie sagt eine Strophe auf, stockt. „Weiter weiß ich nicht“, lacht sie.

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